Wo bleibe ich?

„Aber die Amelie hat mehr bekommen als ich“, heult meine Jüngste auf und stampft mit dem Fuß so heftig auf, dass die Weingläser im Schrank gefährlich klirren. Ich seufze genervt und versuche das Jammerkonzert zu ignorieren. Aber das ist Öl im Feuer meiner Jüngsten. Sie wiederholt ihr Anliegen. Diesmal begleitet von einem dramatischen Niedersinken auf den Küchenboden. Ich protestiere schwach gegen ihren Ego-Anfall: „Ach, jetzt schau mal, WIEVIEL du bekommen hast! Kinder in Afrika wären froh, wenn sie überhaupt etwas bekommen würden.“ Aua. Ich bin ein wandelndes Eltern-Klischee.

Der Egoismus erhebt sein hässliches Haupt bereits in jüngsten Kinderjahren. Er scheint uns mit einer DNA eingepflanzt worden zu sein, denn alle Kinder-Generationen vor uns haben das gleiche Lied gejammert: „Immer ich….der hat aber mehr….das ist so unfair…ich will jetzt aber nicht!“ Blöd nur, dass Egoismus keine unangenehme Sitte ist, die sich mit der Zeit verliert, wie z.B. Nasebohren, Popo-Witze und Wettpinkeln.

Er verändert nur sein Gesicht und ich bin richtig gut darin geworden, ihn zu verstecken. Er versteckt sich vor allem in meiner Haltung: „Was ist da für mich drin?“ Was kann ich aus dieser Freundschaft schöpfen? Wo bleibe ich, wenn ich bei den Kinder daheim bleibe? Wie kann ich von dieser Predigt oder Bibelstelle profitieren? Was bringt mir diese Verabredung? Was, wenn niemand meinen Blog mehr liest – soll ich dann noch schreiben?

In letzter Zeit kratzt mich diese Haltung. Sie kratzt ganz unangenehm wie ein Wollpullover, wenn ich ins Schwitzen komme. Weil ich zu der Feststellung komme, dass ich ein Biest herangefüttert habe, das immer noch nach mehr jault. Ein Biest, das mir jeden Tag zuflüstert: „Schau, dass du genug bekommst! Du könntest nämlich zu kurz kommen, wenn du nicht nach deinem Vorteil suchst!“. Aber je mehr ich nach meinem Vorteil suche, je mehr ich genug bekomme, desto hungriger wird das Biest. Es wird niemals satt, sondern nur größer und stärker und verzehrender.

Ich mochte diesen Vers aus der Bibel lange Zeit ÜBERHAUPT nicht:

Wer an seinem Leben festhält, wird es verlieren. Wer aber sein Leben loslässt, wird es für alle Ewigkeit gewinnen.“ Johannes 12, 25

Ich mochte ihn nicht, weil er meinen versteckten Egoismus (dieses Biest!) aufdeckt. Ich mochte ihn nicht, weil ich ahnte, dass er wahr ist. Weil er mir Angst macht, ich könnte untergehen, wenn ich nicht mehr nach meinem Vorteil suchte. Die Bibel ist halt nicht nur ein spirituelles Wohlfühlbuch, aus dem ich mir meine Verse rauspicke, die mir gerade weiterhelfen. Sie ist auch Spiegel für mein menschliches Verhalten. Und dann kommt da Jesus, der so völlig anders ist und ganz schräge Dinge predigt.

Wenn ich nicht aufhöre, das Biest zu füttern, wird es mich irgendwann auffressen.

Ja, ich werde zu kurz kommen.

Ja, das Leben ist nicht fair.

Ja, der andere hat mehr.

Ja, oft will ich nicht.

Wann haben wir verlernt, diese Tatsachen mit einem inneren Frieden hinzunehmen? Haben wir es überhaupt je gelernt? Dieser Friede kann nur genährt werden durch eine Verwurzelung im Glauben, dass ich gesehen und geliebt bin – unabhängig von meinen Umständen.

Ok, große Worte. Vor mir liegt ein neuer Tag. Gleich tanzen meine Mädels an. Und die To-Do-Liste erstreckt sich vor mir wie die Unendliche Geschichte. Das Biest in mir muckt schon wieder leise auf: „Und wo bleibst du?“ Ich antworte heute morgen: „Ach, halt die Klappe“, und gehe trotzig-fröhlich in den Tag.

5 Kommentare zu „Wo bleibe ich?

  1. Und so weise auch ich das Biest mit einem „Halt die Klappe!“ in die Schranken und geniesse, dass am Anfang des Tages immerhin die warme Dusche ganz und gar für mich da ist.

  2. Hallo Veronika,
    du schreibst mir aus der Seele.Ein ganz wunderbarer Post und so wahr.Mein Biest jammert im Moment nicht nur,nein es brüllt ganz laut,wahrscheinlich so wie deine Tochter.Ich denke Gott hat dich gerade zu mir geschickt um mich auf zu rütteln.Danke dir dafür,und ihm natürlich auch.Ich werde mein Biest jetzt in den Keller sperren und den restlichen Tag geniessen.
    Ganz liebe Grüße von Pippi

  3. Liebe Veronika,
    seit längerem lese ich deinen Blog, verfasse aber jetzt zum ersten Mal einen Kommentar. Du schreibst mir oft aus der Seele, aber heute fühlte ich mich persönlich so unglaublich angesprochen und auch „erwischt“, dass ich einfach antworten muss! Ich habe auch zwei süße anstrengende Mädels (von zweieinhalb und zehn Monaten) und wie oft empfinde ich die Mutterschaft bei allen Freuden und Glücksgefühlen auch als Opfer, Selbstaufgabe und Mich-Selbst-Zurücknehmen! Wie oft flüstert das innere Biest mir zu: „Hast du nach dieser anstrengenden Nacht nicht das Recht auf ein bisschen Mittagsschlaf?“, wenn meine Kleine nach zehn Minuten wieder wach ist, oder “ Dir steht es doch wohl zu, alle vierzehn Tage einen Abend von Anfang bis Ende beim Hauskreis dabei zu sein!“, wenn ich eher nach Hause muss, weil die Kleine noch so oft an die Brust will, oder „Ist es dir nicht gestattet, in Ruhe diese eine Mail zu schreiben“?, wenn mal wieder Beide wie Kleister an mir kleben. Bestimmt ist es gesund, als Mutter auch ein Stück weit auf seine Bedürfnisse zu achten und immer wieder neue Kraft zu tanken. Doch das Biest, das sich Egoismus nennt, meint ein Recht auf die Befriedigung meiner Bedürfnisse und Interessen zu haben und ruft in mir Gefühle des Unmuts und Ärgers hervor, wenn ich sie nicht (direkt) bekomme. Deine Worte haben mich fragen lassen: Wie viel mehr Freude und Gelassenheit könnten wir bei allem verspüren, würden wir nicht innerlich ständig auf unser Recht und unsere Bedürfnisse pochen und sie allein Gott überlassen? Mitten in diese Gedanken hinein klingelte übrigens der Postbote und brachte mir ein Überraschungs-Verwöhn-Paket von meiner Schwester mit allerlei lieben und schönen Sachen :-).
    Abgesehen von diesem Post liebe ich deinen Blog, der mir so oft Ermutigung ist, deinen klugen und witzigen Schreibstil, die tiefe Ehrlichkeit und die Selbstironie, die Rezepte und Fotos!
    Danke und bitte weiter so!
    Corinna

    1. Liebe Corinna,
      ich kann jeden einzelnen deiner Gedanken so gut nachvollziehen! Diese überwältigenden Bedürfnisse, die man einfach als Mama in den ersten Baby- und Kinderjahren hat. Und die man durchaus auch ernst nehmen muss. Aber dann immer die Gefahr, dass man auf der anderen Seite vom Gaul runterfällt und bitter und unzufrieden wird. Dahinter steht halt immer die Angst, man könnte zu kurz kommen. Und es ist ja auch so, als Mutter kommt man oft zu kurz. Aber du beschreibst es so schön, wenn du sagst, dass wir unser Recht und unsere Bedürfnisse Gott überlassen.
      Du bist gerade in der intensivsten Phase, die wirklich sehr fordernd ist. Aber es wird leichter, versprochen 🙂 Wie toll, dass du so eine fürsorgliche Schwester hat. Wieviel ist schon gewonnen, wenn man das Gefühl hat, nicht alleine zu sein. Und das bist du nicht.
      Dein Kommentar hat mich sehr gerührt – tausend Dank!
      Liebe Grüße
      Veronika

Schreibe eine Antwort zu petra kannchen Antwort abbrechen