Über Einsamkeit, Mut und wundervolle Frauen

Zweimal dieses Wochenende war ich auf einem 40. Geburtstag. Ich muss der offensichtlichen Tatsache ins faltige Gesicht blicken: Meine Freunde und ich haben den Anschluss an die hippe Generation verloren.

Am Freitagabend waren Sally und ich auf einem Geburtstag eingeladen, mit Musik und Worten die Gäste zu unterhalten. Das Wohnzimmer war bis auf den letzten Platz besetzt und das Büfett in der Küche hätte die russische Armee satt machen können. Wenn Sally und ich auftreten, bin ich mir nie sicher, wer mehr Spaß an der ganzen Sache hat: Wir beide oder das Publikum. In der Programmpause stand ich mit einer der Gästinnen in der Küche und unterhielt mich. Sie seufzte: „Es wird mit zunehmendem Alter schwieriger neue Freundschaften aufzubauen.“ Ich pflichtete ihr aus tiefstem Herzen bei.

Mir ging das Gespräch nicht aus dem Sinn. Ich war in jungem wie fortgeschrittenem Alter nie besonders gut darin war, Freundschaften aufzubauen, vor allem nicht mit Frauen. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich oft unsicher, hatte Angst, dass ich nicht mithalten könne. Es gab ganz fürchterlich einsame Zeiten in meinem Leben. Die Art von Einsamkeit, die einen gegen die Wand drückt, die Luft zu Atmen raubt, einem die Kehle so zuschnürt, dass selbst ein Trostwein nicht mehr durchgeht. Bekannte hatte ich, aber nicht die Art von Freunden, bei denen ich mich auf die Couch fallen lassen und an ihren Kühlschrank gehen konnte. Mir fehlte diese Art von Menschen ganz fürchterlich. Menschen, die ich mir ausgesucht und bei denen ich Heimat habe. Heimat in Gesprächen, auf ihrer Couch, in gegenseitiger Zuneigung, an ihrem Tisch. An so manchem Geburtstag hab ich geheult, weil das Telefon stumm, der Briefkasten leer blieb. Etwas musste ganz fürchterlich verkehrt sein an mir. Unliebenswert.

Und dann kommen so Phasen wie….jetzt. Als wolle Gott alles gutmachen, was früher fürchterlich in die Hose gegangen war, als wolle er meinem Leben ein Kapitel hinzufügen, das eine neue Geschichte erzählt. Ich habe in den letzten Jahren so viele Frauen kennen gelernt. Und manche sind geblieben. Ich verliere Furcht, gewinne Mut. Auch den Mut, Schritte zu wagen, die ins Nichts führen könnten. Und doch führen sie öfters in neue Freundschaft, als in die Leere. Und so stehe ich jetzt mit über 40 Jahren verblüfft und dankbar da und denke: „Freundschaften fallen vielleicht nicht mehr so leicht wie mit 20, aber Mut und Tiefe wachsen mit jedem Jahr.“

Heute Vormittag habe ich mich mit Heike Malisic zum Brunchen getroffen. Wir kennen uns schon eine Weile übers Internet, aber wir wollten uns live und in Farbe kennenlernen. Ich hatte Angst und Mut und nach drei Stunden Quatschen wussten wir, dass wir uns mögen. Nachmittags war ich wieder auf einem 40. Geburtstag. Zusammen mit neuen, ganz wunderbaren Freundinnen.

Ich habe heute zugehört, mir wurde zugehört. Ich wurde ermutigt, ich habe ermutigt. Das brauche ich so sehr – außerhalb meiner Familie mit ihren manchmal dornigen Beziehungen. Jetzt bin ich todmüde und erledigt und freue mich wie ein Schnitzel darüber, was für wundervolle Frauen diesen Planeten bereichern.

Ich wünsche uns diese Woche Mut. 

Mut, unsere Einsamkeiten anzunehmen und zu durchleben. 

Mut, unsere Einsamkeiten zuzugeben. 

Mut, neue Schritte zu wagen. 

Vielleicht wartet ein besonderer Mensch direkt ums Eck. 

 

 

 

 

 

 

22 Kommentare zu „Über Einsamkeit, Mut und wundervolle Frauen

  1. Wenn man sich darauf festlegt, daß neue Freundschaften mit zunehmendem Alter schwieriger werden, dann wirkt das wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Vielleicht klappt eine bestimmte Form von Freundschaft im jüngeren Alter schneller, was nichts über Qualität sagt.

    1. Die Lebensmitte ist so voll, dass Freundschaften sehr viel weniger Platz haben als früher. Mit Anfang 20 konnte man noch nächtelang philosophieren und Rotwein trinken und um die Häuser ziehen. Bei langjährigen Freundschaften kann man dann auf viel zurückgreifen, was man gemeinsam er- und durchlebt hat. Neue Freundschaften haben dieses tragende Fundament (noch) nicht und da braucht es Zeit (die wir so wenig haben!) um in sie zu investieren. So geht es mir zumindest. Und vielleicht ist auch nicht mehr soviel Vertrauen da wie früher. Wie dem auch sei – ich erlebe ja gerade das Gegenteil und das hilft gegen selbsterfüllende Prophezeiungen 🙂

  2. Danke. Schreibe gerade etwas über Einsamkeit in mein Tagebuch, haha. Erkenne mich in allem wieder, was du schreibst, und das tut gut, dass es wohl noch so einen komischen Menschen gibt (Angst vor anderen Frauen, wie lächerlich).
    Bin nur leider noch nicht in der „Ü40-/Gott macht alles wieder gut“- Phase.
    Wenns mir gut geht komme ich auch ohne Freundinnen klar, hab ja auch Mann und Kinder. Aber wenn ich wie jetzt gerade vor einer großen Herausforderung stehe, wird die Lücke plötzlich riesengroß und schmerzhaft.
    Danke jedenfalls für deine Ehrlichkeit und Ermutigung.
    Allerdings, wenn man gerade richtig bedürftig und verletzlich ist, ist vielleicht auch nicht die beste Zeit für mutige Schritte auf andere zu…

    1. Liebe A. Ich kenne das. Die Zeiten, in denen man seine Hand nicht ausstrecken kann und nur hofft, dass irgendjemandem einfällt sie zu nehmen. Solche Menschen wünsche ich dir ganz fest. Die auf dich zu gehen und dir Freundschaft schenken! Wir durchschreiten immer völlig unterschiedliche Lebensphasen – das heißt nicht, dass mit Ü40 alles gut ist 🙂 Und das was Gott gut macht, fühlt sich manchmal gar nicht so toll an.Ich habe in meinen Einsamkeiten viel gelernt (auch wenn ich gerne drauf verzichtet hätte)…
      Alles Gute, Gottes Segen und MUT!

    2. Ich bin ganz neu hier – und mir kommen gerade die Tränen, weil … ich mich hier so wiederfinde. Als hätte ich das geschrieben, A.! Es tut gut zu wissen, dass es nicht nur mir so geht – irgendwie ist das ein neues, altes Gefühl. Zu Schulzeiten war ich – als Christin – die Außenseiterin. Immerhin hatte ich meinen Jugendkreis. Da wuchsen so wertvolle Freundschaften – das trug mich durch die restliche Jugendzeit. Jetzt bin ich Mama von 2 wundervollen Kindern – und so einsam wie nie zuvor. Fast alle meine Freundinnen sind auch Mamas, aber weggezogen oder zu beschäftigt mit sich selbst. Niemand sieht mich mehr als Freundin. Ich bin nur noch Mama. Fühle mich oft nur noch wie ne Nanny. Ich bin hier geblieben – in meiner Heimatstadt. Aber … meine Freunde sind weg – weggezogen oder „entfreundet“, nur noch wie Bekannte, mit denen man ein paar nette Worte wechselt, aber die Tiefe ist weg. Ich fühle mich soooooo einsam und allein. Trotz liebevollem Mann und tollen Kindern …

      1. Hallo Krakine, solche „Wüstenzeiten“ kenne ich so gut. Manchmal muss man da echt erst durch, bevor wieder neue Freunde ins Leben treten. Aber ich wünsche dir so sehr, dass es schnell passiert! Fasse Mut und Hoffnung. Du bist nicht allein!!

  3. …gräm Dich nicht über die ersten Fältlein around the 40ies! Mit den 70 vor Augen tät ich gern tauschen, die Kraft und Energie der Jungspunde im besten Alter bewundernd. Ich mag zwar vielleicht weise sein, aber DU hast mehr als das halbe Leben vor Dir! Schau nicht zurück, schau nicht nach ganz vorn, sondern lebe hier und jetzt und freu Dich über das HEUTE!

    1. Da haste recht! Mir gehts so, wenn jemand drüber jammert, dass er dreißig wird. Dann denke ich: Maaaaannn, du bist noch am Anfang. Freu dich doch!!! Danke, fürs Zurechtrücken der Perspektive 🙂

  4. Hey, das hört sich nach einem wunderbaren Wochenende an.WIe schön:-). Und du darst immer gerne an meinen Kühlschrank bevor du auf unseren Sofa fällst! (nur schade dass unsere Kühlschränke so weit auseinanderstehen!). Grüße und Umarmung zu Dir!!!

    1. Aber füll deinen Kühlschrank vorher bitte unbedingt mit Champagner (um mit dir anzustoßen), Kinderschokolade (natürlich nur für unsere Kids) und Eis (der Sommer kommt!). Liebste Grüße zurück 🙂

  5. Genau wegen solcher Posts liebe ich Blogs… deine Ehrlichkeit gibt eine solche Tiefe. Ich erkenne mich wieder oder entdecke Empfindungen anderer; beides macht diese Posts so reich. Danke dafür!

  6. Gestern hab ich mit einer engen Freundin drüber gesprochen, dass wir sozusagen immer weniger werden… Ich danke dir für deine verblüffende Ehrlichkeit und wünsch dir, dass Gott dich noch sehr oft überrascht… Denn er fängt ja erst dort an, wo wir „unmöglich“ denken.
    Liebe Grüße Lisa

    1. Hi Lisa, ich denke, Freundschaften sind ein lebendiger Organismus. Mal stirbt was oder geht in den Winterschlaf. An der anderen Stelle blüht neu was auf. Es bleibt nie statisch.Es wäre schön, wenn Freunde für immer blieben, nicht wahr?
      Liebe Grüße, Veronika

  7. Während du dich freust, dass Freundschaften entstehen und wachsen, erlebe ich gerade, wie eine langjährige Freundschaft zu Ende geht und ich sehr damit beschäftigt bin zu fragen, woran es liegt. Aber vielleicht gehört auch das zum Leben dazu, dass man lernt, Dinge, die scheinbar so selbstverständlich waren, auch wieder loszulassen und trotzdem nicht bitter zu werden, sondern neugierig und offen für Neues zu bleiben! Gut, dass Gott beständig ist und uns auch in solchen Veränderungsphasen treu bleibt!

    1. Liebe Ute, genau das habe ich vor zwei Jahren auch erlebt und hab lange an der Frage rumgekaut, woran es lag. Es ist wirklich eine Entscheidung nicht bitter zu werden. Ich dachte damals: das wars jetzt, hab keinen Bock, wieder neue Freundschaften aufzubauen, mag nicht mehr vertrauen. Aber es geht weiter! Halte durch und vertraue Ihm 🙂

  8. Danke für den tollen Post! Das Thema Freundschaften beschäftigt mich auch immer wieder und obwohl ich noch „jung“ bin, finde ich es herausfordernd. Das klingt blöd, aber man muss bei Freundschaften so hinterher sein, wenn es jeden woanders hin verschlägt und man nur wenige Jahre im selben Ort verbringt. Ich finde es da total ermutigend, wenn Frauen, die schon länger im Leben stehen, eben Mut dazu machen und ihre Geschichten erzählen. Deshalb lese ich deinen Blog gern und deshalb bewundere ich meine Mutter, wie sie den Kontakt zu ihren Freundinnen über Jahrzehnte hält, obwohl sie über ganz Deutschland verstreut leben. 🙂 Liebe Grüße, Anne

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