Familie

Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz

Sind dieser Tage Erschöpfung und Stress ein Ehrenabzeichen? Wenn ich auf die Frage nach meinem Ergehen nicht mit einem Augenrollen antworten, dass ich so schrecklich im Stress bin – werde ich dann als nachlässig und unterbeschäftigt abgestempelt? Sind Augenringe en vogue?

Mir scheint es fast so. Schon öfters habe ich Bemerkungen gehört wie: „Na, du musst es ja gut haben!“ (Nachdem ich gestand, dass ich jeden Mittag ein Schläfchen halte oder mich in ein Buch vergrabe).
Ja, ich habe es gut. Das gebe ich zu. Aber ich tendiere dazu, mich in tausend Aufgaben zu verzetteln. Fühle mich dann innerlich angetrieben. Bin genervt, wenn meine Kinder nicht auf die Minute pünktlich aus dem Haus sind. Sehe nur noch unerledigte Aufgabenberge und unbeantwortete Emails vor mir, die meinen Blutdruck nach oben treiben.

Und dann steht ein kleines Mädchen vor mir. Mit großen Augen. Einem Bilderbuch unter den Arm geklemmt. Fragt mich: „Mama, liest du mir das vor?“ Meine erste Reaktion: Ich spule innerlich meine To-Do-Liste ab und stelle panisch fest, dass eine Vorlesestunde gerade ÜBERHAUPT nicht in mein Konzept passt. Das würde meine Tagesplanung durcheinander bringen. Erst die traurigen Augen und mein schlechtes Gewissen überzeugen mich davon, der Bitte meines Kindes nachzugeben.

Gestern habe ich einen Tag erlebt, der mir sehr deutlich gezeigt hat, wo meine Prioritäten liegen. Amelie war den ganzen Tag außer Haus (Kindergarten, Spieldate). Mit Josefine wollte ich eigentlich in die Krabbelgruppe. Aber dann entschied ich mich dagegen. Ich wollte mit meinem Kind einen ganz gemütlichen, stressfreien Tag daheim verbringen. Also spielten wir. Ich sang dutzende Kinderlieder vor. Wir backten Apfelkuchen. Innerlich kam ich zur Ruhe. Und so auch meine sonst so willensstarke, laute, quirlige Tochter. Uns tat das so gut! Wie viele dieser Vormittag werde ich noch haben?

Als Amelie noch klein war, kamen mir die Tage endlos vor. Schon wieder zu den Hühnern spazieren? Das gleiche Buch zum dritten Mal vorlesen? Bauklötze spielen müssen? Damals war mir noch nicht bewusst, wie schnell die Kleinkinderzeit an einem vorbei rast.

Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz. 

Ich habe beschlossen, noch ganz viele solcher unspektakulären Tage mit meinen Kindern zu verbringen. Denn gestern wurde mir der Wert von gemeinsam verbrachter Zeit ohne Hektik und Termindruck neu bewusst.

 

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