Ich bin nicht, was ich denke

Ein grauer Tag Anfang Januar. Wir fahren auf der A7 Richtung Allgäu. Vom Fahrbahnrand grüßt ein entflogener schneeweißer Kakadu, der dort munter in den Bäumen herumklettert. „Was ist ein Kakadu, Mama?“ fragt Josefine von hinten. „Das ist ein Vogel, der eigentlich in Australien lebt.“

Eine halbe Stunde später passieren wir ein turtelndes Storchenpaar, das auf einer nassen Aue Frösche jagt. „Warum sind die Störche nicht in Afrika?“ fragt meine Erstklässlerin. Ich möchte gerne den Kakadu und die zwei Störche jedem Leugner des Klimawandels unter die Nase halten, damit herumfuchteln und triumphierend lachen.

Der Klimawandel ist nämlich dafür verantwortlich, dass wir schneetechnisch am immer kürzeren Zügel gehalten werden und unsere Wintersachen im Keller verrotten. Also tun wir das Naheliegende. Wir folgen dem Schnee. In die Berge.

Vor einigen Wochen saßen wir bei Christinas Familie im Wohnzimmer und sie erwähnte in einem Nebensatz, dass sie im Allgäu Urlaub machen wollten. Ich kenne Christina jetzt schon über zwei Jahre, weil sie damals mutig über meinen Blog Kontakt mit mir aufnahm. Von Anfang an fand ich sie ganz schön hervorragend. Nun sind wir so gut befreundet, dass wir gemeinsam in unseren Wohnzimmern rumhängen können.

Sind wir gut genug befreundet um gemeinsam Urlaub zu machen?
„Was haltet ihr davon, wenn wir mitkommen? Sollen wir mal schauen, ob in dem Hotel noch ein Zimmer für uns frei ist?“

Oh je, sind wir aufdringlich!
Freude, Freude, Freude.

Puh, gut gelaufen. Sind finden uns nicht doof. 

Wir sind fast vor Kempten. Es regnet aus tiefhängenden Wolken. Unmerklich steigt das Gelände an. Aus den Regentropfen formen sich dicke Flocken. Almhöfe ducken sich unter einer nassen Schneedecke. Die gewundene Straße, über die uns das Navi lotst, fordert mit aufdringlichen Schildern das Benutzen von Schneeketten. Vergessen ist der seltsame Klimawandel. Der bringt uns nur schleichend um. Das Ignorieren der Schneekettenpflicht könnte uns viel schneller ins Jenseits befördern. Alles geht gut und wir rutschen auf den Parkplatz unseres Hotels, das seine Glanzzeit in den 80er Jahren gehabt haben musste.

Im Foyer begrüßt uns eine große Infotafel, auf dem das glattgebügelt-joviale Gesicht des Hotelbesitzers uns entgegengrinst. Er ist selbsternannter Hypnotiseur und Reiki-Meister. Kinder mit Schulproblemen würden dank seiner Hypnosetechnik zu glücklichen entspannten Schülern. Aha. Wenn man sein Ohr gegen die Tafel drückt, könnte man fast meinen,  Motivationstrainer-Phrasen zu hören: „Chaka, du schaffst das!“ „Glaube an dich selbst, dann glaubt das Universum an dich!“

Nach einigen Minuten wende ich mich von dem überlebensgroßen Aufsteller ab und wir wenden uns den schönen Dingen des Lebens zu. Vier Tage liegen vor uns. Und die füllen wir randvoll mit Schwimmen, waghalsigen Schlittenfahrten, Waldspaziergängen, Gesprächen, Kaffeerunden, Brettspielen, Museumsbesuch, Nickerchen, Lesestunden, Tobestunden. Nicht ein einziges Mal kommt das Gefühl auf: Oh nein, wir haben einen Fehler gemacht. Die anderen werden uns zuviel! 

Im Gegenteil. Jeden einzelnen Tag mit Christinas Familie empfinden wir als Geschenk, das uns scheinbar zufällig in den Schoß gefallen ist.

Am letzten Tag sehe ich den Hotelbesitzer aka Reikimeister aka Hypnotiseur aka Motivationstrainer im Flur. Er steht mit dem (durchtrainierten) Rücken zu mir und unterhält sich mit einem Angestellten. Im Vorbeigehen höre ich, wie ihm Mr. Reiki mit Bass-Stimme eindringlich rät „Du bist, was du denkst!“

Ich schlüpfe schnell an ihm vorbei. Am liebsten würde ich ihm besserwisserisch zurufen: „Stimmt nicht! Du bist, was Gott über dich denkt!“

Ich grübele noch lange über diese kurze Episode im Flur. Ich bin nicht was ich denke. Sonst wäre ich morgens Furie, mittags Faulpelz, abends Fress-Sack. Selbst wenn ich mein Versagen mit positivem Denken notdürftig überpinseln würde, schiene die Wahrheit immer fühlbar durch.

Mit übervollem Herz und Kofferraum machen wir uns auf den Heimweg. Wir haben uns so wunderbar miteinander verstanden, dass wir am liebsten gleich wieder mit Christina und ihrer Familie Urlaub machen würden. Oh je, sind wir aufdringlich. 

Im kalten Haus daheim dreht sich die Stimmung. Ein Kind fängt an. Das nächste stimmt mit ein. Ich bin von meinem Mann enttäuscht. Er von mir. Wir streiten, weinen. Ich denke: Ich bin so eine miese Ehefrau und Mutter. (Ich bin, was ich denke??).

Im Wohnzimmer setze ich mich alleine auf die Couch und schicke ein Stoßgebet gen Himmel. In dem Moment gehen mir die Worte von Jesus durch den Kopf: „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten“ (Joh. 10, 10). Ich sehe wieder klar. Da will uns jemand den leckeren Nachgeschmack dieses Urlaubs mächtig verderben. Armin und ich sprechen später ein Gebet in der Küche. Und der Dieb verzieht sich. Es kehrt wieder Friede ein.

Ich bin nicht dem stetigen Klimawandel meiner Selbstwahrnehmung unterworfen. Ich bin nicht das, was ich denke.

Gott denkt nur Gutes über mich. Und diese Wahrheit liegt außerhalb der Reichweite meiner Bemühungen. Besonders an Tagen, an denen ich eine miese Ehefrau und Mutter und Autorin bin.

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7 Kommentare zu „Ich bin nicht, was ich denke

  1. Liebe Veronika,
    ich möchte Dich ganz herzlich drücken!
    Ich folge Deinem Blog seit ca über 1 Jahr (über einen Artikel in der family entdeckt) und Deine Artikel passen immer so wunderbar in das tägliche Auf- und Ab des Lebens- ja, manchmal ist man das was man selbst denkt und Deine Artikel helfen mir dabei mich wieder zu sortieren, dass ich das bin was Gott über mich denkt.
    Konnte gerade das Einführungsseminar von ICL über 4 Tage besuchen (Christliche Lebensberatung und Seelsorge) und bin noch so erfüllt von Gottes Liebe – und Du bist auch ein Teil dieser sichtbar gewordenen Liebe. Danke dafür!
    Gottes Segen für Dich und Deine Familie!
    Esther

  2. Ach ja, SCHÖN WAR`S!!! 🙂 und du kannst mal wieder die Tage und Gefühle so gut in Worte fassen…wie froh bin ich, dass wir gut genug befreundet sind um zusammen in den Urlaub zu gehen… und dass wir nicht das sind, was wir voneinander denken- sondern noch viel geliebter an allen Stellen unseres Seins. Ich drück dich, du wunderbare Frau!!!

  3. Wie wertvoll, Danke! wie schön solche Erfahrungen sammeln zu dürfen. Danke für deine Offenheit die ich in dieser Form sonst nur auf Christinas Blog wiederfinde. Eine meiner Töchter heißt übrigens auch Josefine!

    Grüße von einem Schöfflersfreund! 🙂

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