Von bierseligen Kleinkindern und einem Marmeladenglas voll Piniennadeln

Unser Hausflur riecht nach Regen, reifen Äpfeln und frisch gewaschener Wäsche. Ja, Deutschland hat uns wieder. Mit seinem herrlichen Herbstwetter, der Apfelernte und viel dreckiger Wäsche. Unser Mallorca roch anders gut. Nach Salzwasser, Seegras, Sonnencreme und nach Piniennadeln, Pommes, Pina Colada.

Eine Woche habe ich diese Düfte regelrecht inhaliert. Sie weckten in mir schmerzhaft-süße Erinnerungen an andere Zeiten im Süden: heiße Disconächte, verzweifeltes Verliebtsein, intensive Gespräche, Heimweh, Fernweh, Abenteuer. Diesmal fügte ich den sentimentalen Erinnerungen eine Woche intensive Familienzeit hinzu. Wir wohnten auf Mallorca in einer kleinen Hotelanlage in einer kleinen Bucht mit einem kleinen Strand und einem kleinen Pool. Genau wie wir es mögen.

Amelie und Josefine erlebten vieles (wie) zum ersten Mal. Den eigenen Reisepass halten und vorzeigen dürfen. Spanisch hören („Mama, warum sprechen die Englisch?“). Wellen am Strand. Den größten Sandkasten der Welt. Ein Bällebad (oder wie Armin es ausdrückt: die Weichmacher-Hölle). Eine gigantische hollywoodmäßige Tropfstein-Höhle, die Amelies Furcht vor Dunkelheit und Monstern nährte. Eine dekadente Kutschfahrt durch die Altstadt Palmas (hey, mit zwei kleinen Kindern wären wir ansonsten nicht über den Spielplatz am Parkhaus hinaus gekommen!!). Nur das Fliegen ließ unsere Mädchen eigenartig unberührt. Sie fanden Busfahren spannender.

Yep, Reisen mit Kindern ist anstrengend. Schon mal sich mit einem Kleinkind die Flugzeugtoilette geteilt? Und dabei lautstark kommentiert werden mit Sprüchen wie  diesen?: Mama, machst du jetzt Kacka? Mama, du hast eine Scheide und Papa hat einen Penis, stimmts? Ich, mit hochrotem Kopf versuche mein Kind mit einem panischen SSSSSCCHHHH!!!!! zum Schweigen zu bringen…..
Aber Reisen mit Kindern ist lustig (in rotweingeschwängerten Momenten konnte ich auch eben erzählter Episode eine komische Seite abgewinnen). Und es zwingt einen zur Langsamkeit und zum genauen Hinschauen. Dabei ist mir die Fotografie ein nützliches Hilfsmittel. Durch die Linse sehe ich meine Kinder. Und sehe dann, was sie gerade fasziniert oder in ihnen Fragen aufwirft.

Josefine hat selbstverständlich pünktlich zum Abreisetag mit dem Zahnen begonnen. Die Nächte waren ruhig. Aber in ihrem ganzen Wesen zeichnete sich ein Umbruch ab, begleitet von willensstarken Gefühlsausbrüchen und unbeugsamen Selbständigkeitsversuchen. Ein Beispiel?: Im Urlaub durften unsere Mädchen zum ersten Mal Gift  Fanta trinken. Josefine nannte es aus uns unbekannten Gründen Bier. Nächster Morgen: wir stürmen zusammen mit anderen gierigen All-Inclusive-Urlaubern das prall gefüllte Büffet. Für unsere Kiddies gibts warme Milch zum Trinken und „Müsli“ ( Kellog’s Smacks…oh Hilfe, meine eisernen Prinzipien gingen im Urlaub komplett flöten). Fine schiebt die Milch entschlossen weg und ruft lauthals: „Bier!“ Ich versuche sie mal wieder mit einem panischen SSSSSSSCCCCCHHHH! zum Schweigen zu bringen. Aber Fine lässt sich null beeindrucken: „Fine Bier haben!!!“ Ich, streng: „Fine, nein, du kriegst jetzt kein Bier. Deine Milch ist doch auch superlecker.“ Josefine bricht in lautes Geheul aus: „FINE BIER HABEN!“ Die Leute am Nebentisch schmunzeln. Ich zucke entschuldigend mit den Schultern: „Ach, sie sagt zu Limonade Bier und hätte jetzt gerne ihre Fanta“. Die Leute am Nebentisch schmunzeln noch mehr: „Ja, das würde ich jetzt an Ihrer Stelle als Mutter auch sagen!“ Josefine quakt tränenüberströmt dazwischen: „Bi-i-i-e-r!!!“

Trotzdem habe ich mich herrlich erholt. Was vor allem heißt, ich konnte viel lesen und meinem Körper und Geist viel Leerlauf gönnen. Aufforderungen von Animateuren zur Bauch-Beine-Po-Gymnastik lehnte ich ab: „Nein Danke, hab ich schon, brauch ich nicht mehr!“. Meine Bücherauswahl handelte von Islam und Terrorismus, Glückssuche im eigenen Zuhause, Erziehung nach dem Vorbild von Jesus, Wolfserzählungen und einem Süßwarenladen in Schottland. Mann, ich muss irre sein.

Vorgestern haben wir unsere kleine Bucht verlassen. Ich war sentimental. Und ich wollte mir wenigstens ein kleines Stück davon mit nach Hause in den verregneten Herbst nehmen. Also füllte ich ein Marmeladenglas mit Piniennadeln. Vorhin, nachdem wir unsere Mädchen mit zuviel Schimpfen und erhöhtem Blutdruck ins Bett gebracht hatten, schnupperte ich an dem Glas. Einen kurzen glücklichen Schockmoment war ich wieder in unserer kleinen Bucht. Der Blutdruck sank und ich musste lächeln.

 

Ein Kommentar zu „Von bierseligen Kleinkindern und einem Marmeladenglas voll Piniennadeln

  1. Warum kommt mir die Episode mit der Flugzeugtoilette so vertraut vor…? Einfach zu eng, diese Dinger! Und dann ist da in manchen noch nicht mal dieser Schatten eines runterklappbaren Wickeltisches vorhanden.. ..naja, dann muss eben der Klodeckel herhalten.
    Die Geschichte mit dem „biersüchtigen“ Kind ist einfach einzigartig! 🙂

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