Blog vs. Real Life?

Eigentlich wollte ich mir gerade einen Film mit Armin gönnen. Aber das verschieb ich um eine halbe Stunde. Mir brennt dieser Eintrag unter den Nägeln. Schon den ganzen Tag wälze ich Gedanken hin und her. Ausgelöst durch den bemerkenswerten Kommentar einer Leserin.

Ich merke, dass mich diese Welt in den Blogs unglücklich macht, immer sieht es bei der anderen schön, geleckt, ordentlich, cool, geschmückt aus. Und bei mir? Wäschekörbe überall, genervt von den Kindern und nicht gerade modischst angezogen und gestylt, das Chaos breitet sich aus, um mich und in mir. Fühle mich oft unsicher und bin fragend, ob meiner Lebensgestaltung. Und dann diese Blog-Frauen: Hochglanzlebensentwürfe, einer nach dem anderen. Ist das echt? Leben diese Frauen wirklich so ein Leben? Und wenn ja: Wie schaffen die das? Wie machen die das? Leider krieg ich nicht immer diesen Abstand hin, der gesund ist sondern lasse mich stressen, werde unzufrieden und unglücklich, weil mein Leben so blöd normal und strubbelig ist.

Ich frage mich, ob ich auch manchmal solche Gefühle in Lesern wachrufe. Angefangen habe ich diesen Blog als reinen Reisebericht, dann konzentrierte er sich hauptsächlich auf das Überleben mit Kleinkindern. Und seit letztem Jahr grabe ich tiefer. Ja, und zwischendrin viele Fotos, Berichte von Projekten, unserem Alltag und von besonderen Anlässen. Anfangs wusste ich genau, wer meinen Blog alles liest. Das war beruhigend. Heute kenne ich wahrscheinlich zwei Drittel meiner Leser nicht persönlich. Und das macht mir manchmal Angst. Denn sie kennen nur die Ausschnitte aus meinem Leben, die ich hier präsentiere. Ich versuche ehrlich zu sein. Aber ich gebe zu: mit meiner Ehrlichkeit bin ich selektiv. Nicht alles ist für die Öffentlichkeit bestimmt. Und so kann bei den Lesern, die mich nicht persönlich kennen, ein verzerrtes Bild entstehen.

Ja, ich bin auch öfters genervt von meinen Kindern und erhebe von Zeit zu Zeit leicht mein zartes Stimmchen. Ja, meine Bügelwäsche hat ein Dauer-Aufenthaltsrecht im Keller (da gibt es Teile, von denen ich gar nicht mehr weiß, dass sie sich in meinem Besitz befinden). Ja, ich kämpfe jeden Tag gegen das Chaos um mich herum und in mir. Ja, ich fühle mich oft unsicher und bin gut darin, Mauern zu bauen. Auch ich bin manchmal von anderen Mum-Bloggern verunsichert und vergleiche mein Leben mit ihrem. Da stinke ich gewaltig gegen ab…

Blogs sind immer nur ein kleines Fenster in das Leben anderer Menschen. Ein Ausschnitt. Mehr nicht. Sie können Mut machen, inspirieren, verunsichern, mich zum Lachen und Heulen bringen, mich langweilen, mich erwürgen.

Aus gegebenem Anlass hier die Top 10 meiner Lieblings-Blogs. Lesen auf eigene Gefahr.: Sie können süchtig machen, einschüchtern und inspirieren.

  1. Enjoying The Small Things
    Ich liebe Kelle’s Blog. Auch wenn ich angesichts ihres Erfolgs, ihres untrüglichen Modegespürs und Styles manchmal vor Neid den Laptop am liebsten an die Wand pfeffern würde. Andererseits bin ich inspiriert von ihrer Fotografie und ihrer Gabe, die Dinge in einem positiven Licht zu sehen.
  2. Soulemama
    Oh, Soulemama. Ich bin ein Hardcore-Fan. Sie ist ein atheistischer Hippie, die mit Partner und fünf Kindern auf dem Lande in Maine lebt. Sie sind Selbstversorger, klar. Sie unterrrichtet ihre Kinder daheim. Auch klar. Und nebenbei schreibt sie einen megabeliebten Blog, strickt, näht, gärtnert, spinnt Wolle, hat ständig neue DIY-Ideen, hat drei Bücher geschrieben (die ich natürlich alle besitze *hüstel*) und ist Herausgeberin einer Zeitschrift. Aha. Entweder hat sie sehr viel Hilfe im Hintergrund oder sie ist Superwoman. Ich glaube, das Lesen ihres Blogs hat mich in einer bestimmten Weise geformt. So dass ich neuerdings Joghurt selbst mache und ich mich kritischer mit Konsum auseinandersetze. Und unser Landleben erscheint mir plötzlich über-hip!
  3. Embracing This Life
    Ich lese diesen Blog noch nicht lange. Aber ich mag den lebensnahen, ehrlichen Ton einer Soldaten-Ehefrau, die mit alten Bekannten ringt: Einsamkeit, Essen, Ehe. Dieser Beitrag hat mich in letzter Zeit besonders beschäftigt.
  4. Lisa-Jo Baker
    Ja, ich gebe zu: ich lese gerne englischsprachige Blogs. Liegt wohl daran, dass ich der Sprache verfallen bin. Lisa-Jo ist eine Mum-Bloggerin. Sie ist warmherzig, mutmachend, ehrlich. Ihre Einträge zu lesen fühlt sich wie ein Kaffeedate mit einer lieben Freundin an.
  5. Sober Boots
    Der Blog einer Ex-Alkoholikerin, Autorin und Christin. Ja, sie war auch Christ und Autorin während ihrer heimlichen Alkohol-Exzesse. Ihre Beiträge haben eine greifbare Tiefe, die ans Herz gehen. Kein oberflächlich-frommes Geplänkel.
  6. Lebe Leichter in Bamberg
    Der niegelnagelneue Blog meiner älteren Schwester. Sie ist schreibt leidenschaftlich gerne und ich rühre hier mal ein bissl die Werbetrommel für diese sportliche, künstlerisch begabte Vierfach-Mama.
  7. Re-Fashionista
    Aus alt mach neu. Niemand beherrscht das hipper und besser als Re-Fashionista. Sie zaubert aus alten Lumpen geile Klamotten. Und sie sieht jedes Mal darin zum Niederknien stylish aus. Dank ihr kann ich keine Klamotten mehr ausmisten. Denn ich könnte ja daraus noch ein zauberhaftes Ensemble nähen.
  8. Elizsabeth Esther
    Sie stammt aus einer fundamentalistischen Gemeinde, in der sie seit ihrer Kindheit unter geistlichem Missbrauch litt und als Erwachsende ausbrach. In ihrem Blog berichtet Elizabeth, wie sie ihren Glauben an Gott neu definiert und immer wieder um Heilung kämpfen muss.
  9. Momastery
    Superpopulär. Superehrlich. Superamerikanisch.
  10. Lebe Leichter-Blog
    Der Blog von Beate Nordstrand begleitet mich jetzt schon seit einem Jahr. Die Beiträge machen mir immer wieder Mut zu einem gesunden Ess- und Bewegungsverhalten. Danke Beate!

Und jetzt – eine Stunde später – finde ich wieder zurück zum wahren Leben: ein von Kissen, Fernbedienungen, Laptops und Büchern überquellendes Sofa. Ein genervter Ehemann (der geduldig wartete, bis ich mit meinem Blogeintrag fertig bin). Sandspuren auf dem Boden. Graue Haare, die ich bereits seit drei Wochen färben will, aber nie dazu komme.

So, aber jetzt endlich der Film!!

 

 

 

 

3 Kommentare zu „Blog vs. Real Life?

  1. Huch, fast hab ich mich erschrocken, als ich die Überschrift deines letzten Blogs gelesen hab, „das passt ja zu meinen aktuellen Gedanken“ und dann lese ich, es passt tatsächlich. Vielen lieben Dank, dass Du so ausführlich darauf eingegangen bist. Besonders wichtig wurde mir, dass ja jede/r nur die Ausschnitte seines Lebens beschreibt, die er der Öffentlichkeit zumutet oder zugesteht und das ist ja auch sehr gesund und wichtig. Deine empfohlenen Blogs find ich spannend und interessant und viel. Herzlichen Gruß

  2. Liebe Veronika!
    Oh, das mit den blogs und dem frustriert sein kenne ich sehr gut.
    Deshalb bin ich so dankbar dafür, dass du keinen dieser „look-at-my-beatiful-life“blog hast.
    Du schreibst sehr ehrlich und ermutigend über die Höhen und TIefen des Lebens. Gut, manchmal werde ich bisschen neidisch auf deine 2 tollen Mädels, deine Fahigkeit Sachen selbst zu machen und toll zu schreiben.
    Aber dann versuche ich mich einfach dran zu freuen und mich inspirieren zu lassen:-).Mach bitte weiter so!!!
    Liebste Grüße, Christina

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