Lieblingspullis und Skinny Jeans

Ich tue mir schwer, neue Freundschaften aufzubauen.

Bäm! Jetzt ist es raus.

Am liebsten sind mir meine Freundschaften, die ich schon ewig habe. Sie sind wie mein Lieblingspulli: vertraut, bequem, weit, die Säume abgewetzt und mit Flecken, die sich nicht mehr rauswaschen lassen. Früher konnte ich es kaum erwarten nach Feierabend meine Büroklamotten in die Ecke zu schmeißen und mit einem wohligen Aufseufzen in meinen Lieblingspulli zu schlüpfen. Alte Freundschaften machen so was mit mir: ich klingele an der Wohnungstür einer Freundin, betrete ihr Zuhause und lasse mich mit einem wohligen Seufzen auf ihre Couch fallen in dem Urvertrauen willkommen zu sein. Manchmal rede ich dann ganz viel. Oder nur sehr wenig. Freundschaften haben Weite, die Schweigen und Plappern aushalten, in denen ich mit und ohne Makeup willkommen bin.

Neue Freundschaften sind Skinny Jeans. Ich weiß immer nicht, ob ich reinpasse. Und wenn ich tatsächlich reinpasse, dann kann ich es erst mal gar nicht glauben. Denn ich bin überzeugt, ich sei viel zu fett für Skinny Jeans. Zu unliebenswert für neue Freundschaften.

Gestern hatte ich Besuch von einer neuen Freundin, die ich durch ein Foto-Shooting kennenlernte. Vor so einem Treffen fühle ich mich immer wie eine Halbwüchsige vor einem Date. Verrückt, oder? Die Frage, ob sie mich nach dem Besuch immer noch mag, nagte an mir. Ob das Bild, das sie von mir hat mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Manchmal kann ich nur schwer überspielen, dass Schüchternheit und Unsicherheit ein Teil von mir sind. Und dann war sie da mit ihrem kleinen wunderbaren Sohn. Ich hatte tausend Fragen und konnte nur wenige stellen. Ich wollte gerne noch mehr hören, aber da waren drei kleine Kinder, die auch gehört werden wollten. Wir spannen Ideen und sie gab mir Bücher zum Lesen, die ihr sehr wichtig sind. Wir redeten darüber, wie befreiend das Schreiben für uns ist und wie anstrengend der Alltag mit Kindern sein kann.

Nach dem Nachmittag empfand ich diese Skinny Jeans nicht mehr als Fremdkörper. Ich fühlte mich viel mehr wohlig eingehüllt in einen Stoff aus Verbundenheit und Freundschaft mit einem kleinen Rest an Verletzlichkeit.

Ich möchte das Risiko neuer Freundschaften immer und immer wieder eingehen. Auch auf die Gefahr hin, aus ihnen später wieder herauszuwachsen. Auch auf die Gefahr hin auf Ablehnung zu stoßen. Ich möchte Begegnung und Verbindung mit Menschen, deren Humor und Lächeln, deren Geschichte und Zerbrechlichkeit, deren Ideen und Begabungen mich anrühren. Kein soziales Netzwerk schafft so eine Verbindung. Nur ein herzklopfendes Klingeln an der Tür einer potenziell neuen Freundin. Nur die Frage nach einem Kennenlernen. Nur das Zeigen von Zuneigung.

Skinny Jeans sind riskant. Aber wenn sie passen, sind sie umwerfend.

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