Auf dünnem Boden

„….es hätte ein Alptraum mit vielen Opfern sein können: Mitten im Berufsverkehr ist ein Hubschrauber am Donnerstagnachmittag im Norden Baden-Württembergs auf die Autobahn 6 gestürzt und in Flammen aufgegangen.“ 

Das Radio dudelt in der Küche während ich Abendbrot zaubere. Ich überhöre die Nachricht fast. Denke mir nur kurz: Krass. Dann spülen die Alltagsereignisse die Berichterstattung wieder aus meinem Gedächtnis. Heute erfahre ich per Dorffunk, dass der Pilot aus unserem Ort kommt und dass es der Vater eines der Kinder aus Amelies Kindergarten ist. Obwohl ich keinen näheren Kontakt zu den Eltern habe, trifft mich diese Nachricht nun mit voller Wucht und mein Alltag wird von ihr weggespült. Ich kann schwer definieren, was mich am stärksten trifft. Dass die beiden Kinder des Piloten nun mit einem Schlag vaterlos sind? Dass die Frau plötzlich ohne Ehemann dasteht und alles alleine bewältigen muss? Dass mir meine eigene Sterblichkeit und die meiner Lieben bewusst wird?

Mir laufen Tränen übers Gesicht, als ich Amelie zum Kinderturnen bringe. Und sie kommen an diesem Nachmittag immer wieder. Als ich die kleine, scheinbar noch ahnungslose Tochter beim Kinderturnen entdecke. Jedes Mal, wenn ich an die Familie denke….gestern noch vereint, heute vor dem Abgrund.

Ich stelle fest, dass dieser Todesfall Fragen aufwirft und mir unsere Hilflosigkeit vor Augen führt. Mit aller Gewalt klammern wir uns an das Leben und an die Hoffnung, dass schon alles gut werden wird. Aber die Wahrheit ist: es wird nicht immer alles gut. Manchmal ja. Und manchmal rauben uns die Schläge, die uns dieses wilde und unbezähmbare Leben verpasst, schier den Atem. Wenn ich ganz ehrlich vor mir werde, dann habe ich nur ein Minimum meines Lebens unter Kontrolle. Ich kann meine fünf Portionen Obst am Tag essen. Regelmäßig Sport treiben. Meinen Kinder Verkehrsregeln beibringen. Die Zigaretten in den Müll werfen. Beipackzettel lesen. Diese Maßnahmen sind wie ein dünner Boden, unter dem das Unberechenbare lauert.

Ich kann laut trällernd über diesen wackligen Boden tanzen und mein Leben lang diese Frage ignorieren: Was trägt? Was wartet auf mich am Ende?

Was trägt? Mich trägt die Hoffnung und der Glaube, dass Gott unendliche Liebe für uns Menschen hat. Und dass ich mich nicht selbst tragen muss, sondern Er mich.

Das ist meine schlichte, tiefe und oft erfahrene Wahrheit.

Und trotzdem frage ich an solchen wunden Tagen: Warum? (Oder wie Amelie es ausdrückte: Aber xy’s Papa war doch noch jung! Nur Opas und Omas sterben!).Ich hätte genügend fromme Floskeln auf den Lippen, die oberflächlich Trost spenden. Aber das ist billiger Trost. Und billiger Trost trägt zu keiner Heilung bei.

Ich habe keine Antwort. Ich weiß nur Folgendes: In meinen dunkelsten Stunden war Gott da. Und er hat dafür gesorgt, dass aus all der Tragik und dem Schmerz unter meinem dünnen Boden etwas Neues entstanden ist. Es ist die ewige Geschichte von Tod und Auferstehung. Von Finsternis und Licht. Von Schwachheit aus der Stärke wurde. Von Niederlage aus der Sieg entstand.

imm011_10A

 

 

8 Kommentare zu „Auf dünnem Boden

    1. Hi Matthias,
      ja, ich weiß 🙂
      Ich selbst liebe das Fliegen auch. Aber solche Nachrichten machen mir ein wenig Angst….
      Danke für dein Feedback und many happy landings!

  1. Nach dem Tod meiner Ehefrau habe ich ähnlich empfunden. In all der Trauer und Tiefe der Gefühle war da auch etwas anderes, das für immer verloren schien. Kein Licht, das die Dunkelheit vergessen lässt. Kein Lachen, das das Weinen übertönt, sondern eine Fröhlichkeit, die genauso ehrlich in meiner Seele wohnt, wie die Trauer um Michaela. In diesem Widerspruch der Gefühle – der Verzweiflung und Hoffnung – war ich Gott so nah wie niemals zuvor.

Kommentar verfassen