Ein paar Worte über die Einsamkeit

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In letzter Zeit hat mich ein seltsames Gefühl beschlichen. Eines, das ich eigentlich schon längst hinter Schloss und Riegel hatte. Aber da ist es wieder –  TRARAAAAA!!! – weil es halt leider immer noch den Weg zu meinem Herzen kennt.

Die Einsamkeit.

Allein, dieses Wort vor anderen auszusprechen und aufzuschreiben, fühlt sich holprig und beschämend an.

Am Montag-Abend hatte ich wieder Book-Club. Das ist ein deutsch-amerikanischer Trupp von Frauen, mit denen ich mich regelmäßig treffe, um ein Buch zu lesen und hinterher zu besprechen. Aber machen wir uns nichts vor: da wo Frauen zusammen kommen, wird Wein getrunken und über Probleme geredet. Über das Buch natürlich auch, aber erst, wenn jede von uns ausführlich erzählt hat, wie es ihr gerade geht. Als ich an der Reihe war, wollte ich schon fast meinen Standardspruch aufsagen: „I guess I’m fine.“ Aber dann sprach ich das aus, was ich in Wahrheit empfand: „I’m lonely“. Manchmal ist es leichter, die Wahrheit in einer fremden Sprache auszudrücken, weil man zu ihr mehr Distanz hat als zur eigenen, nicht wahr? Ich traute mich kaum, in die Gesichter der anderen zu blicken.

Aber als ich aufblickte, sah ich in ihren Gesichtern Verständnis. Jede dieser Frauen hatte wohl schon an einem oder anderem Punkt in ihrem Leben mit Einsamkeit zu kämpfen. Ich versuchte mich zu erklären, als wolle ich mich für diese Schieflage meines Seelenlebens zu entschuldigen (weil wir Einsamkeit nach wie vor als Versagen bewerten!).

„Sicherlich scheuen viele davor zurück, dich anzusprechen oder dir Rat zu geben oder dir nahe zu kommen. Weil du von außen so wahrgenommen wirst, als hättest du alles im Griff und bräuchtest nicht wirklich jemanden.“ Das waren die Worte einer Freundin im Book Club, die die Wahrheit nicht besser hätten treffen können. Amen, Schwester!

Ich bin meistens nicht alleine und wenn ich das mal bin, genieße ich die Zeit für mich. Was mir aber fehlt, ist echte Verbindung zu anderen Menschen. Ein Wahrgenommenwerden, das über Äußerlichkeiten hinaus reicht. Das ist ein Grundbedürfnis von uns allen, das mit Sicherheit nie ganz gefüllt wird und immer ein Loch in uns hinterlässt.

Ich bin einsam, weil niemand diese Aufgabe übernehmen kann und darf, dieses Loch zu füllen. Ich werde auf Dauer einsam, wenn sich die Gespräche mit meinem Mann nur noch um die Kinder und das Haus drehen. Ich fühle mich einsam, wenn Wunden aus der Vergangenheit wieder aufbrechen und mich im Umgang mit Menschen vorsichtig werden lassen. Dann muss ich meine ganze Kraft darauf verwenden, die Stimmen im Zaum zu halten, die die Wahrheit mit ihren Lügen verzerren wollen: „Am Ende verlassen dich doch alle (Oha, die Bitterkeit zeigt ihr hässliches Haupt!). Sei stark, du brauchst niemanden außer dich selbst.“ Das war mein Überlebens-Mantra in früheren Jahren, als die schmerzhafte Fluktuation von Männern und Freundinnen in meinem Leben deutlich höher war als heute.

Wenn mich heute morgen jemand fragt, wie es mir geht, dann antworte ich Folgendes: „Ja, ich fühle mich einsam. Aber ich werde von diesem Gefühl nicht mehr aufgefressen. Ich erkenne seine Anwesenheit an. Aber ich weigere mich, den Lügen zu glauben, die immer von Einsamkeit begleitet werden. Wenn ich mich dem Selbstmitleid hingebe, dann schotte ich mich noch mehr ab. Ich will in diesen Tag mit offenem Herzen gehen, bereit, Liebe zu geben und zu bekommen. Auch wenn es sich wie immer sehr holprig und zu weilen schmerzhaft anfühlt.“

Ein frommer Nachsatz:

Jaja, ich weiß, Gott ist an meiner Seite und dann kann ich ja gar nicht wirklich einsam sein. Blablabla. Das sind gut gemeinte fromme Pflaster für seelische Auas, die aber nicht mit Lebensrealitäten übereinstimmen. Man kann auch mit Gott einsam sein. Auch wenn man versucht, dieses Gefühl – wie in frommen Kreisen üblich – einfach im Gebet „abzugeben“. Klappt so nicht. Weil mein Gefühl der Einsamkeit eine Alarmglocke ist, die mir signalisiert, dass etwas nicht stimmt. Ich kann die Alarmglocke wie in früheren Zeiten mit dem frommen Holzhammer in Stücke hauen. Oder ich lasse die Einsamkeit zu, wie einen alten, penetranten Freund, der mir was Wichtiges zu sagen hat. Gott ist nicht mein seelischer Lückenstopfer. Er will mich zur Wahrheit führen, und die ist manchmal schmerzhaft:

„Du schaffst es nicht alleine.“

„Du brauchst die anderen.“

„Sprich die Wahrheit aus, auch wenn deine Stimme zittert.“

„Du darfst dich einsam fühlen.“

„Ich bin da.“

13 Kommentare zu „Ein paar Worte über die Einsamkeit

  1. Danke!
    Danke für die Wahrheit über die man so oft nicht spricht. Danke für die Klarheit, die man so oft nicht auszusprechen traut. Einfach Danke für Deine Ehrlichkeit, die (mich) so ermutigt! Danke!

  2. Während ich Deine Worte lese, laufen mir die Tränen übers Gesicht. Wieder einmal hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen. Wieder einmal passen Deine Worte genau auf das was ich gerade empfinde. Und während ich noch überlege, was denn heute eigentlich mit mir los ist, hast Du schon formuliert, wozu mir dieWorte fehlen. Danke!!!, dass Du uns an Deinen Gedanken so ehrlich teilhaben lässt und uns ermutigst die Wahrheit anzunehmen!
    LG Ulrike

  3. Danke für deine ehrlichen Worte. Ich finde mich darin so wieder.Wie gut würde es uns tun öfter so ehrlich miteinander zu sein. Denn nichts ist ermutigender und schafft Beziehung als zu hören das andere auch diese Gefühle kennen. LG, Ina

  4. „..dIe Einsamkeit ein alter penetranter Freund, der mir was zu sagen hat.“ Wunderbar geschrieben.alles. drück dich und sage: du hast recht, wir brauchen einander!!! hdl.

  5. Danke, danke, danke! Du sprichst mir aus dem Herzen… Während ich gerade meinen Kaffee in der sonne trinke, wirken deine Worte nach und ich frage mich, was es für mich bedeutet… Deine Ehrlichkeit und Offenheit tun so gut und bewegen mich immer wieder tief!

  6. Gerade heute, um 5:00 Uhr morgens konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten, weil ich mich momentan so einsam fühle. Und da lese ich (zum ersten Mal) diesen Blog. Es hat mich wie ein Hammer getroffen. Gott hat den Trost den ich heute brauchte bereits vorbereitet, und mich scheinbar zufällig drüberstolpern lassen. Wieder laufen mir Tränen übers Gesicht, aber dieses Mal aus Dankbarkeit, denn ich sehe, ich bin nicht die Einzige, ich darf mich so fühlen, und, JA, er ist da….! DANKE

  7. zutiefst berührt habe ich deine zeilen gelesen. einsamkeit ist etwas, was ich zutiefst kenne. nicht nur, wenn ich alleine bin, auch mitten unter menschen, freunden, … da taucht es auf. ich kenne denn ursprung … ich arbeite ihn auf … gott weiß es, geht mit und das ist gut.
    ich lese gerade das buch „hope of the weary mom“. worte voller ehrlichkeit, die mein herz erreichen. das ist gut! ich lerne, dort, wo ich mich sicher fühle, mich zu öffnen und erlebe ein gesehen und verstanden werden. welch ein geschenk!

  8. wie sehr sprichst du mir aus der Seele!
    Und wie unglaublich, dass es so vielen anderen auch so geht!
    Dachte ich bin die einzige, die so fühlt!
    Schön, doch nicht allein zu sein!
    Danke für deine Ehrlichkeit!!!

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