Ich habe keine Lust mehr, ein Defizit zu sein

Ich stehe kurz vor meinem 40. Geburtstag und Leute fragen mich mit erwartungsvollem Gesicht, wie es mir damit geht. „Prima“, antworte ich ehrlich. Mein Gegenüber ist enttäuscht – es hat eine andere Antwort erwartet. „Ich habe den Zenit überschritten!“ „Ich schieb die Krise!“ „Alzheimer lässt grüßen.“ „Ich bestell schon mal einen Sarg.“

Prima. Denn ich habe 40 Jahre gebraucht, damit ich in diese Wahrheit eintauche: Ich bin kein Defizit, das permanent ausgeglichen und verbessert werden muss. Genau darauf habe ich meine Gefühle und meine Kraft die letzten 40 Jahre verwendet.

Werde ein besserer Mensch. Werde dünner. Werde intelligenter. Schreibe bessere Noten. Werde eine gelassenere Mutter. Werde eine bessere Freundin/Frau/Tochter/Schwester. Verschönere dein Haus/deine Haare/deinen Garten. Steige im Job auf. Werde ein hingebungsvollerer Christ. Strebe nach noch mehr geistlichem Wachstum.

Was ich vielmehr in den letzten Jahren gelernt habe: Ich muss nicht nach einer besseren Version meiner Person streben, sondern vielmehr die Person wieder entdecken und umarmen, die ich schon immer war. 

Das Fundament ist gelegt. Ich darf darauf bauen mit dem was schon immer in mir angelegt ist. Ich muss nicht das imitieren, was andere vorbauen oder mir vorschreiben lassen, was ich zu bauen habe. Ich muss keine Kathedrale, kein Schloss errichten.

Heute bastele ich einige Worte zusammen. Ob sie Sinn machen, weiß ich nicht – sie schwirren einfach in meinem Kopf rum und wollen raus. Heute bin ich in meiner Müdigkeit träge, baue langsam und werde heute nachmittag eine ganz lange Pause einlegen. Heute baue ich nicht an meinen Kindern rum, sondern will ihnen einfach zusehen, mich an ihnen freuen und ein paar Bücher mit ihnen lesen. Heute probiere ich ein neues Rezept aus (Mais-Salsa und warmen Kürbis-Kichererbsen-Salat) und meine Kinder werden es sicher nicht mögen. Heute habe ich eine alte Jeans an, eine Mutti-Palme auf dem Kopf und ein paar Pickel im Gesicht. Heute baue ich mein Leben mit dem was ich habe und nicht mit dem, was ich meine haben zu müssen.

40 zu werden bedeutet für mich neue Freiheit. Ich atme auf und freue mich!

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5 Kommentare zu „Ich habe keine Lust mehr, ein Defizit zu sein

  1. Danke, liebe Veronika, deine Worte tun mir gut! Ich stehe noch ein bisschen weiter weg vom 40. Geburtstag, aber meine Gefühle mir gegenüber sind ganz ähnlich. Die Losung von heute ist übrigens: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ (Psalm 118,24). Das geht doch prima mit Mutti-Palme :-)! lg, Mirjam

  2. Hallo Veronika,
    dein Beitrag spricht mir aus dem Herzen.Ich habe die 40 schon lange überschritten,ich bin Mitte 50,aber genauso geht es mir auch.Genau so sollten wir es sehen.Was bitte schön ist eine Mutti Palme,habe ich noch nie gehört.?
    Also ab sofort bauen wir mit dem was wir haben.:)
    Liebe Grüße Pippi

  3. Hallo Vroni,

    du hast vollkommen recht mit deinen Gedanken! Ja, ich denke zunehmend auch so wie du es hier beschreibst! Nur dieser Weg befreit und lässt zufrieden werden! Nur diese Einstellung lässt mich zu meiner eigenen Persönlichkeit reifen und nicht zu einer Kopie, die dann in ähnlicher Form immer wieder über die Welt läuft! Das ist zwar nicht immer der leichtere Weg, aber mit Sicherheit der Bessere! Vielen Dank für die Gedanken, bleib unbedingt auf diesem Weg!

    Herzliche Grüße, Gabi!!!!

  4. Hallo!
    Seit einigen Wochen habe ich diesen Blog „abonniert“. Viele Gedanken gefallen mir, ich finde mich darin wieder. Der Artikel heute hat mich auch angesprochen.
    Ich habe auch zwei Mädchen – und einen Säugling – bin allerdings erst 30. Ich wünsche mir sehr, so eine Einstellung schon früher zu erlangen. Warum macht man sich eigentlich jahrelang selbst das Leben schwer, um dann oft erst im gewissen Alter zu guten Erkenntnissen und Gelassenheit zu kommen? Vielen Dank für die Ermutigung.

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