Back to the roots – Breslau

1959 haben meine Eltern geheiratet. Damals hatte mein Vati eine vorwitzige Haartolle und Mutti sah ein bisschen aus wie Grace Kelly.
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Fast 57 Jahre später sitzen Mutti und Vati in einem hochmodernen Reisebus – gemeinsam mit Kindern, Enkelkindern, einer Urenkelin, Schwiegertöchtern, Schwiegersöhnen. Auf ihrer Lebensreise ist aus einer Zweierschaft eine ganze Sippschaft gewachsen. Faszinierend! Unsere Fahrt geht nach Breslau -heute das polnische Wroclaw – woher meine Mutti stammt. Es war ihr brennender Wunsch, uns ihre schlesische Heimat zu zeigen. Wo sie geboren wurde und die ersten 7 Jahre ihres Lebens verbrachte.

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IMG_1078_edited-1IMG_1081klein_edited-1IMG_1080klein_edited-1IMG_1090klein_edited-2Ich wusste ja schon so einiges über Muttis Breslauer Leben, über ihre Flucht im eiskalten Winter.

Aber erst mit der Reise wurden die alten, oft gehörten Erzählungen greifbar, lebendig.
Zum Beispiel die Bärenstraße, in der sie wohnte. Alte, klassizistische Häuser, gesäumt von Bäumen. Heute stehen hier deprimierende Plattenbauten. Als die Sowjets 1945 Breslau stürmten, blieb hier kein Stein mehr auf dem anderen. Es war sozusagen ein Mini-Stalingrad.

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„Von hier aus sind wir bei -16 Grad losgezogen…“

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Oder Muttis Shoppingtrip ins Kaufhaus Wertheim, wo sie zum ersten Mal Rolltreppe fuhr.

IMG_1409kleinIMG_1415_edited-1(Ich habe mich in dieses Gebäude verliebt. Wirklich. Ich steh total auf Bauhaus-Architektur.)

Oder das Haus meiner Urgroßeltern auf dem Land, in dem Mutti mit ihren Geschwistern so manche Sommertage verbrachte.

IMG_1128_edited-1IMG_1134kleinIMG_1138IMG_1145_edited-1Oder die Häuser von Cousinen und Cousins, wo Mutti Kühe hütete und in der weiten schlesischen Landschaft träumte und spielte.  Die Häuser und die Verwandten gingen während der Kriegswirren verloren.

IMG_1174kleinIMG_1178kleinIMG_1183_edited-1IMG_1190kleinIMG_1193_edited-1IMG_1203klein

Oder die Schweidnitzer Friedenskirche, in der mein Urgroßvater getauft wurde.

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Oder die herrlichen Breslauer Stadtstraßen und Parks, durch sie bummelte. 75 Prozent wurden zerstört, weil der damalige Gauleiter Hanke die Stadt nicht aufgeben wollte. Außerdem ließ er kaltblütig ein Jugendstil-Viertel sprengen, verpflichtete tausende Kinder, Schwangere und Alte zur Zwangsarbeit, damit sie ihm eine Flugbahn schaufelten. In dem einzigen Flugzeug, das jemals startete, saß der Gauleiter persönlich. Nur mal so am Rande…

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Oder die Markthalle, in der meine Oma als junge Frau arbeitete.

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Wir hörten soviele Geschichten. Und fast alle waren durchdrungen von Melancholie und Tragik.

Aber neben den traurigen Erzählungen steht Breslau mit seinen neuen Geschichten, mit seinen neuen Gesichtern, mit jungem bunten Leben. Inmitten der Welten- und Menschenzerstörung keimt immer wieder Hoffnung auf. Der Mensch schüttelt Asche, Bombenstaub, Verlust ab und macht weiter. Aus den Trümmern ist ein neues Breslau gewachsen.

IMG_1270kleinIMG_1306kleinBreslau ist voller Zwerge….man muss nur die Augen offen halten!
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IMG_1350kleinWir haben ihn gefunden – den vollgefressenen Zwerg vor dem Pizza Hut!!

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Ich habe meine Wurzeln kennengelernt. Die haben sich fremd-vertraut angefühlt. Und irgendwie ist meine Bewunderung für uns Menschen gestiegen. Weil wir eine Spezies aus Widerständlern, Überlebenden und Stehaufmännchen sind.

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20 Kommentare zu „Back to the roots – Breslau

  1. Meine Mama ist auch aus Breslau und leider gestorben als ich fast zehn Jahre alt war!
    Jetzt hab`ich einen klitzekleinen Einblick auch in meine Geschichte bekommen!

  2. wunderschöne Fotos! Und gerade Breslau – die Heimat unserer Oma- so einen Familienausflug müssten wir auch mal machen!

  3. Liebe Veronika,
    diese superschönen und interessanten Fotos machen mir richtig Lust auf Breslau. Auch ohne Familiengeschichte. Vielen Dank für diese Eindrücke.

  4. Liebe Vroni,
    ja, das sind ganz besondere Reisen in die Vergangenheit. Ich denke an zwei, die erste noch mit meiner Oma, ins Sudentenland/Riesengebirge. Das ging ganz persönlich für mich unheimlich tief und war ein Nachhausekommen. Auch mit Prag, das hunderte Kilometer von den Heimatorten der Familie meiner Mutter entfernt ist, geht mir das jedes Mal so. Erklären kann man so was nicht.
    Herzliche Grüße
    Angelika

      1. Ach, eben checke ich, wahrscheinlich hast Du gar nicht den Bezug zur Angelika aus Eyrichshof herstellen können… also: ich war’s 😉

  5. Wir waren letztes Jahr mit meiner Mutter ein paar Tage in Schlesien. Die nächst größere Stadt dort ist Waldenburg, und hier in ihrer neuen Heimat hat sie die Waldenburger Berge vor der Haustür. Es waren sehr schöne Tage dort, die Landschaft ist einfach herrlich. Für meine Mutter war es natürlich sehr emotional und sie war sehr glücklich uns ein Teil ihrer Vergangenheit zeigen zu können. Vor allem das wirklich alles so ist, wie sie es immer erzählt hat. Durch deine wunderbaren Bilder bekommt man wieder Lust hinzufahren, so wäre es ja nicht

  6. Vielen Dank Veronika für die guten Bilder….habe immer noch Gänsehaut….und bei den unteren Bildern Tränen in den Augen….als Halbschwäbin mit schlesischem Opa und preußischer Oma die es bis jetzt leider noch nicht in deren alte Heimat geschafft hat….mit einer Lücke im „Herzen“…..sei lieb gegrüßt

    1. Wünsche euch, wenn es Euch gelingen würde gemeinsam in die alte Heimat zu fahren. Mein Vater kommt aus Ostpreußen, mit seinem Bruder war er vor Jahren mal dort. Seiner Frau konnte er es nicht mehr zeigen, aber er war mit ihr in Schlesien. Ich muss sagen mir persönlich war es nicht so wichtig die Heimat meiner Mutter kennenzulernen, aber mein Sohn war zum Glück die treibende Kraft. 5 Personen plus Hund in einem Auto, Halleluja!!!

      1. Danke Birgit, ist ja interessant, das bei euch auch die Enkelgeneration mehr Interesse hat als die Kinder bzw. die Enkel die“Treiber“ sind.
        5 Personen im Auto mit Hund :-)) – Hut ab, da hoffe ich für euch,dass euer Auto groß genug war 😉

    1. Ja, find ich auch. Die durften die Evangelischen direkt nach dem 30-jährigem Krieg bauen. Aber ohne Kirchturm und außerhalb der Stadtmauern. Dafür haben sie innen umso mehr „geprotzt“ (getrotzt).

  7. Boah – deine Mama war ja bildhübsch als junge Frau. Der Wahnsinn. Genau wie deine Familiengeschichte. Mein Uropa kam aus Warschau und ich bin froh, dass ich mal seine Heimatstadt kennengelernt habe. Da er nach dem Krieg einfach nicht mehr zurück gegangen ist, sondern meine Uroma geheiratet hat, konnte er nie wieder zurück. Er ist 1988 gestorben und hat somit den Zusammenbruch des Ostblocks und die Möglichkeit, nach Hause zu gehen, nicht mehr erlebt. Seinen Bruder kennenzulernen, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war, war für mich sehr berührend, als ich 1994 mit meinem Opa dort war.

  8. Wunderschöne Fotos 🙂 meine eine Großmutter war auch aus Breslau und irgendwann werde ich die Reise dort hin auch noch machen und dann gleich noch weiter nach Norden hoch nach Memel, die Geburtsstadt meiner anderen Oma.

  9. Über den anderen Beitrag bin ich nochmals über diesen gestolpert. Breslau „kenne“ ich über das Buch „Engel im KZ“, einer bewegenden Biografie einer deutschen Jüdin, die in Breslau wohnte. Herzliche Grüsse!

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