Zirkus

Es ist noch ruhig, nur ein paar Vögel und unser Igel sind mit mir wach. Neben mir auf der Couch dampft eine Tasse Kaffee und ich widme mich meinem Morgen-Ritual: die Gedanken auf Wanderschaft schicken, meine Lieblings-Blogs lesen, in der Bibel lesen. Manchmal gehe ich danach in den Garten, lasse mich von der kühlen Morgenluft wachküssen, pflücke Himbeeren und zerschneide ein paar Schnecken, die nicht schnell genug fliehen konnten. Da ich immer noch mit meinen Nebenhöhlen kämpfe, fällt Morgensport flach. Ich bin ganz und gar nicht traurig darüber, im Gegensatz zu meinen allmählich erschlaffenden Bauchmuskeln.

Nachher werden sich die Kinder regen und je nach Laune den Tag mit fröhlichem oder wütendem Geschrei beginnen, um daraufhin den Esszimmerboden vollzukleckern und sich verrückte Kleiderkombinationen ausdenken (Winterhose, Cinderellakleid und Gummistiefel? Ja, bitte!). Heute sollen sie sich sogar verrückt anziehen: der Kinderferienzirkus beginnt und meine Mädels nehmen zum ersten Mal daran Teil. Zirkus! Ist das nicht ein Traum jeden Kindes? Ich weiß, dass ich eine Phase hatte, in der ich mich am liebsten einem Wanderzirkus anschließen wollte. Manchmal hege ich noch heute solche Träume. Aber ich hab ja hier daheim meinen Zirkus – warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nahe liegt?

Zirkus herrscht auch in den Zimmern. Nach monatelanger Haussuche ohne Erfolg geben wir unser Gästezimmer/Büro auf und verwandeln es gerade in Amelies neues Zimmer. Die letzten Tage habe ich ausgemistet wie noch nie in meinem Leben. Um überhaupt Platz zu gewinnen, muss Zeugs raus. Ich bin erstaunt, wieviel nutzloser Kram sich über die Jahre ansammelt. Diesmal habe ich alle nostalgischen Gefühle niedergekämpft und gnadenlos aussortiert. Das Ergebnis: zwei Umzugskisten Bücher und zwei Säcke voll Kleidung und Schuhe. Ich stehe vor meinem Konsum-Berg und denke an die Flüchtlinge, die demnächst in dieser Gegend in Zeltstädten untergebracht werden. Menschen, die alles zurücklassen mussten und nur noch ihr Leben haben. Das Leid schwappt vor meine blumengeschmückte Haustüre, rüttelt daran und dringt durch meinen Wohlstandsnebel. Unter all unseren Schichten sind wir doch alle bloß Menschen mit denselben Bedürfnissen nach Sicherheit, Liebe, Essen, Wasser. Die Flüchtlinge haben alle ihre Schichten verloren, und ich verstecke mich hinter meinen. Ich will helfen, weiß aber noch nicht wie…

Das Thema bewegt mich zutiefst, vor allem auch der zunehmend raue und menschenverachtende Ton in der Gesellschaft (und in Internetforen). Werde noch einen Blog-Eintrag dazu verfassen. Aber bis dahin widme ich mich weiter den vollen Schränken und der Wandfarbe und den Schnecken im Garten und den Blumen und meinen zwei Zirkus-Mäusen.

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9 Kommentare zu „Zirkus

  1. ich mag deine einträge so gern! Das muss ich jetzt mal gesagt haben… ich lese auch früh morgens blogeinträge… obwohl, es ist nur für mich frühmorgens… dummes jetlag! (also ist es schon mittag eigentlich aber für mich noch früh morgens…) trinke auch meinen frühstückskaffee (oder nachmittagskaffe?)
    ich habe auch die letzten tage sooo viel ausgemistet…
    und ja zirkus fand ich immer toll!
    alles liebe dir, liebe Veronika!

      1. ja werd ich:-) Nur im Moment bin ich noch zu gejetlaged und muss noch tausend sachen erledigen, aber ich werd sicher wieder schreiben!

  2. Auch wenn es vielleicht nicht so nett klingt: Aber ehrlich gesagt tröstet es mich gerade etwas, dass wir wohl DOCH NICHT die Einzigen sind, deren Wohnträume sich nicht über Nacht erfüllen. Nachdem 2104 / 15 gefühlt ALLE Freunde und Bekannten Wohnungen oder Häuser gekauft haben und wir seit 1,5 Jahren vergeblich nach einer 4-Zi-Mietwohnung mit kleinem Garten suchen, kann ich an schlechten Tagen einfach kein „Wir haben unser Traumhäuschen gefunden!! (Wer uns beim Renovieren und Umzug helfen will, kann sich in die doodle Liste eintragen!!)“ mehr verkraften.
    Wie es aussieht werden wir nun nächstes Jahr zu fünft hier wohnen: 3 Zi / 75qm / 3. Stock / Hauptstraße / kein Balkon.
    Das ist also MEIN Übungsfeld für Gottvertrauen – er weiß ja Bescheid und kann jederzeit helfen, und ich versuche ihm zu danken, egal was er uns gibt. Manchmal gelingt es mir sogar.
    Ja, und was ist mit den Asylanten in ihren Zelten und Containern? Als wir dieses Jahr eine Asylantin – die immerhin in einem „ordentlichen Heim“ wohnt – zu uns eingeladen hatten, hab ich unsere Wohnung mit ihren Augen gesehen und mich für unseren Luxus fast geschämt…
    Nun will ich mir an dir ein Beispiel nehmen und endlich mal unser provisorisches Kinderzimmer („wir ziehen ja eh bald um“) gemütlich machen. Das Wohnzimmer stelle ich schon regelmäßig komplett um – ist immer wie ein kleiner Umzug und macht mir sehr viel Spaß.
    Alles Gute für euch, ob mit oder ohne Haus!
    LG Angela

    1. Hi Angela,
      ja, man gewöhnt sich so schnell ans Provisorium! Nachdem ich es ewig hinausgezögert hatte, hier einiges umzumodeln (weil das perfekte Immobilien-Angebot könnte ja jederzeit kommen!), krempel ich jetzt die Ärmel hoch, spuck in die Hände und ruf „Na und?“. Der Vorteil bei solch beengten Wohnverhältnissen ist die Tatsache, dass man nicht zuviel Kram ansammeln kann. Aber ich wünsche euch doch von Herzen, dass ihr bald euer Zuhause findet. Und dass euch während der Wartezeit eure Wohnung ein Stück Zuflucht und Heimat sein kann.
      Liebe Grüße
      Veronika

  3. Lb. Veronika,

    danke für Deinen wieder so lebensnahen, ehrlichen Blogeintrag!
    Auch unsere Schränke und Regale quillen über, obwohl erst kürzlich eine professionelle Wohnraumoptimiererin („Fräulein Ordnung“) hier war…
    Und obwohl wir ein Reihenhäuschen unser eigen nennen, ist es mir mit 5 Personen oft zu eng – ja, ich weiß, ein Luxus-Problem…
    Toll, daß Du Dich nicht von dem Umständen beherrschen läßt, sondern die Ärmel hochkrempelst, um etwas zu verändern.
    Nach dem Lesen Deines Blogeintrags lerne ich wieder dankbar zu sein, mit dem was vorhanden ist und das, was ich ändern kann, auch anzugehen.
    Sei lieb gegrüßt,
    Christina

  4. Liebe Veronika,

    ich würd mal zu eurer Wohnsituation sagen: KLEIN ABER FEIN!!! Obwohl ich natürlich gar nicht weiß, ob es wirklich klein ist, wirkt nicht so! Ganz im Gegenteil! Es ist alles so schön eingerichtet, ich bin immer mit allen Sinnen inspiriert, wenn ich Bilder auf deinem Blog sehe. Und auch DANKE, dass wir an Deinem Leben teilnehmen dürfen! Schließe mich dem an, dass auch ich dann immer wieder motiviert bin, etwas anzupacken. Tue mir allerdings schwer mit ausmisten, dranbleiben und bin wohl lange,lange nicht so ordentlich wie Du. Da hast Du meine volle Bewunderung! Vielleicht habe ich es ja auch eines Tages mal so schön einegrichtet, das wäre mein Ziel. Wir stellen schon seit einem halben Jahr das Haus auf den Kopf und es ist irgendwie kein Ende in Sicht. Bin schwer überzeugt, dass ihr das Haus findet, das es dann sein soll. Wünsche Dir/ Euch dazu viel Gottvertrauen. Bin schon auf den Flüchtlings Beitrag gespannt, bei uns im Dorf (sehr klein) wird ein Ev. Freizeithiem dafür verwendet (in Kürze), also auch ein brandaktuelles Thema für mich. Ich habe viele Sachen, die ich spenden könnte :). Naja, wir werden sehen.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
    Christine

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