Wunschvorstellung vs. Realität

Pro Monat gibt es einen oder auch 15 Tage, an denen nichts so läuft, wie man es sich vorstellt. Vielleicht geht es ja nur mir so, ich weiß nicht. Früh springt man noch vital aus dem Bett, begrüßt den neuen Tag mit einem High Five und pfeift mit den Vögeln um die Wette. 12 Stunden später ist man nur noch ein vager Schatten dieser Person, dank einem Mix aus überhöhten Vorstellungen und eigenwilligen Kindern.

Sehen wir uns mal den zurückliegenden Tag an. Entschuldigt, wenn ich dabei eines oder 15 Schoko-Eier esse. Ich weiß, falsche Stressbewältigung, aber das ist mir gerade mal völlig Wurscht.

Morgen – Wunschvorstellung: 
Ich wache erholt auf, ziehe die Vorhänge auf und bleibe noch eine Weile liegen. Dabei blättere ich gedankenverloren in dem neuesten Kochbuch, das ich mir gestern aus der Bücherei geholt habe. Dann erstelle ich eine To-Do-Liste für den Tag. Die Kinder spielen friedlich in ihrem Zimmer – heute ist kein Kindergarten. Herrlich, einfach so in den Tag hineinleben zu können! Ich koche den ersten Kaffee des Tages. Meine Kinder und mein Mann kommen in die Küche, umarmen mich und sagen: „Du musst kein Frühstück machen, das machen WIR heute!“

Morgen – Realität
Ich wache erholt auf, ziehe die Vorhänge auf und bleibe noch eine Weile liegen. Dabei blättere ich gedankenverloren in dem neuesten Kochbuch, das ich mir gestern aus der Bücherei geholt habe. Dann erstelle ich eine To-Do-Liste für den Tag. Die Kinder spielen friedlich in ihrem Zimmer – heute ist kein Kindergarten. Jetzt aber raus, ich habe viel zu tun! Ich koche den ersten Kaffee des Tages. Josefine platzt in die Küche: „Mama, die Amelie haut mich mit dem Ice-Pack!!!“ Amelie stürmt hinterher: „Aber die Fine hat angefangen!!“ Ich: „KEIN STREIT VOR MEINEM ERSTEN KAFFEE!!!“

Vormittag – Wunschvorstellung
Nach einem opulenten Frühstück bleiben wir noch eine Weile im Pyjama, kuscheln uns auf die Couch, lesen gemeinsam Geschichten. Dann gehe ich duschen. Im Spiegel erblicke ich eine Frau, die keinen Tag älter als 29 ist. „Ich sollte weniger Sport treiben“, denke ich, „die Muskeln sind echt schon übertrieben.“ Während meiner Morgen-Routine spielen die Kinder leise und friedlich. Sie bereiten eine Geburtstagsparty für Amelies neuen Stoffhasen namens Brauni vor. Es wird gemalt, gebastelt und ein paar Runden „Happy Birthday“ geträllert. Später fragen die Mädchen, ob sie ihr Zimmer aufräumen dürfen, weil sie sich im Chaos nicht wohl fühlen. Ich habe das Gefühl, alles in meiner Erziehungsarbeit richtig gemacht zu haben.

Vormittag – Realität
Jeder Schritt auf unseren Böden knirscht. Ich muss dringend durchputzen. Aber vorher unbedingt zum Hofladen, der ab 9 Uhr geöffnet hat. Heute werden frische Forellen geliefert und ich muss unbedingt früh dran sein, um noch welche zu bekommen. Heute ist nix mit In-den-Tag-leben. Schnell unter die Dusche. „Huch, ich seh keinen Tag jünger als 40 aus“, denke ich beim Blick in den Spiegel. Leggins und altes Jeanshemd an, Zopf flechten, fertig. Die Kinder haben sich selbst angezogen und ich stelle erleichtert fest, dass ihre Kleider-Kombinationen heute nicht gegen die Genfer Konventionen verstoßen. Am Hofladen angelangt, erfahre ich, dass die Forellen ausverkauft sind. Kaufe ich halt stattdessen ein paar Gurken. Die tun’s auch am Karfreitag. Wieder daheim wird eifrig Stoffhase Braunis Geburtstag vorbereitet. Die Unordnung nimmt katastrophale Ausmaße an, aber ich ignoriere sie zähneknirschend. Ich will ja nicht dem Kreativschub meiner Kinder im Weg stehen. Stattdessen putze ich die Böden.

Mittag – Wunschvorstellung
Ich bereite Brennnessel-Gnocchi in einer einfachen Tomatensoße zu. Ist ja heute Gründonnerstag, also gibt es grünes Essen. Die Gnocchi gelingen und sind die Wucht. Selbst unsere Kostverächerin Josefine ist begeistert und verlangt lauthals einen Nachschlag.

Mittag – Realität
Ich bereite Brennnessel-Gnocchi in einer einfachen Tomatensoße zu. Ist ja heute Gründonnerstag, also gibt es grünes Essen. Die Gnocchi gelingen und sind die Wucht. Selbst unsere Kostverächerin Josefine ist begeistert und verlangt lauthals einen Nachschlag.

Tja, manchmal läuft es halt doch wie geplant.
Auch wenn ich damit gerechnet hätte, dass Brennnessel-Gnocchi einen empörten Aufstand auslösen.

Nachmittag – Wunschvorstellung
Nach einem ungestörten, ausgiebigen Mittagsschlaf treten zwei fröhliche Mädchen leise an die Couch. „Mama, wir haben aufgeräumt, ganz alleine!“. Ich inspiziere ihr Werk und bin hin und weg von meiner Erziehungsarbeit. Alles wieder an Ort und Stelle, die Betten sind gemacht, die Kuscheltiere aufgereiht. Zur Belohnung dürfen die Kinder ihre Mürbeteig-Osterhasen selbst glasieren. Die Kleidung bleibt sauber und niemand streitet sich um die Farben. Draußen reißen die Regenwolken auf und die Kinder betteln, dass sie nach draußen möchten. Ich muss sie selbstverständlich nicht ermahnen, ihre Matschhosen und Gummistiefel anzuziehen. Ich nutze die Ruhe im Haus, mache mir eine Tasse Kaffee und blättere durch die Zeitung. Es klingelt an der Haustür, der Lieferservice der Wäscherei bringt die gewaschene und gefaltete Kleidung. Ärgerlich, dass ich sie selbst in die Schränke räumen muss. Draußen spielen die Kinder brav im Sandkasten. Bevor sie reinkommen, klopfen sie draußen den Sand ab, stellen ihre Gummistiefel in Reih und Glied, die Matschhosen landen an ihrem Haken.

Nachmittag – Realität
Nach einem zweiminütigen Power-Nap reißt mich ein Urknall aus dem Schlaf. Die Kinder üben Bungee-Sprünge vom Hochbett. Wenn ich schon wach bin, können wir auch gleich die Osterhasen glasieren. Es ist eine Freude, wie die Mädchen mit der Farbe panschen und die Hälfte davon im Magen landet. Sie wollen ihr Werk anschließend gleich essen, nur mühsam kann ich sie von einem Mürbteighasen-Massenmord abhalten. „Die sollen doch bis Sonntag reichen, liebe Kinder!“ Und dabei klinge ich mal wieder wie die Prusseliese. Draußen reißen die Regenwolken auf. Ich zwänge die Mädchen in ihre Matschhosen und muss Josefine mühsam von ihrer Idee abbringen, ihre Ballerinas anzuziehen. Es klingelt an der Tür, Amelies Freund kommt zu Besuch. Wunderbar, denke ich, jetzt sind die Kinder beschäftigt. Während die Kinder sich draußen mit Sandschaufeln gegenseitig vermöbeln, schleppe ich drei Wäschekörbe nach oben, um sie zusammenzulegen. Aber ich komme nicht weit. Alle zwei Minuten tönt ein verzweifeltes „Maaamaaaaa“ nach oben. Irgendwann steht eine durchnässte Josefine vor mir, hinter ihr eine Spur aus feinem, knirschenden Sand auf dem Boden. Ich lege das Kind trocken und stelle ihr ein Puzzle hin. Das lenkt sie  drei Minuten ab. Sie fühlt sich von Amelie und ihrem Freund ausgeschlossen. Also kümmere ich mich um sie und spiele endlose Runden Memory mit ihr. Ich lasse sie sogar ein paar Mal gewinnen. Dann feiern wir Braunis Geburtstag mit Mürbteig-Hasen. Und weil ich die coole Mutter sein will, fackeln wir am Esstisch ein paar Wunderkerzen ab. Es stinkt infernalisch. Ein panischer Blick auf die Packung: „Nur im Freien verwenden!“.
Als unser Besuch geht, taxiere ich das Chaos, das sich seit dem Morgen verzehnfacht hat. Ich breche trotz guter Vorsätze in eine Schimpftirade aus und halte einen langen Vortrag über verantwortlichen Umgang mit Spielzeug. Ich hege den dumpfen Verdacht, meine Kinder hören nicht zu. Ich stecke sie in die Badewanne und beseitige den Rest der Unordnung.

Abend – Wunschvorstellung
Ich fühle mich nach einem wunderbaren Tag beschwingt und begrüße meinen Mann freudestrahlend. Gemeinsam sitzen wir beim Abendessen, tauschen uns über den Tag aus. Die Kinder unterbrechen nicht, rülpsen nicht und erzählen keine Pups-Witze. Ich könnte platzen vor Stolz auf meine Erziehungskünste. „Ich bring heute die Kinder ins Bett, setz dich schon mal auf die Couch und schenk dir ein Glas Wein ein, mein lieber Schatz,“ bietet mir mein Mann an.
Mit einem wohligen Seufzer gehorche ich ihm.

Abend – Realität
Ich hole zwei heulende Kinder aus der Badewanne. Kurz überlege ich, ob ich Amelie eine Rastafrisur verpassen lasse. Wäre echt praktisch. Der Kamm verliert zwei weitere Zähne bei der Bearbeitung ihrer nassen Haarpracht. Und ich ernte einige böse Worte. Armin kommt heim und greift mir unter die Arme. Außerdem hat er mir einen Strauß Lilien mitgebracht. Er hat wohl gemerkt, dass ich heute am Limit bin und eine Aufmunterung brauche. Als wir beim Essen sitzen, klingelt sein Bereitschafts-Handy. Er muss an den Laptop und Kaufland aus einer Krise helfen. Mit letzter Kraft bringe ich die Kinder ins Bett und belade den Geschirrspüler.

Ich sinke irgendwann erschöpft auf die Couch und schiebe die Speicherkarte meiner Kamera in den Laptop. Und dann sehe ich das. Unseren Tag. Chaotisch, anstrengend, wunderschön, zum Verrückt werden, manchmal nah an der Wunschvorstellung und manchmal Lichtjahre davon entfernt. Leben halt.

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5 Kommentare zu „Wunschvorstellung vs. Realität

  1. Sehr zum schmunzeln 🙂 Ich habe es nicht mal geschafft die Osterdekoratin anzubringen, abgesehen von den zwei tollen Eiern die Vicky aus dem Kindergarten mitgebracht hat. Fühle mich aber trotzdem nicht schlecht, denn hier herrscht Ausnahmezustand (Wohnzimmer = Baustelle) und in drei Tagen ist Ostern auch schon wieder vorbei 🙂

  2. Klingt echt turbulent, aber abenteuerlich 🙂 Ich denke, manchmal ist die Wunschvorstellung ziemlich langweilig und Menschen wesentlich überraschender. 😉 Schöne Ostern!

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