Sechs Jahre

Das war ich vor sechs Jahren. Kurz vorm Platzen. Und nein, die vielen Plätzchen waren nicht an meiner enormen Leibesfülle schuld. Ich hab mir auch keinen Basketball unter den Pulli gesteckt, sowie ich es früher manchmal in der Sportstunde machte und damit den errötenden Turnlehrer verwirrte.

P1040934Da sitze ich. Und noch lache ich. Nichts ahnend von der wunderbar-verrückten-nervenzerfetzenden Achterbahnfahrt, die folgen sollte. Und die nach sechs Jahren immer noch anhält.

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Ich bin ein ganz furchtbar sentimentaler Mensch. Vor Amelies Geburtstag werde ich ganz besonders anfällig für Tränen und Geschichten aus dem Kreissaal. Amelie kennt ihre Geburtsgeschichte schon in- und auswendig. Angefangen vom Blasensprung bis hin zum erlösenden Auftauchen eines schwarzen Köpfchens. Am Vorabend von Amelies Geburtstag fang ich an zu schwadronieren: „Ja, damals vor sechs Jahren! Da war ich erst noch auf dem Weihnachtsmarkt und hab Apfelpunsch getrunken. Und kurz vor dem Schlafengehen, hat es dann einen Riesenplatscher gemacht…“ Noch hört mir Amelie mit ungläubig aufgerissenen Augen zu, aber irgendwann wird sie ihre Augen nur genervt gen Himmel drehen und selbigen anflehen, dass ihre Mutter ein Schweigegelübde ablegen möge.

Ich feiere an Amelies Geburtstag auch immer den Tag, an dem ich Mutter wurde.

Das Mamawerden fühlte sich für mich anfangs sperrig an, ich kam mir nicht wie eine Mama vor. Und dann war es plötzlich diese nicht zu bewältigende, völlig überfordernde Aufgabe, die mir das letzte Fünkchen Kraft aus dem Leib saugte. Damals fragte ich mich ernsthaft, ob ich es jemals schaffen würde, so ein kleines Würmchen großziehen, ohne dass es schon mit sieben zum Therapeuten muss.

Irgendwie hab ich es bis jetzt geschafft. Ich blicke mit Staunen auf die letzten sechs Jahre zurück und schüttele ungläubig den Kopf. Heute fühlt sich die Mama-Rolle an wie ein bequemer, etwas ausgewaschener Pulli an. Nicht sexy, nicht hip, nicht sehr flexibel. Aber es ist viel Platz für Accessoires. Ich mag ihn nicht mehr ausziehen, weil ich mir darin einen Platz geschaffen habe, den ich nicht mehr missen will. Es sind Gaben an die Oberfläche gedrungen, von denen ich nicht wusste, dass sie in meiner DNA überhaupt existieren.

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Das Mutterwerden war wie ein Katalysator für meine Kreativität. Alles, wozu ich vorher nicht den Mut hatte, bahnte sich plötzlich mit Urgewalt einen Weg in mein Leben. Es war nicht nur ein Kind da. Sondern auch dieser Blog. Und dann eine Nähmaschine. Und dann eine komplette Foto-Ausrüstung. Und dann ein Garten, in dem sogar etwas Essbares wuchs. Ich bin in den letzten sechs Jahren mit und an meinen Kindern gewachsen.

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Amelies Geburtstag ist vorbei und damit auch die Gefahr von plötzlichen Melancholie-Anfällen meinerseits. Kaum haben wir die Trümmer einer ausgelassenen Geburtstagsparty beseitigt und anschließend zehn Stunden in Ohnmacht im Bett verbracht, steht der nächste Anlass zu Feiern vor der Tür. Mit jedem Jahr lerne ich besser mit diesem Marathon umzugehen. Die Tage so gestalten, dass sie unserem langsamen Rhythmus angepasst sind. Wenig reinpacken. Viel Zeit an der frischen Luft verbringen.

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Ich hätte nie gedacht, dass ich sowas lernen könnte: Wie jeder von uns tickt, was wir als Familie und Einzelne brauchen. Nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Aber wenn ich eines nach sechs Jahren weiß, dann dies: Frische Luft und unser Esstisch machen immer alles besser. Für uns alle.

Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. Angekommen, irgendwo zwischen Wickelkommode, Kindergarten-Terminen und Krisenmanagement.

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2 Kommentare zu „Sechs Jahre

  1. Deine Worte fassen so schön treffend alles zusammen, was mir gestern (23.12) durch den Kopf ging. Da bin ich zwar nicht zum ersten Mal Mama geworden aber vor sieben Jahren zum ersten Mal Mädchenmama und auch das war etwas, was mich sehr verändert, herausgefordert, fasziniert hat und vor allem glücklich macht (und noch immer tut). Danke für die schönen Worte!

    1. Hallo Melanie,
      ich scheine mit diesen sentimentalen Gefühlen nicht alleine zu sein 🙂 Wir werden immer mehr in unsere Rolle(n) hineinwachsen, aber nie den Anfang vergessen.
      Liebe Grüße
      Veronika

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