Chutzpah…oder zwei Wochen Israel

Wo soll ich anfangen? Wo soll ich aufhören? Ich fühle mich wie das jüdische Volk: zerstreut und müde.

Ich könnte mit meinem Reisebericht ganz am Ende anfangen. Als wir gestern am Tel Aviver Flughafen Amelies liebstes Lieblingskissen verloren. Heiße Tränen, gewürzt mit echter Verzweiflung, tropften auf heiligen Boden. Ich versuchte den Verlust mit einer Portion Pommes wieder gut zu machen. Und mir holte ich 12 Rollen Sushi. Nach zwei Wochen orientalischer Küche braucht der Mensch was Gescheites. Irgendwas mit ganz viel Wasabi. Die Uhr tickte heimlich und hämisch. Was uns nicht bewusst war: Armin hatte seine Uhr noch auf deutsche Zeit gestellt. Während das Boarding also lustig ohne uns verlief, stopften wir uns zum letzten Mal hemmungslos voll und ignorierten alle erst netten und dann immer strenger werdenden Ausrufe nach „Family Smuhr!“. Als wir in allerletzter Minute mit hochroten Köpfen an Bord hetzten, wurde mir bewusst, wie sich eine kollektive Hasswelle anfühlt. Aber nach zwei Wochen Israel zuckte ich lachend mit den Schultern und sagte mir: Chutzpah muss der Mensch haben!

Viel Chutzpah haben wir gebraucht, um uns für die Reise nach Israel zu entscheiden. Chutzpah angesichts der angespannten politischen Lage und der vielen Kommentare von Freunden: „Ihr könnt doch nicht…!“

Ha, wir haben doch gekonnt! Letztendlich brauchten wir die meiste Chutzpah, um unsere eigenen Sorgen angesichts der Reise mit zwei kleinen Kindern zu überwinden.

Die ersten Tage verbringen wir in Jaffa. Eine extrem bunte Stadt, die von christlichen und muslimischen Arabern und von Juden bevölkert wird. So befinden sich in friedlicher Koexistenz jüdische neben palästinensischen Restaurants, verhüllte arabische Mädchen baden neben yogagestählten, knapp bekleideten Jüdinnen im Meer. Und zwischendrin ein paar wohlbeleibte russische Mamis.

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Unsere Unterkunft!

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Abends sitzen wir mit unseren Vermietern Issy und Paula in ihrem Garten, umhüllt von Frangipani-Duft und dem abendlichen Ruf des Muezzins. Wir teilen Schokokekse, Wein und Geschichten. Sie lieben ihr bunt gemischtes Viertel und ihr ottomanisches Haus, das sie nach ihrer Auswanderung aus Südafrika vor vielen Jahren gekauft haben. Paula ist weitgereist, belesen, kreativ und liberal. Issy ist ein 60-jähriger Hippie. Und doch. Und doch….. Sie sorgen sich um ihr Land, um ihre Sicherheit. „Wenn wir nur einmal nachlässig werden, dann könnte das das Ende Israels sein. Warum wollen die Palästinenser ewig an ihrem Hass festhalten?“ Ich spüre Resignation. Und dann wandert eine weitere Schachtel Schokokekse auf den Tisch und alle Probleme sind für zwei Minuten vergessen.

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Mein jugendlicher Idealismus ist einem erwachsenen und manchmal schon fast zynischem Pragmatismus gewichen. Das selbe erlebe ich bei israelischen Freunden. Wir besuchen Liron und ihre Familie im Westjordanland. Vor 12 Jahren haben wir uns auf einem Roadtrip durchs australische Outback kennengelernt. Seitdem verbindet uns eine lose, aber dauerhafte Freundschaft. Jetzt hat sie zwei kleine Söhne. Nach dem Gaza-Krieg wirkt sie angeschlagen. Wochenlang war ihr Mann im Einsatz. Sie alleine daheim mit Neugeborenem, fast wild vor Sorge und Angst und Schmerz. Sie sieht die Bilder im Fernsehen und ihr Herz zerbricht bei jedem Soldaten der ums Leben kommt und bei jeder palästinensischen Mutter, die ihr Kind verliert. „Will there ever be an end to this conflict?“ Diese Frage schwebt an diesem Abend über unserem Tisch. Und wir zucken mit den Schultern: „Probably not.“

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Unsere Kinder verarbeiten Eindrücke wie kleine Akkord-Arbeiter. Das Meer! Der allgegenwärtige Geruch nach Kreuzkümmel und Müll! Der Lärm! Waldbach verhält sich zu Jaffa wie eine brave Pietistin zu Nina Hagen. Nach anfänglichen Ängsten von Amelie, bricht sie bereits am zweiten Tag in Begeisterungsstürme aus: „Ich will hier nie wieder weg!“ Und ich füge in Gedanken hinzu: „Ich auch nicht.“

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An manchen Tagen fahren wir viel. Zum Beispiel nach Jerusalem oder an den See Genezareth. Die Zeit vertreiben wir uns so: „Wer zuerst einen Esel/Soldaten/Panzer/Falafelstand sieht!“Auf einer Verkehrsinsel in Tiberias blühen Mohnblumen. Meine Kinder zu Strebern erziehend, frage ich oberlehrerhaft: „Wisst ihr, welche Blumen dort blühen?“ Amelie: „Dämonen!“ Auch die weitere Fahrt bleibt botanisch. Als Josefine in ihrem Sitz einnickt und in typischer Josefine-Manier zur Seite kippt, kommentiert das ihre Schwester so: „Das Blümlein hat sich geneigt.“

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Mit den Kiddies machen wir abgespecktes Programm. Kurz mal über den See Genezareth mit einem Holzboot fahren. In Jerusalem zur Klagemauer und mit arabischen Händlern feilschen. Am Toten Meer die meiste Zeit am Pool rumhängen. Unsere Mädchen werden sich später sowieso nicht mehr an Sehenswürdigkeiten erinnern. Dafür wird aber hoffentlich ein Gefühl hängen bleiben. Eines, das sie später immer wieder hinausziehen wird in die Welt mit ihrer bunten und herrlichen Vielfalt.

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Armin als Autofahrer unter Israelis entwickelt immer mehr Chutzpah. Anfangs blinkt er noch brav und traut sich kaum die Hupe zu betätigen. Nach fast zwei Wochen hat er sich völlig assimiliert. Hupend und andere Fahrer schneidend fährt er eiskalt über rote Ampeln. So mag ich meinen Mann. Auch ich sinke hinein in ein orientalisches Lebensgefühl, das mir vor vielen Jahren einmal Heimat war. In manchen Momenten überfällt mich hemmungslose Sentimentalität. Wenn ich vertrocknetes Eukalyptuslaub rieche, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel durch Palmwedel bricht, wenn ich einheimische Sprache und Musik höre.

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Die letzten Tage verbringen wir in der Wüste am Toten Meer. Es gibt kaum einen surrealeren Ort auf diesem Planeten. Wenn ich nicht gerade sabbernd vor dem gigantischen israelischen Frühstücksbüffet stehe und am Pool Listen für daheim schreibe, gaffe ich die kargen gewaltigen Berge und Salzflächen an.

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                                      Dahinten – wo es grün ist – wohnen wir!

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Heute, an unserem ersten Tag in Deutschland, hat mich meine neu angeeignete Chutzpah wieder verlassen. Angesichts der Wäscheberge habe ich kapituliert. Und in ganz israelischer Manier mir einen Kaffee gebrüht und Zeitung gelesen.

6 Kommentare zu „Chutzpah…oder zwei Wochen Israel

  1. Hi Vroni,
    sind begeistert von deinem Bericht und den Fotos!
    Würden am liebsten sofort verreisen …
    Liebe Grüße an alle,
    Gabi + Martin

  2. Hi Veronika, you do beautiful work in word and pictures, I love it ! Your blog magnifies my longing to see Israel again……….Love Astrid

  3. Was für ein wundervoller Urlaubsbericht. Vielen Dank, dass wir daran teilhaben dürfen…echt jetzt. Sooo schöne Bilder! Hast du mal überlegt einen Kalender oder so selber aufzulegen? Ich bin mir sicher der würde weggehen wie warme Semmeln…. 🙂
    Komme gut wieder hier an…auch innerlich meine ich und eine gute Woche wünscht eine deiner Leserinnen. 🙂
    Maike

    1. Hallo Maike,
      habe gerade mal deinen Blog quergelesen und finde ihn ganz wunderbar, ehrlich, erfrischend. Schön, dass du hier kommentiert hast und ich so auf dich gestoßen bin 🙂
      Liebe Grüße zurück!
      Veronika

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