Familie, Fasten

Gut gebrüllt, Mutter!

Es hat sich ausgefaschingt. Die Kostüme schleudern in der Waschmaschine, von den Krapfen sind nur noch trockene Krümel übrig, das Konfetti liegt immer noch lustig in allen Ecken rum und klammert sich hartnäckig an Teppiche. Als ich in den letzten Krapfen biss und das Hiffenmark am anderen Ende herausquoll, fiel mir ein, dass heute die Fastenzeit beginnt. Irgendwas muss einem ja immer den großen Spaß verderben. Zuerst sind es die Eltern, dann die Schule, dann die Pubertät, dann das Finanzamt und jetzt auch noch die Fastenzeit.

Die letzten Jahre hab ich die Zeit zwischen Fasching und Ostern erfolgreich ignoriert. Ich mochte auf nichts verzichten. Weil ich nämlich das Gefühl hatte, seit der Geburt meiner Kinder auf genügend Dinge verzichten zu müssen. Da wollte ich mir nicht noch einen Extrastein aufladen. Ein-, zweimal machte ich einen halbherzigen Anlauf. Aber nach zwei Tagen Stunden siegte die Schokolade. Oder der Wein. Oder der Fernseher. Meistens alles drei gleichzeitig.

Ich glaube, ich habe die Fastenzeit immer ganz falsch interpretiert: Als persönliches Trainingslager für Gewichtsverlust und Persönlichkeits-Optimierung. Aber eigentlich geht es in der Fastenzeit nicht um mein nimmersattes Ego. Eher sollen durch Verzicht Freiräume entstehen, die ich mit allem füllen darf, was mich näher zu Gott und näher zu Menschen bringt. Ich darf lernen, einen weiten Bogen um meine heiß geliebten Stolpersteine machen. Die Leere einmal nicht gleich füllen, sondern aushalten.

Ich verzichte dieses Jahr auf Süßigkeiten (bye bye Ben and Jerrys), auf Alkohol (hoch die Teetassen!) und auf das Anmotzen und Anschreien meiner Kinder. Du bist schockiert, dass ich meine Kinder anschreie? Ja, das tue ich gelegentlich und öfters. Dank meiner grundaggressiven Impulsivität. Aber was passiert, wenn es passiert? Zunächst herrscht eine ganze Weile Sonnenschein. Und dann bricht ohne Vorwarnung ein Hurrikan über sie herein. Da stehen sie im Gewitter und wissen nicht, wohin mit sich und ihrer Mutter. Ein Sturm der Gefühle fegt über sie hinweg: Angst, Isolation, Schuld. Entweder enden wir alle in Tränen. Oder in Rebellion. Nach einem Sturm hilft nur Reden, Erklären, Entschuldigen, Trösten. Trotzdem hab ich die Befürchtung, später die Schlüsselfigur in unzähligen Therapiestunden meiner Töchter zu sein.

Kurz vor Beginn der Fastenzeit ist mir so klar geworden, dass ich als Mutter nicht Opfer meiner Gefühle werden darf. Manchmal sind meine Gefühle nicht mehr als ein Sturm, den ich vorüberziehen lassen kann und der dann als sanfter Regen niedergeht. Ich gerate ganz schnell in einen Mütter-Automatismus, in dem ich nicht mehr die Agierende bin, sondern meinen Impulsen das Steuer willenlos in die Hand gebe. „Hier, macht ihr mal. Ihr wisst viel besser, wie das geht.“ Es ist an der Zeit, das Steuer wieder in die Hand zu nehmen und einen anderen Kurs einzuschlagen. Es ist schwierig und kostet mich etwas. Selbstdisziplin. Aufgabe falscher Macht. Nerven. Das anstrengende Ringen um richtige Reaktion.

Heute war ich extrem achtsam im Umgang mit meinen Kindern. Ein paar Mal wollte ich laut losmotzen: „Muss ich dir alles dreimal sagen!“ „Ich krieg die Krise!“ „Häng endlich deine dämliche Jacke auf!!“ Aber ich biss mir auf die Zunge. Atmete tief durch. Und kriegte die Kurve. Nur einmal motzte ich ganz ganz leise.

Ich sehne mich wie noch nie nach Frieden in dieser sturmgebeutelten Welt. Und am liebsten würde ich losziehen, UM IRGENDWAS HEROISCHES ZU TUN! Aber die tatsächlich heroische Tat ist, bei sich selbst anzufangen. Im Kleinen und Unscheinbaren. Seit heute erinnere ich mich wieder daran, wie schwer das ist. Das eigene Ego hintenanstellen. Das Wohl des anderen vor mein eigenes Wohl stellen. Nicht das letzte Wort haben müssen.

Diese Welt braucht wie noch nie Oasen des Friedens. Orte, an denen man einfach sein darf und willkommen ist. Ich kann diesen Ort in meiner Familie nur mit meinem Friedensbringer schaffen. Meine einzige Chance. Meine Vergebung. Mein täglicher Neuanfang.

PS: Oft ist Schreien ein Zeichen davon, dass der eigene Tank leer ist. Es ist ein Schrei nach Gesehenwerden.  Wie kann ich meinen Tank füllen lassen? Die Realität des Lebens ist, dass ich nicht immer gesehen werde. Wie lerne ich, damit umzugehen und Frieden mit dieser Realität zu schließen? Jetzt hab ich ja sieben lange Wochen Zeit, diesen Fragen auf den Grund zu gehen…..

11 Gedanken zu „Gut gebrüllt, Mutter!“

  1. danke, danke, danke. ich schreie viel zu oft. und immer, wenn mein Tank leer ist. Meine Lieblingsantwort auf alles wird dann geschrieen: „because!“ ich verzichte auf internet und zucker. und als ich den abend endlich geschafft habe, hänge ich mim ipad am sofa rum und stopfe haribo in mich rein, na, fang ich halt morgen wieder an!
    Gutes gelingen dir! wir schaffen es!

    Gefällt mir

  2. Nein, ich bin gar nicht schockiert, dass du deine Kinder anschreist – das kommt mir leider auch bekannt vor. Weshalb ich mir das Buch vom „Orange Rhino Project“ http://theorangerhino.com/ gekauft habe…
    Das Gefühl als Mutter schon auf zu viel verzichten zu müssen, habe ich auch. Meine Freundin und ich machen deshalb bei „40 bags in 40 days“ mit. Da entrümpelt man jeden Tag eine Tüte Zeug (können auch 40 Teile oder 40 Gefriertüten voll Sachen sein, nicht gleich Müllsäcke). Das finde ich extrem befreiend. Dazu gibt’s bei mir das Buch „40 Tage Achtsamkeit“ und bei ihr eines aus der „7 Wochen ohne “ Reihe.
    LG
    von einer auch manchmal leider seeehr lauten Mutter (die Amerikaner nennen sowas glaube ich auch mal gerne „´scary mom“), die hart an sich arbeitet (arbeiten will)
    Melanie

    Gefällt mir

  3. Oh ja, das kenne ich zu gut obwohl meine Kinder schon groß sind.Irgendwie hat man als Mutter das Brüllen gepachtet:) Schau, doh mal bei der Fastenaktion der ev. Kirche rein:“7 Wochen ohne,du bist schön“.Da geht es um Selbstannahme und den Umgang mit den anderen,nach dem Kontext in dr Bibel:“Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Auch zu empfehlen ist Joyce Meye.
    Sei nicht allzu streng mit dir,du schaffst das,du bist ein geliebtes Kind Gotte,eine Königstochter.
    Liebe Grüße Pippi

    Gefällt 1 Person

  4. Nach der heutigen Lektüre der Family bin ich bei deinem Blog gelandet. Danke für die offenen Worte, ich kenne das auch mit den lauten Gefühlsausbrüchen, wenn der Tank leer ist…lebe mit meinem Mann, zwei Söhnen und sechs Pflegekindern in einem christlichen Kinderhaus. habe gerade tierische Halsschmerzen, sollte vielleicht auch mal die Segel streichen, um anderen die Möglichkeit zu geben, an ihren Aufgaben zu wachsen…;)wer weiß, vielleicht kann eins der Kids danach selber Wäsche in den Schrank räumen…

    Gefällt mir

    1. Hallo liebe Dörthe,
      erstmal zieh ich alle meine Hüte vor dir. Was du tust, hat soviel Wert! Das muss ich dir unbedingt sagen. Man verliert das als Mutter, denke ich, ganz schnell im Alltags-Einerlei aus dem Blick.
      Ich hoffe, es geht dir wieder besser und dass du immer wieder in deinen vollgepackten Tagen Nischen findest, in denen du auftanken kannst.
      Viele liebe Grüße
      Veronika

      Gefällt mir

  5. Liebe Veronika

    Ich staune immer wieder, wie treffend deine Blogposts sich in meinen Alltag einfügen. Immer wieder erlebe ich, dass der neue Eintrag sich grad um ein bei mir aktuelles Thema dreht und das tut dann einfach soooo gut. Entweder zu merken, dass es bei anderen ähnlich läuft, oder eine Anregung zu erhalten oder einfach mal einen neuen Blickwinkel.

    So traf auf der Schrei-Fasten-Eintrag grad an einem Tag ein, an welchem ich mit meinem Gewissen zu kämpfen hatte und mich fragte, wie kann ich als liebende Mutter mein Kind nur dermassen anschreien. Aber: Der Tank war schlichtwegs einfach leer. Da nützt auch alles Drauf-Acht-geben-dass-ich-mich-ja-nicht-im-Ton-oder-in-der-Lautstärke-vergreife nichts mehr… Dabei: Unter Stress (und dieser führt ja letzten Endes zum leeren Tank) ist unser Hirn nicht in der Lage, richtig zu reagieren. So sollte Entspannung also eigentlich auch zur Tages- oder immerhin zu Wochenordnung gehören. Wenn schon nicht uns zu liebe, dann wenigstens für unsere Kinder.

    Ich freu mich schon auf all deine weiteren Einträge…

    Herzlich,
    Nicole

    Gefällt mir

    1. Danke liebe Nicole! Wir müssen tatsächlich unsere Tage so planen, dass Luft für uns bleibt. Wenn ich jede Minute verplane, gerate ich schnell unter Stress und werde unfair. Deshalb versuche ich immer, mindestens 20% des Tages unverplant zu lassen. Am Ende der Fastenzeit werde ich Resume ziehen 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s