Lebensschule

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An manchen Tagen ist alles hochkompliziert:

  • Beide Kinder streiten ums Bilderbuch, obwohl die Bücherregale überquellen.
  • Trotz hochheiliger Versprechungen „nachher gaaaanz bestimmt“ aufzuräumen, mutiert das Chaos im Kinderzimmer zu einem Kräftemessen zwischen Kinder und Mutter.
  • Die Rosinen müssen abgezählt sein, damit die Schwester bloß nicht eine mehr bekommt.
  • Schnecken sind den Mount Everest hochgekrochen, bevor meine Kinder ihre Schuhe und Jacken (nach 21 Aufforderungen) angezogen haben.
  • Wozu Zähneputzen? Ich erkläre es zum Millionsten Mal und fühle mich dabei wie eine Schallplatte mit Sprung.
  • Warum KEINEN Snack eine halbe Stunde vor dem Abendessen? Warum, Mama, warum?? Ich erkläre nicht mehr, sondern mache nur „hmpf“ und gehe wortlos aus dem Zimmer.
  • „Ich kann meinen Pfannkuchen nicht selbst klein schneiden. Meine Hände tun weh. Mach du, Mama.“

Meine zwei hehren Erziehungsziele „Selbständigkeit“ und „Bescheidenheit“ liegen in weiter Ferne. Und an manchen Tagen (so wie heute) zweifle ich echt daran, ob meine Kinder mit 18 selbständig sein werden. Oder ob ich ihnen dann immer noch den Pfannkuchen kleinschneide und ihnen Nutella mit einem angespuckten Taschentuch aus dem Gesicht reibe. Je weiter so ein Tag voran schreitet, umso frustrierter werde ich. Nur mit Mühe kann ich meine gefährlich ruhige Stimme kontrollieren. Und dann – nach dem zehnten „…aber die Josefine hat…“ – entgleisen mir meine Gefühle. Und meine Stimme. Dann bin ich die Mutter, die ich gar nicht mag. Ach, sind wir ehrlich. In solchen Momenten bin ich generell nicht gerne Mutter. Es gibt kein Fluchtloch, kein Chef, dem ich die Kündigung auf den Tisch knallen kann.

Und das ist gut so. Ich kann mich hier nicht aus der Sache rauswinden wie früher. Mutter sein ist die ultimative Charakterschule deren Fächer Geduld, Selbstdisziplin, Selbstlosigkeit, Liebe und Vergebung heißen. In meinen früheren Jobs hab ich diese Fächer meistens ganz gerne geschwänzt und stattdessen lieber im Pausenhof getratscht. Aber als Mutter weiß ich, worum es geht: um alles. Und deshalb setze ich mich jeden Tag neu auf den Hosenboden, um diese Fächer zu pauken. In den Pausenhof gehe ich nur noch, um neue Kraft zu tanken.

Es geht nicht darum, in diesen Fächern gut zu sein. Sondern um Anwesenheit. Jeden Morgen das Klassenzimmer betreten. Auch nach Versagen. Ich werde in diesen Fächern nie einen Abschluss machen – aber in einigen Jahren werde ich zurückblicken und staunen, wie mich diese Zeit mit Kindern geformt hat und was ich alles gelernt habe. Und dann kommen neue Fächer dazu: Kommunikation mit umkommunikativ Heranwachsenden / Wie vermeide ich peinliche Sex-Gespräche mit Teenagern / Der erste Freund – was nun?

Ich renne nicht weg. Sondern höre aufmerksam hin, gehe einige Minuten in den Pausenhof zum Luft holen und sage mir am Ende des Tages: „Das war heute keine Glanzleistung, aber ich war da. Ich habe zugehört, Tränen abgewischt, Essen gekocht, um Vergebung gebeten, Jacken zugeknöpft und ein paar schnelle Gebete gesprochen. Ich war da. Und morgen bin ich auch wieder da.“

4 Kommentare zu „Lebensschule

  1. danke für deinen ehrlichen bericht! mir geht es im moment jeden tag so… alles ist furchtbar kompliziert, dinge wie: zieh deine schuhe JETZT an… 35 Minuten später maxhe ich das dann und habe ein brüllendes Kind. und ohne Schnuller geht sowieso gar nichts! heute habe ich das Kartoffelbrot von dir nachgebacken, ich hoffe das beruhigt die aufgebrachten Kinder und bringt ein bisschen Heimatgefühl her! Liebe grüße!

  2. Du schreibst das so schön und wir alle können uns darin wiederfinden!
    Unsere Kinder können sich morgen, nächste Woche und in 10 Jahren nicht mehr an die Kämpfe erinnern, die wir gekämpft haben. Und die Falten und grauen Haare, die wir davon bekommen, bleiben! 🙂 Die Kinder werden nicht wissen, wie schwer die Zeit manchmal für uns war. Aber sie werden wissen, dass wir da waren, dass wir zugehört haben, wie du sagst. Und dieses Gefühl von Geborgenheit und Familie wird ihnen ein Leben lang bleiben. Ein schöner Gedanke…

  3. Liebe Veronika. Grad vor deiner sommerlichen Blog-Pause hab ich deinen Blog via Family entdeckt. Seither schwebe ich beim Lesen zwischen Bewunderung und Frustration: Bewunderung für dich, weil dein Familienalltag so wunderbar kreativ ist und du einfach Platz für alles zu haben scheinst und dabei immer noch voller Ruhe und Liebe bist. Frustration, weil ich davon träume, dass mein Alltag genau so ist, ich es aber einfach nicht hinkrieg. Und so bin ich dankbar für Einträge wie den diesen, der einfach zeigt: Familienleben ist einfach Familienleben – mal mehr und mal weniger relaxt. Danke für deine Offenheit und deine authentischen Berichte! Ich freue mich schon auf viele weitere davon.

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