Josefine startet voll durch

Unser Haus gleicht heute morgen einem Bienenstock. Zwei kleine Bienchen sind schon seit sehr früher Stunde auf den Beinen und wetzen aufgeregt in ihren Pyjamas den Flur entlang. Josefine hat heute ihren Schnuppertag im Kindergarten. Zwei Stunden am Vormittag. Sie hüpft ADHS-verdächtig durch die Küche, während ich versuche Müsli und Milch auf den Tisch zu bringen. Vor Aufregung essen die Mädchen  nur zwei Löffel voll und lassen den Rest stehen. Ich seufze und gehe in den Wäschekeller um die erste Ladung Wäsche des Tages in Gang zu bringen. Es stinkt. Und leider nicht nach überstrapazierten Socken. Sondern nach einem sehr sehr toten Tier. In der Ecke des Wäschekeller werde ich fündig. Vier rattige Augenpaare starren mich an. Und starren und starren. Muffin sitzt stolz daneben. Ich würge und schreie nach meinem Mann. Er ist Experte in der Tierkörperbeseitigung.

Ich versuche mittlerweile meine Bienchen einzufangen, ihnen die Haare zu bürsten und ihnen etwas Vernünftiges anzuziehen. Muffin schreit nach Futter. Ich glätte zur Feier des Tages meine eigene Haarpracht. Kinder ins Auto und ab zum Kindergarten. Meine Anspannung wächst. Josefine klammert in Gruppen stark an mir und kann sich nicht lösen. Ich habe mir den Vormittag komplett freigehalten, um ihr einen sanften, mütterbegleiteten Übergang zu schaffen. Wir werden sehr nett empfangen, Amelie nimmt Josefine an die Hand und die beiden verschwinden in der Puppenecke. Wie jetzt? Ich war eingestellt auf Heulen, Klammern, Zähneklappern! Ich stehe nutzlos neben der Puppenecke und gehe zögernd aus dem Raum. Immer den Blick auf die Puppenecke gerichtet. „Tschüß mein Schatz, ich hol dich später ab!!“ Ich werde keines Blickes gewürdigt. 

Was sagen die Experten? Dass sich Kinder mit schlechtem Bindungsverhalten gut von den Eltern lösen können? Ähäm. 

Na, dann geh ich jetzt mal Rewe. Einkaufen ohne Kind. Kein Kampf um den einzig vorhandenen Kinder-Einkaufswagen. Kein Verhandeln am Joghurt-Regal. Keine kostenlose Wurstscheibe bei unserer Wurst-Verkäuferin. Ich fühl mich allein und frage mich, ob es den anderen Kunden im Rewe genauso geht. Am liebsten würde ich jemanden anquatschen: „Sie, meine kleine Tochter ist heute zum ersten Mal im Kindergarten. Ich gehe heute alleine einkaufen!“ 

Daheim tigere ich durchs Haus. Auf meiner To-Do-Liste für die Zeit nach Josefines Kindergarteneintritt stehen tausende Dinge: Entrümpeln, Heizkörper neu streichen, Bügeln, Küchenschränke säubern. Also koche ich als erstes Honig-Likör. Und dann poliere ich die Möbel mit Möbelpolitur. Ahhh, jetzt riecht es wie in meiner Kindheit, wenn meine Mutter den Putzrappel bekommen hat. 

Oh, es wird Zeit, Josefine abzuholen! Sie kommt mir im Flur des Kindergartens entgegen gehopst. „Josefine, du darfst jetzt mit mir nach Hause“. Panisch hopst das Kind von mir weg. Die Erzieherinnen sind beide erstaunt, dass Josefine keinerlei Probleme hatte, sich einzufügen. „Sie hat nicht einmal nach Ihnen gefragt.“ Irgendwie macht mich das wahnsinnig glücklich. Dann fange ich das hopsende Kind ein. Sie wird zornig: „Ich will im KINDI BLEIBEN!!!!!“ Ich versuche ihr die Schuhe anzuziehen. Keine Chance, sie heult und windet sich. „Fine KINDI!!!!“ Nach fünf Minuten Schwitzen und Kämpfen und Reden und Betteln haben die Erzieherinnen Erbarmen mit mir. „Josefine darf gerne noch bis zum Ende bleiben.“ 

Mein Kind hopst überglücklich zurück und straft mich mit einem beleidigten Blick. 

Wunderbar. Ich radle zurück, schreibe diesen Blogeintrag und werde jetzt zur Feier des Tages Kohlrabi kochen. Vielleicht staube ich nachher noch alle Lampenschirme ab. Mal sehen. 

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3 Kommentare zu „Josefine startet voll durch

  1. Hab auch ein Tränchen im Auge und denke an Stinis ersten Kindergartentag. Fine ist echt der Hammer und bei den traumhaften Bedingungen (eine Gruppe und große Schwester) in eurem Kindi würde ich mich wahrscheinlich auch nur schwer von dort trennen können!

  2. Ja, sowas kommt bei Geschwisterkindern, die die Einrichtung schon gut durch ältere Vorgänger kennen, durchaus des öfteren vor 🙂 War bei uns auch so…
    Ich sag nur: abwarten, bis das „alles neu und ach so aufregend“ feeling abebbt. Bei uns kam da dann durchaus mal die ein oder andere Träne beim Verabschieden 😉

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