Gedanken, Glaube

Ein paar Worte über die Einsamkeit

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In letzter Zeit hat mich ein seltsames Gefühl beschlichen. Eines, das ich eigentlich schon längst hinter Schloss und Riegel hatte. Aber da ist es wieder –  TRARAAAAA!!! – weil es halt leider immer noch den Weg zu meinem Herzen kennt.

Die Einsamkeit.

Allein, dieses Wort vor anderen auszusprechen und aufzuschreiben, fühlt sich holprig und beschämend an.

Am Montag-Abend hatte ich wieder Book-Club. Das ist ein deutsch-amerikanischer Trupp von Frauen, mit denen ich mich regelmäßig treffe, um ein Buch zu lesen und hinterher zu besprechen. Aber machen wir uns nichts vor: da wo Frauen zusammen kommen, wird Wein getrunken und über Probleme geredet. Über das Buch natürlich auch, aber erst, wenn jede von uns ausführlich erzählt hat, wie es ihr gerade geht. Als ich an der Reihe war, wollte ich schon fast meinen Standardspruch aufsagen: „I guess I’m fine.“ Aber dann sprach ich das aus, was ich in Wahrheit empfand: „I’m lonely“. Manchmal ist es leichter, die Wahrheit in einer fremden Sprache auszudrücken, weil man zu ihr mehr Distanz hat als zur eigenen, nicht wahr? Ich traute mich kaum, in die Gesichter der anderen zu blicken.

Aber als ich aufblickte, sah ich in ihren Gesichtern Verständnis. Jede dieser Frauen hatte wohl schon an einem oder anderem Punkt in ihrem Leben mit Einsamkeit zu kämpfen. Ich versuchte mich zu erklären, als wolle ich mich für diese Schieflage meines Seelenlebens zu entschuldigen (weil wir Einsamkeit nach wie vor als Versagen bewerten!).

„Sicherlich scheuen viele davor zurück, dich anzusprechen oder dir Rat zu geben oder dir nahe zu kommen. Weil du von außen so wahrgenommen wirst, als hättest du alles im Griff und bräuchtest nicht wirklich jemanden.“ Das waren die Worte einer Freundin im Book Club, die die Wahrheit nicht besser hätten treffen können. Amen, Schwester!

Ich bin meistens nicht alleine und wenn ich das mal bin, genieße ich die Zeit für mich. Was mir aber fehlt, ist echte Verbindung zu anderen Menschen. Ein Wahrgenommenwerden, das über Äußerlichkeiten hinaus reicht. Das ist ein Grundbedürfnis von uns allen, das mit Sicherheit nie ganz gefüllt wird und immer ein Loch in uns hinterlässt.

Ich bin einsam, weil niemand diese Aufgabe übernehmen kann und darf, dieses Loch zu füllen. Ich werde auf Dauer einsam, wenn sich die Gespräche mit meinem Mann nur noch um die Kinder und das Haus drehen. Ich fühle mich einsam, wenn Wunden aus der Vergangenheit wieder aufbrechen und mich im Umgang mit Menschen vorsichtig werden lassen. Dann muss ich meine ganze Kraft darauf verwenden, die Stimmen im Zaum zu halten, die die Wahrheit mit ihren Lügen verzerren wollen: „Am Ende verlassen dich doch alle (Oha, die Bitterkeit zeigt ihr hässliches Haupt!). Sei stark, du brauchst niemanden außer dich selbst.“ Das war mein Überlebens-Mantra in früheren Jahren, als die schmerzhafte Fluktuation von Männern und Freundinnen in meinem Leben deutlich höher war als heute.

Wenn mich heute morgen jemand fragt, wie es mir geht, dann antworte ich Folgendes: „Ja, ich fühle mich einsam. Aber ich werde von diesem Gefühl nicht mehr aufgefressen. Ich erkenne seine Anwesenheit an. Aber ich weigere mich, den Lügen zu glauben, die immer von Einsamkeit begleitet werden. Wenn ich mich dem Selbstmitleid hingebe, dann schotte ich mich noch mehr ab. Ich will in diesen Tag mit offenem Herzen gehen, bereit, Liebe zu geben und zu bekommen. Auch wenn es sich wie immer sehr holprig und zu weilen schmerzhaft anfühlt.“

Ein frommer Nachsatz:

Jaja, ich weiß, Gott ist an meiner Seite und dann kann ich ja gar nicht wirklich einsam sein. Blablabla. Das sind gut gemeinte fromme Pflaster für seelische Auas, die aber nicht mit Lebensrealitäten übereinstimmen. Man kann auch mit Gott einsam sein. Auch wenn man versucht, dieses Gefühl – wie in frommen Kreisen üblich – einfach im Gebet „abzugeben“. Klappt so nicht. Weil mein Gefühl der Einsamkeit eine Alarmglocke ist, die mir signalisiert, dass etwas nicht stimmt. Ich kann die Alarmglocke wie in früheren Zeiten mit dem frommen Holzhammer in Stücke hauen. Oder ich lasse die Einsamkeit zu, wie einen alten, penetranten Freund, der mir was Wichtiges zu sagen hat. Gott ist nicht mein seelischer Lückenstopfer. Er will mich zur Wahrheit führen, und die ist manchmal schmerzhaft:

„Du schaffst es nicht alleine.“

„Du brauchst die anderen.“

„Sprich die Wahrheit aus, auch wenn deine Stimme zittert.“

„Du darfst dich einsam fühlen.“

„Ich bin da.“

Rezepte

Ich brenne!

Lustig – seit dem letzten Blogeintrag schlafe ich früh wieder länger. Als hätte das Aussprechen bzw. Aufschreiben meiner Not innerlich einen Knoten gelöst. Ich schaffe es tatsächlich bis zum Weckerklingeln selig zu schlummern. Und so verdrängen Fröhlichkeit und Energie das grantige Rumpelstilzchen in mir. Ich kann das Leben um mich herum wieder wahrnehmen und kosten. Ja, ich brenne!

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Heute ist ein Geschenk. Der graue Himmel, das kreative Chaos meiner Mädchen, der Kaffee neben mir, dieser Laptop, Worte, eine Umarmung am frühen Morgen, ein Rundgang durch den kühlen Garten, Tanzparty im Wohnzimmer, Rhabarber, das Brummen der Waschmaschine.

Ich habe wieder Lust daran, Neues auszuprobieren. Brennnessel-Brötchen zum Beispiel. Ich gehe euch sicherlich mit meinem Brennnessel-Wahn bereits auf die Nerven. Mir schnurzpiepegal. Ich will euch nämlich zu Brennnessel-Fans bekehren. Ob ihr wollt oder nicht.

Sorry, muss kurz klugscheißen: Die Brennnessel ist eines der ältesten Heilkräuter der Menschheit. Letzte Woche – während einer Kräuterführung – meinte unsere Kräuterpädagogin: „Wenn die Menschen um die Heilkraft der Brennnessel wüssten und diese nicht brennen würde, wäre das Kraut längst ausgerottet.“

Die jungen Brennnessel-Triebe haben einen hohen Gehalt an Flavonoiden, Magnesium, Kalzium und Silizium, Vitamin A und C (ca. 7x mehr Vitamin C als eine Orange), Eisen und Eiweiß.

Ich jubel also meiner Familie ständig das Kraut unter, und sie schlucken es klaglos. Sogar begeistert! Nächste Woche stehen Brennnessel-Spinat (LECKER!!!) und Brennnessel-Ravioli auf dem Plan.

Wenn ihr Brennnesseln sammeln wollt, dann bitte nicht an befahrenen Straßen oder an Wegrändern. Verwendet nur Brennnesseln aus dem eigenen Garten oder aus dem Wald.

Aber zurück zu den Brötchen. Die sind bei uns der Hit auf dem Abendbrot-Tisch.

Hier das Rezept für sechs Brennnessel-Brötchen:

125g Vollkornmehl
125g Weizenmehl Type 450 oder 550
1/2 Päckchen Trockenhefe
1 EL Olivenöl
1 TL Honig
1 TL Salz
160ml lauwarmes Wasser
1 gute Handvoll Brennnesseln

Sammel am besten die Spitzen junger Brennnessel-Triebe. Wasche und überbrühe sie kurz. Dann fein hacken.
Vermische das Mehl mit dem Salz und der Hefe. Füge Öl, Honig, Wasser sowie die Brennnesseln hinzu und knete den Teig fünf Minuten lang. Decke die Schüssel ab und lass den Teig an einem warmen Ort 1  1/2 bis 2 Stunden gehen. Forme aus dem Teig sechs Brötchen, setze sie auf ein Blech und lass sie abgedeckt nochmals eine halbe Stunde gehen. Heize den Backofen in der Zwischenzeit auf 200 Grad vor. Backe die Brötchen ca. 20 Minuten bei 180 Grad.

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Familie

Von Seilbahnen und Schweinsäuglein

Ich komme gerade gar nicht so zum Schreiben wie ich es gerne täte. Unausgegorene Ideen und Gedanken wabern durch meinen Kopf, wollen heraus, aber ersticken unterwegs in einem Nebel aus Müdigkeit.

Jeden Morgen wache ich eine Stunde vor dem Weckerklingeln auf. Wirklich, genau eine Stunde! Nicht 65 Minuten. Nicht 55 Minuten. Genau 60 Minuten vorher. Meine innere Uhr treibt grausame Scherze mit mir und lacht sich tot, wenn ich mich mit kleinen Schweinsäuglein und blassem Teint durch den Tag schleppe.

Mein Leben ist gerade vollgepackt bis obenhin. Und trotzdem schmuggle ich heimlich noch einige Punkte auf meine To-Do-Liste, die ich vielleicht mal bis Mitte Juni abgearbeitet haben werde. In Wirklichkeit also nie.

Heute war ein Tag, an dem es alle zwei Minuten „MAMA!!“ durchs Haus schallte. Die Apokalypse stand also alle zwei Minuten kurz bevor und verzweifelte Mädchen riefen nach ihrem letzten Rettungsanker, dem Held der Stunde, dem tapferen Ritter in glänzender Rüstung. Mama. Ich kam zu nichts.

Ich war ein Ritter von trauriger Gestalt, der müde zwischen Ess- und Kinderzimmer hin- und her eierte. Wie die neue Seilbahn, die die Kinder heute bekamen und sofort in Betrieb genommen haben. Hin und her. Her und hin. Ohne Pause. Die Seilbahn hat zwei entzückende kleine Körbchen, das Holz ist hell und ohne Gebrauchsspuren, die Winden laufen quietschfrei und wie geschmiert.

Als ich vorhin nochmal durchs Kinderzimmer ging, blieb ich wortwörtlich in der Seilbahn hängen. Die Körbchen waren schwer bepackt mit Puppen und Miniatur-Geschirr und Täschchen und anderem Kram. Sie hingen so stark durch, dass sie nicht mehr vorwärts kamen. Ich hatte heute meinen Kindern erklärt: „Jedes Mal, wenn ihr dem Körbchen etwas hinzufügt, müsst ihr erst etwas rausnehmen. So bleibt die Seilbahn nicht stecken.“

Ich spüre die letzten Tage, dass auch ich mein Leben entleeren muss. Mal wieder. Alle paar Monate komme ich genau zu dem Stillstand, an dem mein Lebenskorb zu voll ist und ich in Versuchung komme, noch mehr reinzupacken. Aber erst muss einiges raus.

Meine hohen Ansprüche an mich: RAUS!

Zuviel Zeit im Internet: RAUS!

Mich in Details verlieren: RAUS!

Zuviel Konsum: RAUS!

Stundenlange Telefonate: RAUS!

Fensterputzen: RAUS!

Terminanfragen: RAUS!

Zuviel darüber grübeln, was andere von mir denken: RAUS!

Stattdessen fülle ich meinen Lebenskorb mit fröhlicher Gelassenheit. Mit Ausflügen in die Natur. Mit dem Zusammensein lieber Freunde und meinem Mann. Mit Spielen. Mit Gärtnern. Mit unverplanten Stunden.

Dann nimmt mein Leben wieder Fahrt auf. Quietschend und eiernd und stotternd. So ist es halt, mein geliebtes, geschenktes Leben. Welches ich nicht nur mit dem Abarbeiten von Pflichten verbringen will…IMG_4666 IMG_4672 IMG_9371klein

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Familie

Jetzt mal runter vom Ego-Karussell

„Ich hätte gerne ein liebevolles Guten Morgen von Kindern und Mann. 

Ich hätte gerne eine Tasse Tee direkt ans Bett. 

Ich hätte gerne, dass mich heute eine Freundin anruft und fragt, wie es mir geht.

Ich hätte gerne, dass die Kinder meinen Bedürfnissen gegenüber aufmerksamer sind. 

Ich hätte es sehr sehr gerne, dass meine Familie gnädig mit mir und meinem Fehlverhalten umgeht. 

Ich hätte heute gerne ein paar Komplimente. Am besten solche über meine Wahnsinnsfigur!“ 

Das sind die ersten Gedanken meines frischen Montagmorgens. Das Ego-Karussell hat volle Fahrt aufgenommen, bevor ich meinen ersten Tee getrunken habe. Den hab ich mir natürlich selbst gekocht. Der Rest der Familie schläft noch und ich wage es nicht, jemanden mit dem Befehl zu wecken, mir eine Tasse Tee zu kochen. Das könnte für miese Stimmung sorgen.

Ich schlage die Bibel auf. Aber meine Gedanken wollen noch eine Runde im Ego-Karussell fahren. Also lasse ich sie, bis ihnen schwindlig wird. Dann finden sie ihren Ankerplatz in diesen wenigen Worten, die Jesus mal gesagt hat: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.“ Das ist wieder typisch für dich, Jesus!

Er haut voll die Bremse in mein Ego-Karussell rein und bittet mich auszusteigen. Weil er weiß, dass die Endstation des Tages Bitterkeit sein wird. Bitterkeit darüber, dass andere Menschen meine Bedürfnisse nicht erkannt und erfüllt haben werden. Weil sie das nämlich nur ansatzweise können und oft gar nicht. Weder mein Mann, noch meine Kinder, noch meine Eltern, noch meine Freunde! Sie sind nämlich genau die gleichen selbstzentrierten Wesen wie ich und der Rest der Menschheit. Jesus weiß, wie wir gestrickt sind. Genau deshalb haut er die Bremse ins Ego-Karussell rein und schlägt vor, dass wir mal ein paar Runden pausieren. Und die anderen auch mal fahren lassen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Nach der Aussage Jesu steht nämlich ein Punkt. Es folgt leider kein Doppelpunkt oder Komma, hinter dem steht, dass wir durch unser löbliches Verhalten Glück oder Anerkennung oder Zufriedenheit erfahren werden. Der Ausstieg aus dem Ego-Karussell ist keine Rechnung die aufgeht. Es ist eine Form der Liebe, die völlig frei von Manipulation und Erwartung ist. Es ist die Form der Liebe, mit der Gott uns liebt.

So, ich muss los.

Muss ja jetzt meinem Mann eine Tasse Kaffee machen. Der wird schön blöd aus der Bettwäsche schauen. Genauso wie meine Kinder, wenn ich heute ein paar Mal extra tief durchatme und mir meine Ungedulds-Schimpfereien verkneife.

Bilder, Gedanken

Ich…

…fühle: Zeitdruck, Watte im Kopf, Anforderungen, ein volles Herz.

…sehe: zartestes Licht, das selbst kleine Makel mit Schönheit übertüncht. IMG_9121klein

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…höre: den Frühling. Der besteht aus dem Lachen und Spielen und Streiten meiner Kinder. Und Sufjan Stevens.

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…lese: mit Begeisterung das Buch „Kinder aus aller Welt“, das ich im Second-Hand-Laden mitnahm. Eigentlich ein Kinderbuch, aber es zeigt mir mal wieder, dass wir Menschen trotz aller Unterschiede im Herzen und Handeln so ähnlich und liebenswert sind!

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…genieße: laue Frühlingsabende mit Freundinnen. Wir machen das viel zu selten. Obwohl wir einander so sehr brauchen.

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(Foto: Christina, Spatz in der Hand)

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…rieche: Sonnencreme und Blumen.

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…lerne: die Kunst des Reparierens. Jahrelang habe ich achtlos alles weggeworfen, was defekt war. Man kann es ja neu kaufen! Diese Haltung entspricht aber nicht mehr meiner heutigen Lebensweise. Außerdem hab ich mich bei der „Sendung mit der Maus“ von dem einfachsten Tutorial übers Sockenstopfen inspirieren lassen.

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…schmecke: Toast mit Ziegenkäse, Avocado und Granatapfelkernen. Mein neuestes Lieblingsfrühstück.

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…arbeite: an einigen neuen Fotoaufträgen. An neuer Deko. An Vorhängen für unsere Regale. An meinen Setzlingen. An Brotteig. An mir selbst.

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Ehe, Familie, Gedanken

Mittendrin

Ich quäle mich um 6:15 Uhr aus dem Bett. Am Wochenende. Das schwache Licht ist noch gedämpft und am liebsten möchte ich zurück unter die warme Decke. Aber die Laufschuhe neben dem Bett schauen mich anklagend an. Ich schlüpfe hinein, ziehe mir einen Pulli über, spritze mir Wasser ins Gesicht, stolpere über eine hungrige Katze und schleiche mich leise aus dem Haus.

Selber schuld, denke ich. Musstest dich unbedingt zum Öhringer Stadtlauf anmelden, weil du die Idee so TOLL fandest, in einem schicken Lauf-Outfit mit tausend anderen Verrückten durch die Stadt zu rennen. Es war nicht schwer, im Internet auf „Anmeldung Stadtlauf“ zu klicken und per Paypal bequem die Gebühr zu bezahlen. Den Rest des Abends träumte ich Nüsse kauend davon, welch eine umwerfende Figur ich bei dem Lauf machen würde. Am nächsten Morgen holten Wecker und Laufschuhe und schmerzende Knie mich auf den harten Boden der Tatsachen zurück.

So ist es immer bei mir. Eine Idee begeistert mich in der Theorie ungemein. Meine Impulsivität hat mich schon einiges an Nerven und Geld gekostet. „Oh, da steht ein Bungee-Kran! Ich fahr rauf!“ „Ich kündige jetzt meinen Job und reise ein Jahr um die Welt!“ „Ich schreibe einen Blog. Kann ja nicht so schwer sein – macht ja eh jeder Vollhonk.“

Der Anfang ist immer leicht, ja fast schwerelos, voller kribbelnder Verheißungen. Ich kann vor Aufregung nicht schlafen, weil mein Kopf beschäftigt ist, meine neueste Idee zu verfilmen. Mit mir in der Rolle als Heldin. Ich mag Anfänge. Anfänge kosten mich nichts.

Was ich nicht mag, ist das Mittendrin. Der Part, wenn es anstrengend wird. Wenn ich mit der harten Realitätswährung Nerven-Kraft-Zeit-Disziplin zahlen muss. Wie oft habe ich angefangene Projekte hingeschmissen, weil es mich plötzlich was gekostet hat. Früher hielt ich das „Mittendrin“ für Versagen und Zeitverschwendung. Weil alles, was sich schwer anfühlte, nicht richtig sein konnte. Ich habe immer schnell die Hintertür genommen, hin zu neuen Anfängen.

Und dann bin ich Ehefrau und Mutter geworden. Der Anfang? Das war der Moment des Ringtauschs. Der Moment des blauen Strichs auf dem Schwangerschafts-Test. Glückstränen. Kopfkino mit mir als Heldin. Diese Anfänge waren so prickelnd, als hätte ich einen Monatsvorrat Brause auf einmal hinunter geschlungen.

Ich bin jetzt im mittendrin in diesem Leben, das ich mir vor so vielen Jahren erträumt habe. Im Mittendrin, wo es manchmal unfassbar anstrengend ist. Es gibt keine Hintertür mehr, wenn mal wieder Knatsch herrscht, die Kinder nicht gehorchen, der Ehemann so ganz anders reagiert als erwartet und ich zum Umfallen müde bin. Manchmal drohe ich damit, nach Mexiko auszuwandern. Aber es bleibt nur bei einem Lippenbekenntnis, weil mich im nächsten Moment vier Mädchenarme umfangen und mich anbetteln, hier zu bleiben. Und ich bleibe hier. Weil ich das Mittendrin brauche und sogar liebe (manchmal..). Es lehrt mich im Moment zu sein anstatt im Traum bereits der Zukunft nachzujagen. Es lehrt mich, Dinge anzunehmen, die momentan unabänderlich sind. Es lehrt mich, mich Konflikten und Herausforderungen zu stellen, anstatt die Flucht-Tür zu benutzen.

Ich brauche Anfänge, weil sie eine heilige Wegmarkierung in meinem Leben sind. 

Und ich brauche genauso sehr das Mittendrin, weil es der Weg ist, der gegangen werden möchte. Mit allen anstrengenden Höhenmetern, prickelnden Aussichten, Rastplätzen, steinigen Abschnitten, Einsamkeitsgefühlen, Verletzungen, überraschenden Wendungen.

Ein Weg, den ich nicht mehr missen möchte, auch wenn manchmal die Abkürzung an Mexikos Traumstrände lockt.

An der Regnitz copyUnsere Hochzeit vor 10 Jahren. Wie gut, dass ich diesen Mann als „Reisegefährten“ auf meinem Weg habe!

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Mit Amelie im Krankenhaus. Damals hätte ich im Traum nicht daran gedacht, dass ich jemals wieder rennen könnte…

Bilder

Es hat geostert!

„Schade, dass Ostern schon fast vorbei ist,“ seufzte Amelie vorhin beim Waldspaziergang. Find ich auch….

Aber Ostern ist nicht vorbei. Noch nicht. Euch allen – wo ihr auch seid – wünsche ich Frohe Rest-Ostern!

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Familie

Wunschvorstellung vs. Realität

Pro Monat gibt es einen oder auch 15 Tage, an denen nichts so läuft, wie man es sich vorstellt. Vielleicht geht es ja nur mir so, ich weiß nicht. Früh springt man noch vital aus dem Bett, begrüßt den neuen Tag mit einem High Five und pfeift mit den Vögeln um die Wette. 12 Stunden später ist man nur noch ein vager Schatten dieser Person, dank einem Mix aus überhöhten Vorstellungen und eigenwilligen Kindern.

Sehen wir uns mal den zurückliegenden Tag an. Entschuldigt, wenn ich dabei eines oder 15 Schoko-Eier esse. Ich weiß, falsche Stressbewältigung, aber das ist mir gerade mal völlig Wurscht.

Morgen – Wunschvorstellung: 
Ich wache erholt auf, ziehe die Vorhänge auf und bleibe noch eine Weile liegen. Dabei blättere ich gedankenverloren in dem neuesten Kochbuch, das ich mir gestern aus der Bücherei geholt habe. Dann erstelle ich eine To-Do-Liste für den Tag. Die Kinder spielen friedlich in ihrem Zimmer – heute ist kein Kindergarten. Herrlich, einfach so in den Tag hineinleben zu können! Ich koche den ersten Kaffee des Tages. Meine Kinder und mein Mann kommen in die Küche, umarmen mich und sagen: „Du musst kein Frühstück machen, das machen WIR heute!“

Morgen – Realität
Ich wache erholt auf, ziehe die Vorhänge auf und bleibe noch eine Weile liegen. Dabei blättere ich gedankenverloren in dem neuesten Kochbuch, das ich mir gestern aus der Bücherei geholt habe. Dann erstelle ich eine To-Do-Liste für den Tag. Die Kinder spielen friedlich in ihrem Zimmer – heute ist kein Kindergarten. Jetzt aber raus, ich habe viel zu tun! Ich koche den ersten Kaffee des Tages. Josefine platzt in die Küche: „Mama, die Amelie haut mich mit dem Ice-Pack!!!“ Amelie stürmt hinterher: „Aber die Fine hat angefangen!!“ Ich: „KEIN STREIT VOR MEINEM ERSTEN KAFFEE!!!“

Vormittag – Wunschvorstellung
Nach einem opulenten Frühstück bleiben wir noch eine Weile im Pyjama, kuscheln uns auf die Couch, lesen gemeinsam Geschichten. Dann gehe ich duschen. Im Spiegel erblicke ich eine Frau, die keinen Tag älter als 29 ist. „Ich sollte weniger Sport treiben“, denke ich, „die Muskeln sind echt schon übertrieben.“ Während meiner Morgen-Routine spielen die Kinder leise und friedlich. Sie bereiten eine Geburtstagsparty für Amelies neuen Stoffhasen namens Brauni vor. Es wird gemalt, gebastelt und ein paar Runden „Happy Birthday“ geträllert. Später fragen die Mädchen, ob sie ihr Zimmer aufräumen dürfen, weil sie sich im Chaos nicht wohl fühlen. Ich habe das Gefühl, alles in meiner Erziehungsarbeit richtig gemacht zu haben.

Vormittag – Realität
Jeder Schritt auf unseren Böden knirscht. Ich muss dringend durchputzen. Aber vorher unbedingt zum Hofladen, der ab 9 Uhr geöffnet hat. Heute werden frische Forellen geliefert und ich muss unbedingt früh dran sein, um noch welche zu bekommen. Heute ist nix mit In-den-Tag-leben. Schnell unter die Dusche. „Huch, ich seh keinen Tag jünger als 40 aus“, denke ich beim Blick in den Spiegel. Leggins und altes Jeanshemd an, Zopf flechten, fertig. Die Kinder haben sich selbst angezogen und ich stelle erleichtert fest, dass ihre Kleider-Kombinationen heute nicht gegen die Genfer Konventionen verstoßen. Am Hofladen angelangt, erfahre ich, dass die Forellen ausverkauft sind. Kaufe ich halt stattdessen ein paar Gurken. Die tun’s auch am Karfreitag. Wieder daheim wird eifrig Stoffhase Braunis Geburtstag vorbereitet. Die Unordnung nimmt katastrophale Ausmaße an, aber ich ignoriere sie zähneknirschend. Ich will ja nicht dem Kreativschub meiner Kinder im Weg stehen. Stattdessen putze ich die Böden.

Mittag – Wunschvorstellung
Ich bereite Brennnessel-Gnocchi in einer einfachen Tomatensoße zu. Ist ja heute Gründonnerstag, also gibt es grünes Essen. Die Gnocchi gelingen und sind die Wucht. Selbst unsere Kostverächerin Josefine ist begeistert und verlangt lauthals einen Nachschlag.

Mittag – Realität
Ich bereite Brennnessel-Gnocchi in einer einfachen Tomatensoße zu. Ist ja heute Gründonnerstag, also gibt es grünes Essen. Die Gnocchi gelingen und sind die Wucht. Selbst unsere Kostverächerin Josefine ist begeistert und verlangt lauthals einen Nachschlag.

Tja, manchmal läuft es halt doch wie geplant.
Auch wenn ich damit gerechnet hätte, dass Brennnessel-Gnocchi einen empörten Aufstand auslösen.

Nachmittag – Wunschvorstellung
Nach einem ungestörten, ausgiebigen Mittagsschlaf treten zwei fröhliche Mädchen leise an die Couch. „Mama, wir haben aufgeräumt, ganz alleine!“. Ich inspiziere ihr Werk und bin hin und weg von meiner Erziehungsarbeit. Alles wieder an Ort und Stelle, die Betten sind gemacht, die Kuscheltiere aufgereiht. Zur Belohnung dürfen die Kinder ihre Mürbeteig-Osterhasen selbst glasieren. Die Kleidung bleibt sauber und niemand streitet sich um die Farben. Draußen reißen die Regenwolken auf und die Kinder betteln, dass sie nach draußen möchten. Ich muss sie selbstverständlich nicht ermahnen, ihre Matschhosen und Gummistiefel anzuziehen. Ich nutze die Ruhe im Haus, mache mir eine Tasse Kaffee und blättere durch die Zeitung. Es klingelt an der Haustür, der Lieferservice der Wäscherei bringt die gewaschene und gefaltete Kleidung. Ärgerlich, dass ich sie selbst in die Schränke räumen muss. Draußen spielen die Kinder brav im Sandkasten. Bevor sie reinkommen, klopfen sie draußen den Sand ab, stellen ihre Gummistiefel in Reih und Glied, die Matschhosen landen an ihrem Haken.

Nachmittag – Realität
Nach einem zweiminütigen Power-Nap reißt mich ein Urknall aus dem Schlaf. Die Kinder üben Bungee-Sprünge vom Hochbett. Wenn ich schon wach bin, können wir auch gleich die Osterhasen glasieren. Es ist eine Freude, wie die Mädchen mit der Farbe panschen und die Hälfte davon im Magen landet. Sie wollen ihr Werk anschließend gleich essen, nur mühsam kann ich sie von einem Mürbteighasen-Massenmord abhalten. „Die sollen doch bis Sonntag reichen, liebe Kinder!“ Und dabei klinge ich mal wieder wie die Prusseliese. Draußen reißen die Regenwolken auf. Ich zwänge die Mädchen in ihre Matschhosen und muss Josefine mühsam von ihrer Idee abbringen, ihre Ballerinas anzuziehen. Es klingelt an der Tür, Amelies Freund kommt zu Besuch. Wunderbar, denke ich, jetzt sind die Kinder beschäftigt. Während die Kinder sich draußen mit Sandschaufeln gegenseitig vermöbeln, schleppe ich drei Wäschekörbe nach oben, um sie zusammenzulegen. Aber ich komme nicht weit. Alle zwei Minuten tönt ein verzweifeltes „Maaamaaaaa“ nach oben. Irgendwann steht eine durchnässte Josefine vor mir, hinter ihr eine Spur aus feinem, knirschenden Sand auf dem Boden. Ich lege das Kind trocken und stelle ihr ein Puzzle hin. Das lenkt sie  drei Minuten ab. Sie fühlt sich von Amelie und ihrem Freund ausgeschlossen. Also kümmere ich mich um sie und spiele endlose Runden Memory mit ihr. Ich lasse sie sogar ein paar Mal gewinnen. Dann feiern wir Braunis Geburtstag mit Mürbteig-Hasen. Und weil ich die coole Mutter sein will, fackeln wir am Esstisch ein paar Wunderkerzen ab. Es stinkt infernalisch. Ein panischer Blick auf die Packung: „Nur im Freien verwenden!“.
Als unser Besuch geht, taxiere ich das Chaos, das sich seit dem Morgen verzehnfacht hat. Ich breche trotz guter Vorsätze in eine Schimpftirade aus und halte einen langen Vortrag über verantwortlichen Umgang mit Spielzeug. Ich hege den dumpfen Verdacht, meine Kinder hören nicht zu. Ich stecke sie in die Badewanne und beseitige den Rest der Unordnung.

Abend – Wunschvorstellung
Ich fühle mich nach einem wunderbaren Tag beschwingt und begrüße meinen Mann freudestrahlend. Gemeinsam sitzen wir beim Abendessen, tauschen uns über den Tag aus. Die Kinder unterbrechen nicht, rülpsen nicht und erzählen keine Pups-Witze. Ich könnte platzen vor Stolz auf meine Erziehungskünste. „Ich bring heute die Kinder ins Bett, setz dich schon mal auf die Couch und schenk dir ein Glas Wein ein, mein lieber Schatz,“ bietet mir mein Mann an.
Mit einem wohligen Seufzer gehorche ich ihm.

Abend – Realität
Ich hole zwei heulende Kinder aus der Badewanne. Kurz überlege ich, ob ich Amelie eine Rastafrisur verpassen lasse. Wäre echt praktisch. Der Kamm verliert zwei weitere Zähne bei der Bearbeitung ihrer nassen Haarpracht. Und ich ernte einige böse Worte. Armin kommt heim und greift mir unter die Arme. Außerdem hat er mir einen Strauß Lilien mitgebracht. Er hat wohl gemerkt, dass ich heute am Limit bin und eine Aufmunterung brauche. Als wir beim Essen sitzen, klingelt sein Bereitschafts-Handy. Er muss an den Laptop und Kaufland aus einer Krise helfen. Mit letzter Kraft bringe ich die Kinder ins Bett und belade den Geschirrspüler.

Ich sinke irgendwann erschöpft auf die Couch und schiebe die Speicherkarte meiner Kamera in den Laptop. Und dann sehe ich das. Unseren Tag. Chaotisch, anstrengend, wunderschön, zum Verrückt werden, manchmal nah an der Wunschvorstellung und manchmal Lichtjahre davon entfernt. Leben halt.

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Gast-Post

Gast-Beitrag: Wenn etwas zerbricht

Heute lasse ich meine Freundin Rita zu Wort kommen, von deren Wortkünsten ich schon lange begeistert bin. Ich komme momentan weniger zum Schreiben. Aber Rita, die hat gerade einen monumentalen Schreib-Flash. Alle paar Tage blinkt meine Inbox. Neuer Text von Rita. Fantastisch. 

Das hier möchte ich (und sie) gerne mit euch teilen: 

Wenn etwas zerbricht, splittert ein Ganzes in viele Teile.
Manche sind groß, manche klein.

Manchmal passiert es plötzlich. Oder es hat sich einiges angestaut.

Und dann passiert es – ein Riss – ein Sprung.

Es tut einen klirrenden Schlag. Scherben schlittern über den Boden.

Es ist etwas kaputt gegangen – das ist offensichtlich.

Manch einer holt sofort einen Besen, um das Chaos zu beseitigen Es ist einfacher (sich) abzukehren.

Es fühlt sich leichter an, es zu beseitigen – um damit nicht mehr konfrontiert zu werden.

Man versucht zu ersetzen – oder gar nichts – faselt Phrasen „sowas passiert halt“.
Und das war‘s.

Wenn einem der Gegenstand wichtig ist,
lieb und vielleicht auch teuer- nimmt man sich die Zeit.
Man betrachtet, was da passiert ist- überlegt.
Sammelt mühsam alle existentiellen Teile zusammen- man braucht Geduld und Kraft,
um für etwas zu kämpfen, was einmal heile war und jetzt anders ist.

Vorsichtig setzt man ein Stück nach dem anderen wieder zusammen.
Man nimmt es liebevoll in die Hand- bis alles im Trockenen –
Beobachtet und guckt, ob alles wieder in Ordnung ist.

Vielleicht hat sich durch den Zerbruch manches verändert.
Der Gegenstand ist nicht mehr wie vorher- sein Zustand wirkt zerbrechlich.
Vielleicht erfüllt er seine Rolle nicht wie bisher.

Akzeptanz kann eine Hürde sein, aber auch ein Zaun.

Man muss nur seine Tür finden, um sich auf ein „Anders“ einzulassen und Altem neu zu begegnen.

Beziehungen können zerbrechen, Träume, Wünsche, Herzen, Welten.

Vor ein paar Monaten ist für mich so eine Welt zusammen gebrochen. Meine Seele fühlte sich wie ein Becher an, der mit Voll- Karacho samt Inhalt auf dem Boden der Tatsachen zerschellt ist.

Vielen in meinem Umfeld fiel es schwer, das mit anzusehen. Sie waren hilflos und haben sich zurückgezogen, sich abgekehrt. Die Veränderungen tun weh. Auch mir. Das andere ist ungewohnt. Auch für mich.

Deshalb bin ich dankbar für jeden Einzelnen, der mir menschenmöglich geholfen hat, meinen kaputten Seelenbecher wieder zusammen zu setzen. Dankbar für die Präsenz, das Warten, das Zuhören, das liebevolle in den Arm nehmen, das nicht zu viel Druck ausüben, für das Verständnis, das Beobachten, das Eingestehen von Hilflosigkeit, den Mut, die Geduld und schließlich die Liebe.

Für alle, die ein weites Herz und einen offenen Blick haben, um in einem kaputten Becher, aus dem man gerade nicht mehr trinken kann, letztendlich einen Blumentopf zu sehen.

Zu füllen, statt zu nehmen.

Danke an meine Freunde und für jede einzelne Blume, die ihr in meinen Seelenbecher gepflanzt habt- ein neuer Frühling kommt. Bestimmt!

RW.