Familie, Gedanken

Ich bin nicht die Einzige

Seit Wochen freue ich mich auf diesen Sonntagnachmittag. Nach zwei Wochen andauernder Erkältung und Couchzwang drängt es mich nach draußen, unter Leute. Auf meinem Kalender ist der 27. Januar ganz fett eingekreist: „Kaffeetrinken mit Mannschaft“ (Mannschaft heißt Hauskreis). Da sollte sich nicht nur unser Hauskreis treffen, sondern auch andere aus unserer Region. Ich kenne jede einzelne Person. Mit manchen verbindet mich schon eine längere Geschichte, kennengelernt habe ich die meisten in jüngeren Jahren. Heute sind einige von uns Eltern und alle sind wir mittendrin im geschäftigen, bunten, anstrengenden Leben.

Der Sonntag fängt nicht gut an. Zwei unausgeschlafene Kinder begrüßen uns mürrisch zwei Stunden vor offiziellem Sonnenaufgang. Ich begrüße mürrisch meinen Mann. Gute Laune stellt sich in unserem Haus erst nach der ersten Tasse Kaffee ein. Dann folgt der Beginn aktiver Hirntätigkeit.

Als ich Armin beim Frühstück mustere, fällt mir auf, wie blass er ist. „Hm, vielleicht sollte er heute nachmittag den dunkelblauen Pullover tragen, der lässt ihn frischer wirken.“ Meine Gedanken beim Duschen gelten ausnahmsweise mal nicht meiner Cellulite, sondern der Outfitplanung meiner Mädchen: „Soll ich Amelie heute nachmittag das neue Hawaii-Kleid mit dem pinkfarbenen Bolerojäckchen anziehen oder ist es dafür noch 15 Grad zu kalt? Josefine mache ich zwei Zöpfchen und sie soll was Freches tragen, das unterstreicht ihren Typ.“

Es ist mir ein bisschen peinlich, so öffentlich über meine heimliche Styling-Leidenschaft zu schreiben. Ich könnte als oberflächlich betrachtet werden. Oder als Control-Freak….Was der Sache schon minimal näher kommt.

Der Vormittag schreitet voran. Meine Kinder sind noch keinen Deut besser drauf. Zankerei folgt auf bockiges Schreien. Bockiges Schreien folgt auf Trödelei. Trödelei folgt auf Sich-jede-Minute-des-Tages-an-die-Eltern-klammern. Ich bete, dass sie sich heute nachmittag zusammenreißen und sich von ihrer strahlendsten Seite präsentieren. Ja, sie können strahlen, charmant und süß und selbständig und ausgeglichen und weiß der Geier was noch sein. Und genau DAS will, was die Leute sehen sollen. Einen Mann, der frisch und ausgeschlafen ist. Kinder, die die Art von Eindruck hinterlassen, dass hinterher jeder sagt: „Sag mal, die Mädels von der Vroni sind ja so was von süß und brav und überhaupt so wahnsinnig intelligent und sozial kompetent! Hast du gehört, wie Josefine bis 21 gezählt hat? Und das mit zwei Jahren! Und als Amelie dem kleinen Frederik vorgelesen hat?“ Und von mir sollen Leute einfach nur denken: „Hat sie abgenommen?“

Mein Traumgebilde zerplatzt, als Amelie sich meiner Kleideranordnung strikt widersetzt. In diesem Moment muss ich kopfschüttelnd über mich selbst lachen. Und über die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Diesen Nachmittag soll die Wirklichkeit regieren. Amelie zieht sich Jeans und T-Shirt an. Josefine rupft sich die Spängchen nach einer Stunde aus ihren Haaren. Armin sieht immer noch blass und müde aus. Ich habe nicht abgenommen. Meiner Kinder sind weiterhin nervenaufreibend anhänglich, müde und quengelig.

Ich habe mal wieder festgestellt: Gemeinschaft ist immer nur dann bereichernd und entspannend, wenn wir so sein dürfen, wie wir sind. Wenn mich keiner beurteilt, sondern wenn ich gefragt werde: „Wie geht es dir gerade eigentlich?“ Und wenn ich ehrlich darauf antworten kann. Als genau so eine Gemeinschaft empfinde ich an diesem Nachmittag unser Hauskreis-Treffen.

Andere Mütter und Väter und Singles und berufstätige Mütter und allein erziehende Väter brauchen keine Vorzeige-Familien, in denen immer alles rund läuft. Was wir alle brauchen ist das gegenseitige, offene und fröhliche Eingestehen, dass wir nie alles im Griff haben: die Kleiderwahl unserer Kinder,  die Bügelwäsche, unser Gewicht, die Balance zwischen Arbeit und Familie, unsere Lebensentwürfe und unsere Ehen. Jedes Mal wenn ich ein ehrliches Geständnis höre, seufze ich erleichtert auf und denke: „Ich bin nicht die Einzige.“

 

 

Listen

Ziele 2013

Seit Jahren erstelle ich zu jedem Jahresbeginn eine Liste mit meinen Zielen für das kommende Jahr. Das waren seit jeher Ziele, die realistisch und messbar waren. Beispiel?: 10kg abnehmen oder zelten gehen oder nähen lernen oder ein zweites Kind bekommen.

In diesem Jahr habe ich keine Liste erstellt. Im letzten Jahr habe ich soviele Ziele erreicht, dass ich einfach keine Lust hatte, mir schon wieder neue Ziele stecken zu „müssen“. Aber irgendwie fehlt sie mir, die Liste. Es ist fast Ende Januar. Ich kann nicht abschätzen, ob ich irgendwelchen Zielen schon ein Stück näher gekommen bin. Also kann ich mir auch nicht voll Genugtuung auf die Schulter klopfen oder mich selbst verdammen, weil die Feiertagskilos immer noch wie Starkstrom-Magneten an meinen Hüften hängen. Damit meine ich übrigens die Kilos von Weihnachten 2006.

Ich habe beschlossen, dass ich dieses Jahr gar keine messbaren Ziele erreichen will. Es sollen auch keine Ziele im üblichen Sinne sein, sondern eher der Beginn einer Reise, die mit Abschluss des Jahres nicht zu Ende sein wird. Vielleicht werde ich das eine oder andere Mal die Richtung wechseln, stehen bleiben oder zurückgehen, hinfallen, aufstehen, rennen und Pause machen.

So sieht sie also aus, meine Liste 2013:

  1. Zeit mit Freunden verbringen
  2. Mit Armin öfters ausgehen
  3. Dinge tun, die völlig nutzlos sind aber Spaß machen. Sticken zum Beispiel. Oder lernen Margaritas zu mixen.
  4. Dinge von mir fern halten, die meinem Herzen schaden. Falsche Glaubenssätze, zu hohe Ansprüche an mich selbst und andere, Zigaretten.
  5. Neue Freunde kennenlernen
  6. Zeiten der Stille, der Party und des Spiels einhalten
  7. Weniger Staubwischen und Facebook
  8. Eine innigere Beziehung mit meiner Kamera führen
  9. Menschen um Hilfe bitten, wenn ich sie brauche
  10. Meine Komfortzone hinter mir lassen und mutig sein

Und wenn man mal vom Kurs abweicht? Passiert anderen auch:

http://www.youtube.com/watch?v=N_sZQP36bt4

Gedanken, Glaube

Auf dünnem Boden

„….es hätte ein Alptraum mit vielen Opfern sein können: Mitten im Berufsverkehr ist ein Hubschrauber am Donnerstagnachmittag im Norden Baden-Württembergs auf die Autobahn 6 gestürzt und in Flammen aufgegangen.“ 

Das Radio dudelt in der Küche während ich Abendbrot zaubere. Ich überhöre die Nachricht fast. Denke mir nur kurz: Krass. Dann spülen die Alltagsereignisse die Berichterstattung wieder aus meinem Gedächtnis. Heute erfahre ich per Dorffunk, dass der Pilot aus unserem Ort kommt und dass es der Vater eines der Kinder aus Amelies Kindergarten ist. Obwohl ich keinen näheren Kontakt zu den Eltern habe, trifft mich diese Nachricht nun mit voller Wucht und mein Alltag wird von ihr weggespült. Ich kann schwer definieren, was mich am stärksten trifft. Dass die beiden Kinder des Piloten nun mit einem Schlag vaterlos sind? Dass die Frau plötzlich ohne Ehemann dasteht und alles alleine bewältigen muss? Dass mir meine eigene Sterblichkeit und die meiner Lieben bewusst wird?

Mir laufen Tränen übers Gesicht, als ich Amelie zum Kinderturnen bringe. Und sie kommen an diesem Nachmittag immer wieder. Als ich die kleine, scheinbar noch ahnungslose Tochter beim Kinderturnen entdecke. Jedes Mal, wenn ich an die Familie denke….gestern noch vereint, heute vor dem Abgrund.

Ich stelle fest, dass dieser Todesfall Fragen aufwirft und mir unsere Hilflosigkeit vor Augen führt. Mit aller Gewalt klammern wir uns an das Leben und an die Hoffnung, dass schon alles gut werden wird. Aber die Wahrheit ist: es wird nicht immer alles gut. Manchmal ja. Und manchmal rauben uns die Schläge, die uns dieses wilde und unbezähmbare Leben verpasst, schier den Atem. Wenn ich ganz ehrlich vor mir werde, dann habe ich nur ein Minimum meines Lebens unter Kontrolle. Ich kann meine fünf Portionen Obst am Tag essen. Regelmäßig Sport treiben. Meinen Kinder Verkehrsregeln beibringen. Die Zigaretten in den Müll werfen. Beipackzettel lesen. Diese Maßnahmen sind wie ein dünner Boden, unter dem das Unberechenbare lauert.

Ich kann laut trällernd über diesen wackligen Boden tanzen und mein Leben lang diese Frage ignorieren: Was trägt? Was wartet auf mich am Ende?

Was trägt? Mich trägt die Hoffnung und der Glaube, dass Gott unendliche Liebe für uns Menschen hat. Und dass ich mich nicht selbst tragen muss, sondern Er mich.

Das ist meine schlichte, tiefe und oft erfahrene Wahrheit.

Und trotzdem frage ich an solchen wunden Tagen: Warum? (Oder wie Amelie es ausdrückte: Aber xy’s Papa war doch noch jung! Nur Opas und Omas sterben!).Ich hätte genügend fromme Floskeln auf den Lippen, die oberflächlich Trost spenden. Aber das ist billiger Trost. Und billiger Trost trägt zu keiner Heilung bei.

Ich habe keine Antwort. Ich weiß nur Folgendes: In meinen dunkelsten Stunden war Gott da. Und er hat dafür gesorgt, dass aus all der Tragik und dem Schmerz unter meinem dünnen Boden etwas Neues entstanden ist. Es ist die ewige Geschichte von Tod und Auferstehung. Von Finsternis und Licht. Von Schwachheit aus der Stärke wurde. Von Niederlage aus der Sieg entstand.

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Ernährung, Familie, Haushalt, Heute...

Heute…

….schlüpfe ich mit Wonne in meine Ugg Boots und trotze dem nasskalten Wetter.

….habe ich einen Rundgang in der Nachbarschaft gemacht: Mama mit neugeborenem Baby, kranke Nachbarin und meine 70-jährige Eier-Dealerin, die ich von Herzen liebe.

….nehme ich mir Zeit für Josefine. Es ist so einfach mich in Aufgaben zu verlieren und den Blick aufs Unwesentliche zu fixieren. Schmusen nach dem Mittagsschläfchen, Toben auf dem Bett, Vorlesen und gemeinsames Putzen (Pflichten mogele ich zwischen unser Spaß-Programm). Meine Kleine wird in 10 Monaten in den Kindergarten kommen. Danach kommen diese Kleinkinderzeiten nicht wieder.

….ärgere ich mich immer noch über meinen ersten misslungenen Backversuch eines Sauerteig-Brotes. Soviel Arbeit für einen kleinen Klumpen matschigen Brotes mit brettharter Rinde. Meine Familie hat es aus reiner Solidarität genossen  hinuntergewürgt.

….freue ich mich ganz besonders auf ein Wiedersehen mit meinem Hauskreis. Was für ein Geschenk, eine Familie von Menschen zu haben, die ich mir normalerweise nicht ausgesucht hätte.

….habe ich endlich Josefines Fotoalbum fertiggestellt. Im Zeitalter der digitalen Fotografie fällt die Auswahl so schwer und die Bilderfülle wächst. Macht ihr noch Fototalben für die Kinder?

….will ich mir noch unbedingt ein Regina-Spektor-Album runterladen. Brauch dringend neue Mucke.

Glaube, Listen, Reisen

Eat, Pray, Love

Nein, ich meine nicht das Buch. Welches ich übrigens im Gegensatz zur restlichen Frauenwelt mit gemischten Gefühlen las.

Ich schreibe von meinem Seminar. Genau, dem Bibelseminar vom Marburger Kreis, von dem ich heute wieder zurückkam. Als ich mich vor vier Tagen mit Ipod, Ohrringsammlung und fetter Bibel in Richtung Kloster aufmachte, hatte ich eigentlich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Hauptsache raus! Mich lockte natürlich auch die Tatsache, dass meine Freundin mitfuhr sowie noch andere Leute aus meinem Hauskreis (meine kürzeste Definition für Hauskreis: singende Selbsthilfegruppe).

Also: Bibelseminar. Ich wappnete mich innerlich für jede Menge theoretische Inputs, in denen Wörter wie Exegese, synoptische Evangelien oder Hermeneutik fallen würden. Deshalb hatte ich ja für alle Fälle meinen Ipod dabei. Ich rechnete mit Bibelstudium früh um 5 Uhr. Ich wollte eigentlich meine Ruhe. Es kam alles anders.

1. Wir waren in dem besten aller Klöster  untergebracht (ok, ich kenn nur eins). Ich fühlte mich mehr wie im Hotel als wie in einem weihrachverseuchten Mittelalterbau. Und das Essen, oh my God, das ESSEN!!!!

2. Ich durfte ausschlafen. Beginn erst um 8 Uhr früh!!!

3. Gott sei Dank besteht die Bibel mehr als nur aus unverständlichen Fachbegriffen und angestaubten Geschichten. Wir ließen bestimmte Aussagen von Jesus auf uns wirken, kauten sie ordentlich durch wie ein Hubba-Bubba und siehe da: sie füllten sich mit Leben. Irgendwie merkten wir: „Das hat was mit mir ganz persönlich zu tun.“ Ein Hubba-Bubba verliert nach einigem Kauen seinen Geschmack und ich spuck’s aus. Aber die Bibeltexte wurden gehaltvoller und nahrhafter, je mehr wir drauf rum kauten.

4. Ich fühlte mich einfach sauwohl in unserer schrägen 15-köpfigen Gruppe bestehend aus Heavy-Metal-Freaks, Rentnerinnen, Mamas, Computernerds und Referentinnen.

5. Und mitten in dieser Truppe aus schrägen, hilfsbedürftigen, starken, zerbrochenen und liebenden Menschen habe ich ein Stück Heilung erfahren. Ich bin auf Dinge gestoßen worden, die mir vorher nicht bewusst waren. Ich fühle mich, als wäre ich mit einem riesigen Brocken auf dem Herzen hingefahren und ohne ihn zurückgekehrt. Wow.

6. Das habe ich gelernt: Gott ist kein fernes Gedankengebilde, verzerrt von Klischees. Er ist kein Angst-Macher, keine Witz-Figur, kein Narren-Stück. Er ist interessiert an meinem Leben, an meinem Heilwerden.

So, jetzt hab ich mittlerweile alles ausgepackt: Ohrringsammlung, die regen Gebrauch fand; Ipod, der unbenutzt blieb; fette Bibel, die Eselsohren und Tintenflecke aufweist. Ich habe meine Kinder gedrückt und abgeknutscht, als wäre ich vier Monate statt vier Tage weggeblieben. Meinen Mann seh ich wieder in ganz neuem Licht, denn er hat Haushalt und Mädels prima bewältigt. Die Kinder sind nicht an Skorbut gestorben. Die Fettpfanne stand sauber geschrubbt im Abtropfsieb.

Was will man mehr?

P1080300  P1080304PS: Ja, was wollen wir mehr?? Wir wollen und brauchen noch ganz dringend Teilnehmer für unsere Familienfreizeit in den Pfingstferien!!! Wer jetzt angefixt ist, kann sich auch gerne über mich direkt anmelden!

Bilder, Ehe, Ernährung, Fotografie

Date-Morgen

Armin hat noch Urlaub, aber für die Kids fängt der Alltag wieder an mit Kindergarten und Tagesmutter. Das hieß heute: ein freier Vormittag nur für uns beide!!! Wie also nutzen, was also tun? Den Keller entrümpeln? Den Christbaum vom Balkon schmeißen? Das Bad neu streichen? Squashen gehen? Schlafen?

Wir entschieden uns für einen Date-Morgen in Schwäbisch Hall. Gut brunchen gehen, ungestört Zeitung lesen, Armin mit Halbwissen über die Geschichte der Stadt zutexten, in Boutiquen und Buchläden stöbern (bin natürlich fündig geworden) und die Kunstaustellung in der Johanniterkirche ansehen. Heute morgen habe ich ganz viel Nahrung für Körper und Seele und Geist bekommen. Und ich kann kaum glauben, dass auch die nächsten Tage „nahrhaft“ werden. Ich habe mich nämlich ganz spontan zu einem viertägigen Seminar angemeldet, in dem es über verschiedene Methoden des Bibellesens geht. Ich weiß, es klingt langweilig. Aber vier Tage alleine für mich!!! Das macht mich mehr als glücklich. Nicht, dass ich meine Familie nicht liebe und bei dem Gedanken so lange von ihr getrennt zu sein ein bisschen innerlich sterbe.

Aber vier Tage ohne Windelwechseln, Streitereien, Caillou-DVDs, Dreckwäsche und Kochen. Come on!

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Familie

Silvester früher und heute

Die Erinnerung an vergangene Silvesterfeiern sind im Nebel der verklärenden Erinnerung leicht verschwommen. Da tanze ich zu 90er Eurotrash im israelischen Kibbuz ins Jahr 1994. Ich küsse einen längst Verflossenen im kalten Nürnberg, 1999 (mit der Hoffnung, dass er MEIN Prinz ist!). Die legendäre Jahrtausendwende verbringe ich nüchtern bei meiner Freundin Annette in Ingolstadt und reiße in den dunklen Morgenstunden meinen Dienst ab (Flug Nürnberg-Paris und zurück). 2002/03 stehe ich desillusioniert auf der Princes Bridge in Melbourne und schaue dem bombastischen Feuerwerk zu. Weitere Silvesterfeiern mit Annette und Anhang folgen – sie haben alle etwas mit Vodka-gefüllter Melone, Schläfchen auf dem Flurteppich, Tanz mit dem Staubsauger und Partyspielen zu tun.

Dann wurden Armin und ich Eltern. Damit änderte sich radikal der Ablauf unserer Silvester-Abende. Unsere Babysitterin war nicht abkömmlich, sie begrüßte das Neue Jahr mit dem restlichen bundesdeutschen Partyvolk am Brandenburger Tor. Hmpf. Also mussten wir daheim bleiben. Da die meisten unserer Freunde selbst kleine Kinder haben und deren Babysitter ebenfalls an Silvester verhindert sind, blieben wir also unter uns. Mit unseren Kindern konnten wir weder lustige Partyspiele unternehmen (es sei denn Memory fällt in diese Kategorie) noch Vodka-gefüllte Melone vertilgen.

Also machten wir Raclette. Dazu trank ich zwei Bier (wild!). Josefine sortierte unter lautstarkem Protest alle liebevoll angerichteten Zutaten aus und konzentrierte sich auf die Zerteilung einer Kartoffel in ihre atomaren Bestandteile. Amelies Kopf fiel vor Müdigkeit fast in die Käsepampe auf ihrem Teller. Wir lotsten die Mädchen in ihre Betten. Was gar nicht so einfach war angesichts der Silvester-Ungedulds-Idioten, deren Uhren entweder völlig falsch gehen oder die schon um 19 Uhr abends voll sind wie tausend Russen. Vereinzelte Böller krachten und ich musste mit beruhigenden Engelszungen auf meine Kinder einreden, bis sie sich endlich entschlossen einzuschlafen.

Armin und ich waren bereits um 20 Uhr bettschwer. Aber wir rissen uns am Riemen, schauten Bilder vom vergangenen Jahr an und ließen unsere Highlights, Hürden, Erfolge und Missgeschicke Revue passieren. Dinner for One stand anschließend auf dem Programm. Dazu ein Kir Royal. Dann noch eine Folge Gilmore Girls. Gegen halb elf schauten Armin und ich uns an und mussten lachen. Beide konnten wir kaum mehr die Augen auf halten. „Wir sind doch die größten Loser, Armin! Wer geht bitteschön an Silvester um halb elf ins Bett?“ „Dafür hüpfen wir morgen im Gegensatz zum restlichen Partyvolk frisch und ausgeschlafen aus den Federn.“ „Ja, und ich habe morgen KEINEN Kater!“ Plötzlich fühlte sich unser Silvesterabend gar nicht mehr so dämlich an.

Trotzdem stand ich um 12 Uhr nachts nochmal auf, setzte mich auf den Balkon und begrüßte das neue Jahr mit dem Wunsch, dass wir als Familie bewahrt bleiben, dass wir innerlich wachsen und einfach glücklich sind.

Dann legte ich mich wieder ins Bett und las einen Krimi. Böser Fehler. Für den Rest der Nacht träumte ich von Triebtätern, Messern und sehr sehr ekligen Details, die ich hier nicht näher ausführen will. Ich wachte zwar nicht mit einem Kater auf, dafür brauchte ich aber den halben Vormittag um die Traumgefühle wieder loszuwerden.

Nun ist das neue Jahr einen halben Tag alt. Super! Meine Vorsätze konnte ich bisher teilweise einhalten. Gar nicht so übel!

Irgendwann werden wir auch wieder ordentlich Silvester feiern. Wenn unsere Kinder groß sind. Aber dann sind wir wahrscheinlich zu alt, um bis 12 Uhr nachts aufbleiben zu können. Der Partyzug ist ohne uns abgefahren und kommt nie mehr zurück….Aber da wo wir jetzt sind, ist es gar nicht so schlecht.