Mutterliebe

IMG_7469Schon seit Tagen hat Amelie ein großes Ziel. „Heute springe ich vom Einser!“ Während ich versuche, mich aufs Badesachenpacken zu konzentrieren, sprudelt meine Siebenjährige wie eine Flasche Mineralwasser. „Vielleicht springe ich erstmal vom Startblock, um mehr Mut zu bekommen?“ „Das machst du, mein Schatz“, sage ich und lege soviel Zuversicht und Vertrauen wie nur möglich in meine Stimme.

Eine Stunde später sind wir im überfüllten Freibad, dessen Schwimmerbecken mit Kindern, Jugendlichen und Muttis vollgepackt ist. Ich bekomme einen akuten Anfall von totaler Reizüberflutung und möchte mich am liebsten in der Umkleidekabine in Fötusstellung auf die versiffte Bank legen. Aber da ist meine aufgeregte Tochter mit ihrem großen Plan. Sie zerrt mich Richtung Startblock. „Warum sind alle anderen Muttis schon so braun?“ denke ich neidisch, während ich mit meinen Käsebeinen an ihnen vorbei eile. Amelie winkt bereits vom Startblock und ich lenke meine Gedanken zurück zu meiner Tochter. „Es geht heute im Schwimmbad mal nicht um dich, um deine Käsebeine und Speckhüften und Pickelchen auf den Oberarmen. Reiß dich zusammen und stell dich nicht so an,“ schimpfe ich leise mit mir selbst.

Amelie springt ein paar Mal wie ein junges Hündchen vom Startblock ins Wasser und hat immer mehr Gefallen an ihrem eigenen Mut. Dann blickt sie todesmutig in Richtung Ein-Meter-Brett, vor dem sich eine große Schlange Kinder und Teenies gebildet hat. „Jetzt, Mama! Jetzt spring ich vom Ein-Meter-Brett. Heute mach ich es wirklich! Aber kannst du bitte zuerst springen?“

Danke, mein Kind. Ich komm mir saublöd vor in meinem Retro-Badeanzug mitten unter bikini-bekleideten Teeniemädels, die noch nicht über Körbchen-Größe A hinausgekommen sind. Anlauf, Sprung, Platsch. Gott sei Dank habe ich eine gewisse Neigung zur Selbstdarstellung.

Jetzt ist Amelie an der Reihe. Zögernd schiebt sie einen Fuß vor den anderen. Metallische Sonnenstrahlen brechen sich im Wasser. Ich spüre in meiner Magengegend einen Kloß, ein drängendes „Na-komm-mach-schon-es-ist-nicht-schlimm“. Amelie hat das Ende des Sprungbretts erreicht und steht dort wie eingefroren. In ihrem Gesicht spiegeln sich Sonnenreflexe und Zweifel. Sie schaut mich an, sucht in meinem Gesicht nach Bestätigung. Ich nicke und verberge meine aufsteigende Panik hinter einem Lächeln. Die Schlange vor dem Einserbrett wächst. Unmut wird laut. Amelie erstarrt. Kann weder vor noch zurück und ich spüre ihre erstickende Angst, als wäre es meine eigene. Die Zeit bleibt stehen. Amelie bleibt stehen. Die Menge murrt. Ein einzelner Junge ruft: „Es ist nicht schlimm. Trau dich!“ Ich blicke ihn zutiefst dankbar an.

Weitere Minuten verrinnen in Zeitlupe. Amelie setzt sich hin und versucht sich aus dem Sitz heraus ins Wasser gleiten zu lassen. Die Angst bremst sie. Meine Tochter beißt sich auf die Lippen. „Du kannst jetzt entweder springen oder umkehren!“ rufe ich ihr zu. Aber sie bewegt sich immer noch nicht. Bis der Bademeister ihr sehr ruppig zu verstehen gibt, dass sie nun den Einser freimachen müsse. Wie ein begossener Pudel dreht sie sich um, schiebt einen Fuß vor den anderen und verlässt mit hängendem Kopf das Brett. Sie fällt in meine Arme, schluchzend. „Mama, ich wollt es so gerne schaffen und hab mich blamiert!“ 

Im Moment ihres Versagens, ihrer Scham, ihrer Verzweiflung platzt mein Herz vor Liebe für dieses Kind. Ich beuge mich zu ihr hinunter, nehme sie in den Arm. „Ich hab dich so lieb, ganz egal ob du vom Einser springen kannst oder nicht. Aber ich weiß, für dich ist es gerade schlimm.“ Mein Kind weint in meinen Retro-Badeanzug und ich halte sie fest, während hinter uns schlaksige Teenies Arschbomben vom Ein-Meter-Brett machen. Ich wünschte, ich könnte ihren Schmerz wegnehmen. Aber es gibt keinen Schmerz-Weg-Spruch, keine Abkürzung zurück ins Happy-Clappy-Land. Sie muss sich durch ihren dornigen Schmerz hindurchhangeln, mit meiner bedingungslosen Liebe als Hangelhilfe.

Nachts kann ich nicht schlafen und meine Gedanken wandern immer wieder zu dieser Szene am Beckenrand zurück. Ich kann nicht anders als jetzt an Gott zu denken. Wie er am Beckenrand meines Lebens steht und mir zusieht. Nicht als richtender kleinkarierter Bademeister. Oder als kopfschüttelnder Drängler hinter mir. Sondern als Mutter, die mir Mut für den nächsten Schritt macht. Manchmal schaffe ich ihn, diesen Schritt. Und manchmal gehe ich fünf Schritte zurück. Steige hinunter vom Sprungbrett. Ich habe es nicht geschafft. Ich schäme mich so sehr.  Da steht sie dann schon bereit, meine Mutter, die alles wie ihren eigenen Schmerz mitgefühlt hat. „Ich hab dich lieb, ganz egal, ob du es geschafft hast oder nicht.“ 

„Und wenn ich zum Hundertsten Mal versagt habe?“ „Dann hab ich dich zum Hundertsten Mal lieb.“

Das geht schwer rein, in meinen Schädel, der von Leistungsgedanken und Sorgen und Ängsten ganz verformt ist.

„Und du hast mich auch lieb in meinem Retro-Badeanzug, mit meinen Käsebeinen, meinen Speckhüften, meinem mittelmäßigen Versagen als Mutter, Ehefrau und Christus-Nachfolgerin?“ 

 

„In Momenten deines Versagens und wenn ich dich so in deinem Retro-Badeanzug in deiner ganzen Veronika-heit sehe, platzt mein Herz vor Liebe zu dir, mein Kind.“


 

PS: Ich habe Amelie um Erlaubnis gefragt, ob ich diese Geschichte im Blog veröffentlichen darf. „Nur, wenn am Ende etwas Gutes steht,“ so lautete ihre Antwort.

14 Kommentare zu „Mutterliebe

  1. tolle Antwort 🙂 „Nur, wenn am Ende etwas Gutes steht“
    Genau das ist es, was Gott mit unserem Versagen macht! Am Ende etwas Gutes – egal wie die Geschichte vorher verlaufen ist!
    Danke, Amelie und Veronika

  2. das ist ganz wundervoll und bewegend. Gott als liebende Mutter mit Retro Badeanzug und streichelnden Händen. Diese Vorstellung ist ganz wundervoll.
    Und wirklich, im Ernst: Du bist vom 1er gesprungen! Nie, nie, nie würde ich das tun du obercoole Mutti du! So voller Liebe, dass du das durchgezogen hast.

  3. Ach Veronika, war das ein Blogeintrag. Er hat mir die Tränen in die Augen getrieben. So wunderbar geschrieben, so treffend gesagt! WOW, was für eine Mutterliebe, was für ein mütterlicher Gott! Gänsehaut pur… Danke, danke, danke.

  4. Das erinnert mich daran, als ich zum ersten mal vom 1er gesprungen bin… Man war ich nervös! Irgendwann hab ich meine Mama gefragt: wenn ich den Opernball eröffne, bist du dann stolz auf mich? Und ihre antwort war: ich bin IMMER stolz auf dich, da brauchst du keinen Ball eröffnen!
    Ps: ich hab auch noch ganz käsige beine, obwohl ich seit anfang mai in der Sonne lieg…

  5. Jaaa, es gibt eben diesen „Reset-Button“ nicht und auch keine andere Möglichkeit, solchen Situationen zu entfliehen… Sehr berührend, danke fürs Teilen.

  6. Ich sitze gerade im Büro an meinem Schreibtisch und wische mir schnell, schnell, bevor einer reinkommt, die Tränen aus dem Gesicht!
    Liebe Grüße und Danke
    Rosalina

  7. ich muss mich auch anschließen, mit weinenden Augen und schniefender Nase schreibe ich, das war ein sehr tiefgehender und tröstlicher Beitrag von vorne bis hinten,
    Danke an Amelie und Veronika

  8. Liebe Veronika, vielen Dank dir für diesen wunderbaren Beitrag! Ich habe beim Lesen wirklich mit euch gelitten und von allen Gottesbildern ist dieses vielleicht eines der berührensten, das ich je lesen durfte. Welch ein wunderbarer Gedanke und so tröstlich. Dein Blog ist für mich zu einem kleinen Schatzkästchen geworden. Vielleicht ist es schön für dich zu wissen, dass du für andere Mamas eine wirkliche Bereicherung bist. Also Ein dickes Danke dir und natürlich Amelie!

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