Da steht ein Typ vor meinem Herzen und ich lass ihn nicht rein

Montagmorgen. Ich schaue in den Spiegel. Zwei müde, rote Augen blicken zurück. Innerlich eilen meine Gedanken voraus, in den Tag hinein. Verplanen jede „freie“ Minute des Vormittags. Sie planen, ordnen, organisieren. Einige unpassenden flüchtigen Gedanken schiebe ich schnell zur Seite. Ich würde am liebsten den ganzen Vormittag teetrinkend auf der Couch sitzen, ein paar Reihen sticken, lesen, schreiben. Meine diffusen Gedankengänge werden von zwei johlenden Mädchen unterbrochen, die durch den Flur zu ihren Adventskalendern rennen. Das heißt, Josefine johlt. Amelie schlurft verschlafen mit ihrem Teddy im Arm hinterher. Ich weiß, wie du dich fühlst, Kind. 

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Der Morgen verläuft holprig, wenig friedlich. Mit einem schweren Stein auf dem Herzen bleibe ich in dem stillen Haus zurück. Ich sehe aus dem Fenster und seufze über das trübe Wetter. Ich suche mir eine passende Tätigkeit für meine Stimmung: Kloputzen. Während des Putzens kommen mir wieder Gedanken. Das ist so typisch für mich. Ständig putze ich anderen hinterher. Den ganzen Tag lang. Mein ganzes Leben lang. Schnell spüle ich den Dreck gemeinsam mit dem aufkeimenden Selbstmitleid und Ärger runter.

Dann setze ich mich doch auf die Couch. Mit einem Tee. Eigentlich wollte ich unseren Vorratsraum mal aufräumen. Aber ich brauche ganz schnell einen Perspektivwechsel. Und ein bisschen Ruhe. Und diesen Ort hier. Heute morgen steht nämlich der innere Ankläger vor meinem Herzen mit seiner ellenlangen Anklageschrift. Nur lass ich ihn nicht rein. Denn vor meinem Herzen stehen zwei Wächter namens Dankbarkeit und Gnade. Der Ankläger rollt murrend seine Schrift zusammen und trollt sich davon.

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Der Wächter namens Dankbarkeit rollt dafür seine Schrift auf und liest vor.

Heute bin ich dankbar für:

…einen Bummel mit meiner Freundin über den Schwäbisch Haller Weihnachtsmarkt (sehr zu empfehlen).

…Bücher! Zeitschriften! Für alle Worte, die in mir etwas zum Klingen bringen.

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…Chia-Pudding am Morgen.

diese Yoga-Übungen gegen Verspannungen.

…mein Zuhause, das Zuflucht und Geborgenheit für mich bedeutet.

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Lebe Leichter. 

…unseren Book-Club, der heute Abend wieder stattfindet.

…Essen mit der Familie.

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….und Vorräte im Keller. Für selbst eingelegte Gurken, Birnen und Pfirsiche!

…viele schöne Stunden an der Nähmaschine, an der ich einige Geschenke gezaubert habe. (Pst, wird nicht verraten!)

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…diesen Blog, den ich hassliebe.

…das Mistwetter, das uns nach drinnen scheucht und uns viele Lesestunden mit Pippi Langstrumpf vergönnt.

…Gnade, Gnade, Gnade. Jeden Morgen neu.

4 Kommentare zu „Da steht ein Typ vor meinem Herzen und ich lass ihn nicht rein

  1. Vielen DANK, Veronika
    Genau so geht es mir leider auch viel zu oft… Irgendwie ist es schon krass, dass man sich ständig wieder aufs Neue für diesen Perspektivenwechsel bewusst entscheiden muss. Und wenn an es tut, dann sieht vieles gleich wieder anders aus. Nur zu dumm, dass es oft so lange dauert, bis man diesen Wechsel zulässt…
    Ich wünsche Dir weiterhin eine schöne Adventszeit und ganz viel Dankbarkeit für all die großen und kleinen Geschenke, von denen wir alle Tag für Tag leben…
    Gruß
    Doro

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