Die verflixten 10 Prozent

90% unserer Tage verlaufen meistens reibungslos. Abgesehen von ein paar bedeutungslosen Auas, rausgestreckten Zungen, verstreuten Puzzlespielen und Gemüseverweigerung. Das hak ich unter Bagatell-Ereignissen ab. Aber es gibt noch die anderen gefürchteten 10%. Da wird nicht nur ein bisschen gekleckert, sondern geklotzt, geschrien, geheult, gestritten und mit den Türen gedonnert. So ein Tag war heute. 

An diesem Morgen klinge ich wie eine 100jährige Kettenraucherin. Mein Husten ist nicht von schlechten Eltern. Mit halbgeschlossenen Augen richte ich Frühstück für die Kinder. Amelie ist, wie jeden Morgen neuerdings, teeniemäßig schlecht gelaunt und zeigt mir permanent ihre Unterlippe. Die kann sie soweit rausschieben, dass sie jedem Afrikaner mit Lippenteller Konkurrenz macht. Josefine ist, wie jeden Morgen neuerdings, ebenfalls nicht gut drauf. Ich atme erleichtert auf, als die Haustür ins Schloss fällt und Armin die Kinder zur Kinderaufbewahrungsstätte bringt. Endlich ein paar Minuten für mich, meinen Kaffee, meiner Morgenlektüre, meine… Es klingelt an der Tür. Grummel. Es ist Armin. Mit Josefine im Schlepptau. Sie hätte sich total geweigert, beim Kindi aus dem Auto auszusteigen. Grummel. Ade Kaffee und Morgenlektüre und Kamilleninhalation. Mein Kind hat eines von ihren High-Maintenance-Tagen. Erstmal eine Stunde Bespaßung auf dem Sofa. Es dauert eine Weile, bis ich herausgefunden habe, mit was ich sie beruhigen und von ihrem Kummer ablenken kann. Ich singe. Ich singe alles von „Er hält die ganze Welt“ über „Geh aus mein Herz“ (alle 15 Strophen!) bis hin zu „Schlaf Kindlein schlaf“. Meine Stimme rutscht dank meiner Heiserkeit eine Oktave in den Keller. Egal, ich lege mich ins Zeug und träume kurz von einer Karriere bei „The Voice“ mit meiner sexy Reibeisenstimme.

Der Tag schleppt sich genau wie ich voran. Ständig lote ich aus, wo die Grenzen verlaufen müssen, wo ich nachgeben und wo ich strikt sein muss. Es gelingt mir die ersten zwei Stunden des Tages. Danach entgleitet es mir irgendwie. Ich bin einfach zu krank, zu müde, zu ausgelaugt. Josefine braucht extrem viel Aufmerksamkeit, klammert, weint, schreit. Amelie sucht jeden Anlass zum Streit und fordert auf ihre Art Aufmerksamkeit. 

Hundertmal an diesem Tag renne ich in ein kinderloses Zimmer, balle die Fäuste, bete um Geduld und Kraft, bemitleide mich selbst. 

Ich sehe, dass meine Kinder mich mehr als sonst brauchen. Und ich brauche mehr Ruhe als sonst. Beides schließt sich leider gegenseitig aus und so schaukeln wir uns den ganzen Tag lang an dieser Diskrepanz hoch. 

Als Armin von Arbeit kommt, hält er die Schaukel prompt an. Mich schickt er auf die Couch und er bringt die müde, ausgepowerte Kinderschar ins Bett. In mir löst sich die Anspannung und endlich darf ich meinen Husten und mein Selbstmitleid pflegen. Meine Seele lässt mir aber nach diesem Tag keine Ruhe. Ich will sagen können, wie es mir gerade geht. Ich spreche es in diesen Raum hinein, den ich mit sovielen anderen Müttern und Alleinstehenden und Vätern teile. 

Ich ziehe meinen Hut vor euch allen!

Ich ziehe meinen Hut vor jeder Mutter mit Schlafmangel. Vor jeder Mutter, die ein krankes Kind pflegt. Die selbst krank ist. Die alleine ist.  Die mit Depressionen zu kämpfen hat. 

Ich ziehe meinen Hut vor jedem Vater, der seine Verantwortung ernst nimmt. Der nach einem anstrengenden Arbeitstag Pflichten daheim übernimmt. Der unter einem Burnout leidet. Der trotz großer Arbeitslast Duplohäuser für seine Kinder baut. 

Ich ziehe meinen Hut vor jedem Single, den die Einsamkeit quält. Vor jedem Single, der trotz Angst vor neuer Enttäuschung Wagnisse eingeht. Der die Hoffnung nicht verliert. Der aktiv sein Leben gestaltet und nicht auf Prince Charming wartet. 

Nach diesem Tag kommt mir folgender Vers in den Sinn…und den zitiere ich mit extraviel Trotz. Nicht nur für mich. Sondern für jede Mutter, jeden Vater, jeden Single:

„Gott, was du mir gibst, ist gut. Was du mir zuteilst, gefällt mir.“ Psalm 16, 6

 

2 Kommentare zu „Die verflixten 10 Prozent

  1. lese deinen blog erst seit kurzem, aber tut immer so gut. Danke!! Du sprichst mir aus der Seele, den Vers muss ich mir gleich mal aufschreiben… ;0)
    wünsch dir morgen einen weniger kräfte-zehrenden Tag!

  2. danke für dein schreiben, danke für das teilhaben an deinen gedanken, deine offenheit! es tut mir gut zu wissen, dass meine gedanken nicht die einzigen sind, die so sind! und den vers nehm ich mit. dir und deiner familie ein gutes gesegnetes wochenende!

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