Bin ich noch ganz richtig?

Heute hatten wir endlich mal wieder einen friedlichen Abend. Josefine spielte nach dem Abendessen Baby und kletterte auf meinen Schoß, um sich von mir in meinen Armen wiegen zu lassen. Ich sage euch, solche Momente sind selten und kostbar geworden. Ich habe sie solange gehalten, bis sie sich aus meiner Umklammerung mühsam herauswand. Sie wollte kein Baby mehr spielen, sondern Josefine sein. Vier starke Jahre alt. Laute, lebensfrohe, sensible, bonbonverliebte, nähebedürftige Josefine.

Ich wurde heute hinterfragt mit meiner zuweilen lauten, lebensfrohen Art. Weil meine Fröhlichkeit manchmal als unsensibel und einschüchternd empfunden wird. Weil mir immer die Sonne aus den Knopflöchern scheint. Weil man mir nicht sofort anmerkt, wenn mein Leben holprige Wege einschlägt. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen. Wie kann ich denn nicht sein wie ich bin? Kann ich einem Kater das Jaulen absprechen? Oder den Blumen das Blühen? Der Sonne das Scheinen oder dem Regen das Regnen?

Ein großer Teil meiner Fröhlichkeit ist angeboren, wahrscheinlich von meinem Vater vererbt, der immer ein Lied auf den Lippen hat. Und ja, ein Teil meiner Fröhlichkeit entspringt der Tatsache, dass sich vieles in meinem Leben in den letzten Jahren in eine sehr positive Richtung entwickelt hat. Das Bewusstsein, dass manche Menschen damit ein Problem haben, kratzt an mir wie ein unangenehmer Wollpulli aus den 70ern. Manchmal möchte ich mich dämpfen, damit sich andere nicht unsicher fühlen. Manchmal fühle ich mich falsch, als hätte ich diesen Wollpulli an, der drei Nummern zu klein ist und damit viel zu viel zeigt, was besser ungezeigt bleibt. Manchmal möchte ich kurz wieder ein Baby sein, denn das kann gar nichts falsch machen. Es wird einfach geliebt.

Aber dann bin ich doch wieder starke, eckige 40 Jahre alt. Das selbe laute, lebensfrohe, schokoladenverliebte, distanzbedürftige, liebessehnsüchtige Ich. Ich will mit offenen Augen und fröhlicher Gelassenheit durch die Welt gehen. Und dabei doch wieder öfters innehalten und den anderen danach fragen, wie es ihm geht. Denn das kam in letzter Zeit tatsächlich zu kurz.

Vor vielen Jahren drückte mir eine laute, lebensfrohe australische Aktivistin (die sich um ihren Ruf weniger Sorgen machte als um die Rechte der Aborigines) ein Zitat aus der Antrittsrede Nelson Mandelas in die Hand. Seitdem habe ich es immer in Sichtweite an meinem Schreibtisch. Wenn mich Zweifel überfallen. Wenn ich mich in meiner Identität erschüttert fühle. Wenn diese Stimme mir einflüstert, ich sei nicht richtig. Wenn ich mal wieder Panik schiebe, ich könne nicht mehr schreiben oder fotografieren oder eine gute Mutter sein.

Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind.

Unsere tiefgreifendste Angst ist,
über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten Angst macht.

Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?

Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes.

Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt.

Es ist nichts Erleuchtendes daran, sich so klein zu machen, dass andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen.

Wir sind alle bestimmt, zu leuchten, wie es die Kinder tun.

Wir sind geboren worden,
um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren.

Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen,
geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis dasselbe zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.

(Zitat im Original von Marianne Williamson)

 

10 Kommentare zu „Bin ich noch ganz richtig?

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Wenn ich solche tiefgreifenden Dinge von dir lese, wo du so viel von dir preisgibst, andere so weit in dein Lebenshaus hineinschauen dürfen, dann freu ich mich über deinen Mut, der mich u viele andere ermutigt u möchte dich am liebsten mal persönlich kennenlernen. 😀
    Herzliche Grüße von einer, die sich sehr mit dir verbunden fühlt. Ich bin froh, Deinen Blog gefunden zu haben. 😘
    Sei gesegnet, Gott mit dir
    Christiane

  2. Kennst du die Gilmore Girls? Ich kenne Kommentare wie „du bist ja immer so gut drauf, du kennst das gar nicht!“ oder „weißt du , nicht jeder hat so viel zu lachen“ und „Herrje, heute bist du ja wieder gar nicht zu bremsen!“. Wenn mich solche Kommentare runterziehen, schaue ich mir Lorelai mit ihrer völlig überdrehten Art und ihre verrückten Klamotten an und denke.“ Sieht du, so bist du auch und das ist eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten, weil die Art offensichtlich bei sehr vielen Menschen gut ankam“ (in Kombination mit Schokolade klappt der therapeutische Fernsehabend besonders gut ;o).
    Ich mag deine offene Art, deine verrückten Grimassen auf Bildern und deine Art zu schreiben, das ich sicher bin „ich Echt“ ist das noch viel cooler!

    1. Melanie, ich bin gerade bei Staffel 2 und sehe GG zum 5. Mal. Ich bin wahrscheinlich der größte Fan auf Gottes Erdboden! Der Witz und Charme der Serie veralten für mich nicht. Und Lorelai, ach ja, die ist meine heimliche Heldin….

  3. oh ja, solche Kübel Wasser kenne ich auch und dieses Zitat, vor allem mit dem Satz:
    „Es ist nichts Erleuchtendes daran, sich so klein zu machen, dass andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen“ spricht so viel Wahrheit aus. Genau deine Art braucht es auf dieser Welt, genau wie andere Arten auch gebraucht werden. Wo kämen wir denn da hin wenn wir alle angepasst sind. Mach weiter so….LG, Ina

  4. Vielen Dank für diesen Artikel! Genauso ist es! Nur hätte ich es nicht so gut in Worte fassen können. Ich könnte dem noch so einiges hinzufügen, was man sich so anhören muss, wodurch man sich dann selbst in Frage stellt…

    Der Text ist toll, ich nehme ihn mit wenn ich darf.

    Liebe Grüsse,
    Elke.

  5. Hör bloß nicht auf, es krachen zu lassen, zu lachen, zu schmettern. Das mag ich so an Dir.
    Die Runterzieher haben ein Problem mit sich selbst.

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