Familie, Gedanken, Glaube

Geschichten…

An einem sehr müden Vormittag letzte Woche surfte ich willenlos im Internet. Dabei stieß ich auf einen Film, der ein Wiedersehen mit dem Cast von Gilmore Girls zeigt. Randnotiz: Wer noch nie Gilmore Girls gesehen hat, sollte diese eklatante Bildungslücke SOFORT schließen!! 

Ich war auf einmal hellwach. Lorelai, Rory, Luke, Emily und Dean – friedlich vereint auf einem Sofa! Ich war im GG-Himmel. Eine Stunde lang wurden die Darsteller interviewt. Eine der Fragen war, ob Gilmore Girls heute immer noch genauso erfolgreich sein könnte wie damals. „People are hungry for stories – so yes.“ (Menschen sind hungrig nach Geschichten – also ja).

Meine Gedanken wanderten immer wieder zurück zu dieser Stelle und ließen mir keine Ruhe: Menschen sind hungrig nach Geschichten – wir brauchen Geschichten!

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Am Wochenende war ich mit den Kindern in Sendelbach bei meinen Eltern und meiner Schwester. Dort, wo meine eigene Geschichte ihren Ursprung hat. Und von wo aus sie sich in hundert verschiedene Richtungen entwickelte. Jeder Gegenstand hier weckt Erinnerungen, ist Requisite meiner Geschichte. Abends hüllte ich mich in die Patchwork-Strickdecke, in die ich schon als Baby gewickelt war. Und nachts lauschte ich im Bett dem Quaken der Frösche, das von Anbeginn der Zeit immer von Sehnsucht und Liebe und Hunger erzählt.

Abends, als wir am Tisch versammelt waren, gab es für die Mädchen Märchenstunde. In ihren Augen spiegelten sich Spannung, Gruseln und Freude wider. Jeder von uns lauschte still, halb abwesend mit seinem eigenen Kino im Kopf. Und doch waren wir eins – eine Gemeinschaft geformt aus Geschichte und Liebe und Bedürftigkeit.

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Es war ein Bilderbuch-Wochenende. Eines von der Sorte, das nicht in Vergessenheit gerät, weil wir sicherlich in einigen Jahren wieder die alten Geschichten hervorkramen werden: Weißt du noch damals, als wir in einem heißen Juni im Garten saßen, junge Kätzchen beobachteten, Erdbeeren pflückten und unsere Kinder und Sorgen noch klein waren? 

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Am Sonntag hatte ich Silberne Konfirmation. Als ich inmitten meiner ehemaligen Mit-Konfirmanden in der Kirche saß, wanderte mein Blick. Vom Taufstein zum Altar. Von einem Gesicht zum anderen. Alles vertraute Landmarken. Hier wurde ich getauft. Konfirmiert. Und getraut. Jetzt sitzen wir wieder hier. Die Gesichter erzählen Geschichten. Fröhliche, bittere, tragische, spannende, leise und laute. Ich würde sie am liebsten alle hören.

Wir messen Geschichten an ihrer Großartigkeit und Heldenhaftigkeit. Aber unsere Geschichten sind oft verworren, folgen keiner einheitlichen Storyline, sie biegen ab, erklimmen Höhen und stürzen ab. Unsere eigene Geschichte hat Botschaften tief in unser Herz eingeritzt. Sie formt unseren Glauben daran, ob die Welt gut oder böse ist. Ob andere Menschen potenzielle Freunde oder Feinde sind. Ob wir geliebt sind oder nicht.

Jeder von uns braucht Geschichten, die uns Hoffnung schenken. Und uns den Glauben daran zurück geben, dass diese Welt wunderbar ist, dass andere Menschen genauso verwundet und liebesbedürftig sind wir wir selbst. Und, ja, dass wir geliebt sind.

Meine Hoffnung ist, dass meine Geschichte einmündet in die ganz große Geschichte, die Gott mit dieser Welt und mit jedem Einzelnen von uns schreibt. Das ist eine Geschichte, die radikal anders ist. Weil darin jeder die Hauptperson ist. Weil darin niemand den Held spielen muss, denn ein anderer hat es für uns schon getan. Weil darin Versagen und Schwäche und Absurdes und Hoffnung Platz haben.

Dieser neue Tag heute liegt wie ein Blatt weißes Papier vor mir. Ein bisschen habe ich schon darauf niedergeschrieben. Es war bisher eine Geschichte von Hektik, von Ratlosigkeit in Erziehungsfragen, von Freude an meinem Garten. Nichts in unserem Leben ist von Bedeutungslosigkeit. Alles hinterlässt Botschaften. Ich kann meine Botschaften heute ändern:

Ich darf mich an diesem Tag freuen (und nicht erst, wenn alles erledigt ist)

Ich bin geliebt (auch wenn die Menschen um mich herum mir das nicht immer zeigen)

Was ich tue, hat Wirkung (ein geputztes Klo ist ein geputztes Klo, Leute!)

In diesem Sinne: Schreibt heute mutig eure Geschichten!

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6 Gedanken zu „Geschichten…“

  1. Liebe Vroni,
    sehr schöner Text und wunderbare Bilder. Am Sonntag in der Kirche habe ich dich gesehen und leider danach nicht geschafft mit Dir ein kurzes „Pläuschen“ zu halten. Der Gottesdienst war sehr bewegend auch als nicht „Betroffene“.
    Ich warte schon immer ganz gespannt auf Deine Texte/Berichte, da sie mir so ins Herz und aus dem Herzen sprechen. Vielen Dank dafür! Und liebe Grüße
    Sonja

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  2. Hallo Vroni,
    dein Text hat mich bewegt, ich kann so viel nachvollziehen (die Frösche am Abend; die Patchworkdecke; die vielen Gegenstände, die Erinnerungen wecken; das Sitzen im Garten und die Katzen beobachten; die Atmosphäre des Sommers …). Auch die Bilder finde ich toll, ich erkenne so viel Bekanntes, Vertrautes, das auch mit meiner Geschichte zusammenhängt … Ganz liebe Grüße
    Martin

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