Meine Gedanken zur „Flüchtlings-Problematik“

Ich bin das Kind eines Flüchtlings.


Breslau, Januar 1945
Vier dick vermummte Gestalten stapfen durch die Schneemassen. Eine zieht einen Schlitten, auf dem ein kleiner Junge sitzt. Zwei Mädchen trotten nebenher. Eines davon ist meine Mutter.

Schon seit Tagen ist der Krieg, der sonst immer so weit weg war, gefährlich nahe gekommen. Geschützdonner. Winteroffensive. Anspannung. Lügenpropaganda. In der Nacht zuvor bekam meine Großmutter die Order das Haus nur mit dem Nötigsten zu verlassen: „Den Schlüssel können Sie stecken lassen. Ist nur vorübergehend für 14 Tage. Heil Hitler!“

Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Meine Großmutter und ihre drei kleinen Kinder bekommen keinen Platz mehr auf den überfüllten Lkws. Und so macht sie sich mit einem Holzschlitten auf den Weg. Sie lassen alles zurück. Das warme Herdfeuer, Vorräte, die neue Puppenstube, die Schlittschuhe, die meine Mutter an jenem Tag so gerne ausprobieren wollte. Aber anstatt sorglos jauchzend über die zugefrorene Oder zu schlittern, müht sie sich verwirrt durch den Schnee und sieht Breslau nur noch aus der Ferne.DSC00747

In dem Moment weiß sie nicht, dass sie nie wieder zurückkehren wird.

Sie weiß noch nicht, dass mit ihr 14 Millionen anderer Menschen auf der Flucht sind, von denen 2 Millionen nicht überleben werden. 

Sie weiß noch nichts von der Stadt Dresden, in deren Nähe sie Unterschlupf finden und den Bombenangriff der Alliierten miterleben wird. 

Sie weiß noch nicht, dass ihr eine Odyssee bevorsteht, an deren Ende ihre Mutti an Auszehrung sterben wird. 

Sie weiß noch nicht, dass ab jetzt Hunger, Armut und Läuse zu ihrem täglich Brot gehören werden. 

Sie weiß noch nicht, dass ihr in der neuen Heimat Franken kaum jemand wohlgesonnen sein wird und sie auf dem Schulhof gemobbt werden wird. 

Aber sie weiß auch noch nicht, dass Menschen ihren Weg kreuzen werden, die zu Freunden und Helfern und Engeln werden. Dass jede freundliche Geste, jedes Lächeln, jede Ermutigung und jeder Kanten Brot ein Stück auf dem Weg ihrer Heilung sein wird. 

Diesen Menschen hat sie es heute zu verdanken, dass sie diese Zeit überlebt hat. 


In letzter Zeit wird angesichts der Flüchtlings-Ströme der menschenverachtende Ton im Netz lauter. Ja, er brüllt und geifert mit unverhülltem Neid und Hass. Und in mir glüht ein heißer, heiliger Zorn! 

Wir Menschen vergessen. Wir vergessen, wie schnell wir selbst in eine hilflose Lage geraten könnten und in der wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Und während man an seinem Feierabend-Bier nuckelt und in die Chipstüte greift und die Krümel von der Wohlstands-Wampe streicht, schimpft man stammtischmäßig: „Denen wird sofort geholfen, aber uns Deutschen nicht!“

Mir ist in letzter Zeit oft schlecht. Kotzübel angesichts unseres Wohlstandes, der uns unsere Sinne vernebelt und uns in kleine, egozentrische Monster verwandelt. „Das Gesocks will uns alles wegnehmen!“ blubbert der braune Sumpf.

Die Flüchtlinge wollen Frieden für sich und ihre Familien. Und einen Ort, an dem sie sich abends schlafen legen können ohne die Sorge, ob sie am nächsten Morgen wegrennen müssen. Wollen wir ihnen das verübeln? Würden wir in ihrer Situation nicht genauso handeln?

Gerade habe ich meine große Tochter ins Bett gebracht. Sie hat ihr Abendgebet mit folgenden Worten beendet: „…und hilf den Flüchtlingen, dass sie so etwas nie wieder erleben müssen.“ Ich habe stumm hinzugefügt: „Und dass ihnen bei uns Freundlichkeit und Güte und Heilung begegnen möge.“

Amen.

❉ An dieser Stelle ein Danke an meine große Schwester Christine. Sie hat jahrelang recherchiert und die Geschichte unserer Mutter aufgeschrieben. Der Titel lautet: „Und sie freut sich doch“

10 Kommentare zu „Meine Gedanken zur „Flüchtlings-Problematik“

  1. Liebe Veronika,
    vielen Dank. Für diesen anrührenden Eintrag, der einem mal wieder die Augen öffnet und klar macht, dass man etwas andern kann. Danke dass die Hoffnung zwischen den Zeilen immer wieder durch blitzt. Manchmal bin ich nämlich nicht in der Lage Nachrichten anzuschauen, weil mich danach so eine Welle der Hoffnungslosigkeit nieder drückt, die mir die Kraft für meinen Alltag zu rauben droht. Dein post rüttelt wach und inspiriert trotz allem. DANKE !!! Liebe Grüße. Alex

  2. Auch meine Eltern sind damals durch den Krieg nach Weinberg ins Lager gekommen. Erst in den 50er Jahren durften Sie raus und waren Fremde als Deutsche unter Deutschen. Sie mussten sich selbst um alles kümmern. Für mich selbst ist das durchaus nicht vergessen! Wir haben nn in der Nähe eine Lea, und bekommen die Probleme mit. Die Leabewohner bekommen zu essen, Taschengeld, dürfen kostenlos Zug fahren und werden super eingekleidet. Sie sind gestylt von der Haar bis zur Fußsohle. Und jeder hat ein Handy. Also das Materielle ist auf jeden Fall abgedeckt, da muss man sich keine Sorgen machen. Trotzdem gibt es Gruppierungen, vor allem die jenigen die genau wissen Sie haben keine Chance hierzubleiben, die Randale machen, Diebstähle begehen. Anwohnern in der der Nähe der Lea und Bahnhof wird in den Garten und gegen Autos gepisselt. Das ist nur ein kleines Beispiel. Die Lea platzt aus allen Nähten weil sie total überfüllt ist. Das ist jetzt nur ein kleiner Teil der Probleme. Ich finde man kann es nicht nur schwarz oder weiß sehen, weil trotz aller Schwierigkeiten ganz klar und deutlich ist das den Menschen die froh sind bei uns in Frieden leben zu können geholfen werden muss. Und das gerne. Mir gehen noch so viele Gedanken durch den Kopf, kann es jetzt so gar nicht schriftlich rüber bringen, da ich aus eigener Erfahrung weiß wie die Probleme da sind, hat mich das lesen deines Beitrags gestern auf die Nacht leicht aggressiv gemacht. Mir selbst ist die Hautfarbe und die Herkunft, Beruf eines Menschen egal, der Charakter zählt. Wir können nur beten und hoffen das nichts schlimmeres passiert sonst haben wir den braunen Sumpf da. Gottes Segen für uns alle, egal wo wir herkommen und für Frieden untereinander

  3. Vielen Dank für diesen anrührenden Beitrag. Mich beschäftigt das Thema auch sehr und ich bin entsetzt darüber, wie sich bisher mir sympathische und hilsbereite Bekannte aus der Nachbarschaft verächtlich und böse über Flüchtlinge äußern.

    1. Habe gute Erfahrungen gemacht beim Gespräch ruhig und sachlich einfließen zulassen, das auch wir genug Mitbürger haben die Straftaten begehen, diese bleiben uns auf jeden Fall erhalten. Der große Teil der Asylalanten der anständig ist muss darunter leiden. Überwiegend kommt dann die Reaktion, stimmt die meisten sind in Ordnung. Vielleicht ein Versuch wert, muss dazu aber sagen, so richtig böse Reaktionen habe ich persönlich mit meinen nächsten Mitmenschen zu Glück noch nicht erlebt

    1. Hallo, die Geschichte meiner Mutter ist nicht veröffentlicht worden. Meine Schwester hat für jedes Familienmitglied lediglich ein Buch binden lassen. Sorry!!
      Liebe Grüße
      Veronika

  4. Hallo Veronika,
    meine Großeltern sind Vertriebene, mein Opa fühlt sich heute noch so (eigenes Thema…). Ich habe meine Facharbeit über die Integration von Vertriebenen in unserem Dorf geschrieben (lang lang ist mein Abi her) und festgestellt, dass die Vorbehalte gegen „die da“ damals die gleichen waren wie heute. Einfacher war, dass alle die gleiche Sprache und Religion teilten. Aber schon die fremdartigen (deutschen!) Dialekte wurden als „komisch“ wahrgenommen.

    Ich gebe dir vollkommen recht, wenn du schreibst „Wir vergessen, wie schnell wir selbst in eine hilflose Lage geraten könnten und in der wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind.“ und denke dabei an den Sommer vor zwei Jahren, als wir mit zwei kleinen Kindern im Auto bei Hochwasser nicht mehr vor und zurück konnten, die Welt um uns regelrecht zusammenbrach, keine offizielle Hilfe zu erlangen war und wir wahnsinnig froh waren, als wir uns im Wohnzimmer fremder Leute für ein paar Stunden erholen durften.

    Warum nur ist teilen so schwer, wenn es einem eh gut geht?

    Besorgte Grüße,
    Nana

  5. Liebe Veronika, ich habe Tränen in den Augen. Auch meine Schwiegeroma war ein Flüchtling; sie spricht kaum darüber, weil es so schmerzt. Es sind aber auch Zornestränen, weil es einfach hundsungerecht ist. Ein bisschen auch Tränen der Scham und der Dankbarkeit – es geht uns einfach zu gut… Es ist so wichtig, dass wir unsere Stimme erheben. Und dass wir mithelfen, irgendwie. Danke für deinen Text! Und liebe Grüße!
    Rebekka

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