Familie, Reisen

Campen mit Kindern. So isses.

Als Armin vorschlug, wir sollten als Familie  gemeinsam campen gehen, sagte ich spontan-begeistert zu. Ohne an die Konsequenzen solch einer Zusage zu denken. Was mir in dem Moment meiner Zusage vorschwebte? Backpacker-Australien-Lagerfeuer-Romantik! Entschleunigung! Den Hauch der Wildnis atmen!

Ähäm. Ich vergaß nur einen entscheidenden Faktor. Beziehungsweise drei Faktoren: Mann, Kind, Kind. Mit Ende 20 und Single war das Leben mit Zelt und Rucksack ein Statement gegen die gestresste Leistungsgesellschaft. (Ok, ich hatte nicht ganz so hohe Ideale, sondern ein sehr schmales Bank-Konto, als ich mich in Australien immer kurz vor der Pleite von einem zum nächsten Job hangelte.) Und es war ein großer Spaß.

Australien ist halt Australien. Und die Fränkische Schweiz ist ….. auch nicht schlecht. Nein, ich liebe die Fränkische Schweiz. Sie ist eins meiner wenigen deutschen Sehnsuchtsziele. Vielleicht, weil ich dort einige prägende Erlebnisse hatte.

Diesmal also Zelten mit Kindern und Mann. Ich packte einen kompletten Tag lang.  Am Ende sah es bei uns aus wie in einem Flüchtlingslager. Armin war nicht erfreut. Er meinte: „Du hast viel zu viel gepackt! Das Zeichenset? Dein wuchtiger Kosmetikkoffer? Bio-Eier?“ Ich: „Du hast doch keine Ahnung vom Campen.“ Armin schnaubte verächtlich und machte sich daran unser Auto zu stopfen. Welches am Ende leichte Schräglage aufwies.

Mit unserem Flüchtlingsmobil eierten wir also erstmal zu meinen Eltern. Die drei Tage bei ihnen waren wie ein tiefer Atemzug vor einer schweren Aufgabe.

Der Montagmorgen grüßte uns mit feinem Nieselregen. Wir brachen in die Fränkische Schweiz auf. Ich suchte den Horizont verzweifelt nach einem hoffnungsbringenden blauen Band ab. Fehlanzeige. Also dinierten wir zunächst in einer traditionell fränkischen Wirtschaft, mit traditionell 70er Jahre-Interieur, Salat aus dem Eimer und viel Kümmel. Mich schüttelte es immer noch, als wir eine Stunde später auf unserem Campingplatz „Bärenschlucht“ unser Lager aufschlugen. Das Wetter war ein echter Fiesling. Die Regenpause wähnte uns in Sicherheit. Als wir endlich alles aufgebaut und verstaut hatten, schmiss Armin unseren Gaskocher an und wir machten uns Kaffee. Aaaaah, genauso hatte ich mir die familiäre Camping-Romantik ausgemalt!!! Mit einem Emaille-Becher voll dampfendem Kaffee in der Wildnis, Gedanken nachhängen, entspannen. Die Wirklichkeit: Wir nahmen zwei Schluck Instantplörre und flüchteten ins Zelt vor einem Weltuntergangs-Gewitter. Fine bekam Panik, Amelie blätterte lustlos in einem Buch und ich dachte zum ersten Mal daran, dass Urlaub in den eigenen vier Wänden viel zu sehr unterschätzt wird. Gefangen in einem Zwei-Mann-Zelt harrten wir lange aus. Sehr lange. Das war der Lackmus-Test für unseren Familienzusammenhalt. Wir haben ihn irgendwie bestanden. Wenn auch mit ein bisschen Gemecker von meiner Seite.

Die folgenden Tage war uns das Wetter  wohlgesonnen. Trotzdem konnte ich meinen Mecker-Modus nicht immer abstellen. Ich fand wenig von Zeltlager-Romantik wieder. Im Gegenteil, ich fand Campen mit Kindern ein klein wenig anstrengend. Immer wieder sagte ich mir: „Hauptsache, sie haben eine gute Zeit!“ Aber ganz tief drinnen meldeten sich meine Bedürfnisse. Nach Ruhe, Einsamkeit, Familien-Harmonie, kreativem Schaffen, Natur-Erleben. Ich habe diese Bedürfnisse nicht in vollem Maße befriedigen können. Aber ich durfte kleine Bruchteile davon stillen. Immer mehr erkenne ich in letzter Zeit, dass ich ungestillte Bedürfnisse aushalten darf und kann. Dass sie mich nicht zerstören. Sie zerstören mich dann, wenn ich immer sofort versuche, ihnen brachial zu begegnen.

Was ich gerne im Camping-Urlaub gemacht hätte?: Kajak fahren, in Höhlen klettern, Museen besuchen, Mountainbike fahren, wandern.

Was habe ich im Camping-Urlaub gemacht?: Lesen, meine Kinder beim Spielen im Bach beobachten, mit einer historischen Dampfeisenbahn fahren, Armin und Amelie beim Sommerrodeln zusehen, mit den Kindern am Abend malen, Bootfahren, dem Mond zuschauen, den Grillen zuhören, Erinnerungen nachhängen, saugut schlafen.

Heute ist der erste Tag daheim. Ich habe ihn ganz ohne Meckern verbracht. Und mit viel, sehr viel stinkender Wäsche. Nein, ich meckere nicht. Nach vier Tagen Zelten gewinnen die alltäglichen Dinge einen neuen Glanz: die eigene Dusche, die Couch, das Bett, der Laptop, der Kühlschrank. Ich LIEBE mein Zuhause. Wenn ich könnte, müsste es jetzt eine Dauerumarmung ertragen!!!

00000023Ich vor zehn Jahren bei  einer Höhlentour in der Fränkischen Schweiz. Das übliche Drama.

IMG_4231_edited-110 Jahre später. Immer noch Drama.

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In solchen Momenten legte ich eine Drama-Pause ein.

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Und in solchen…..

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….. auch.

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Amelie wird groß, selbstbewusst, unabhängig. Und dabei immer voller Fürsorge für ihre kleine Schwester.

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Beim Frühstück grüßten die Wespen…

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…aber sie konnten uns  unseren Nutellabrötchen-Genuss nicht vermiesen!!

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Oh Mann. Fränkische Idylle.

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Wo gibt es noch solche Zugabteile? Mit echten Rosen, Porzellan und Vorhängen an den Fenstern….

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….und der freundlichsten Kaffee- und Kuchenfrau aller Zeiten…

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…die für uns gestresste Eltern extra eine Flasche Sekt öffnete. Prost auf einen halbwegs gelungenen Urlaub!

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2 Gedanken zu „Campen mit Kindern. So isses.“

  1. Hi Veronika!
    Ich habe schon gespannt auf diesen Blogeintrag gewartet. Die Bilder sprechen von einer schönen Zeit, an die man sich gerne zurück erinnert. Ich liebe spontane Abenteuer, denn durch sie kann die innere Gelassenheit wachsen, Dinge so hinzunehmen, die man einfach nicht ändern kann und trotzdem zufrieden zu sein und zu genießen.
    LG Janet

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  2. Zugegeben, wir sind Warmduscher unter den Campern, die Hardcorevariante haben wir nie praktiziert. Sondern immer das rolling home am Haken gehabt. Aber auch im Wohnwagen – immerhin: als Lebensraum knapp 80% der Grundfläche der Küche im Pfarrhaus! – ist ein Regentag echt nervig.
    Und mit kleinen Kindern, na ja. Es ist halt doch in der Natur, auch wenn zumindest die Kinderbetten einen Lattenrost haben. Das goldlockige Mädchen fands toll, das Pfarrfraubaby wahrscheinlich auch, die Pfarrfrau eher weniger. Bis zum nächsten Mal warten wir dann noch ein wenig.

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