Bilder, Fotografie, Schreiben

Yippie-Yeah, Huchheisassa!

„Wir wollen die Zusammenarbeit mit Ihnen intensivieren….“

Dieser Satz aus einer überraschenden Email der Family-Redaktion an mich ließ vor einigen Wochen meinen Blutdruck in die Höhe schießen. Ehrlich gesagt verwandelte mich die Einladung in die Redaktion in ein nägelkauendes Nervenbündel, das in regelmäßigen Abständen von Selbstzweifeln zerfressen wurde.

Ich kam Montag Nacht zurück von meinem Termin in der Redaktion. Eine Deutschlandreise hatte ich hinter mir. Und ein erfreuliches Gespräch mit zwei Redakteuren der Zeitschrift. Innerlich tanzte ich den Happy-Boogie-Woogie. Äußerlich war ich hundemüde. Trotzdem leerte ich nachts um elf Uhr noch eine Flasche Prosecco mit meinem Mann. Besondere Ereignisse müssen halt gefeiert werden.

Ich darf nämlich eine Kolumne schreiben. YEAH! Ich.darf.eine.Kolumne.schreiben!!! Ich sehe mich schon vor mir, wie ich Carrie-Bradshaw-mäßig an meinem Cosmopolitan nippe, mich lässig an meinen Mac setze und geschliffene Sätze formuliere. Die Wahrheit wird sein: ich schaufele mir mühsam eine Stunde frei, sitze im müsliverschmierten Jogginganzug auf der Couch und erleide einen Panikanfall, da mein Hirn keine sinnvollen Sätze ausspuckt. Haha.

Ich staune so sehr darüber, wie sich die Dinge dieses Jahr entwickelt haben. Im Traum hätte ich nie damit gerechnet!

Als Kind antwortete ich auf die Frage nach meinem Berufswunsch immer : „Ich will Bäuerin und Künstlerin werden.“

Irgendwie bin ich das jetzt ein bisschen.  Irgendwie haben sich alle anfangs rätselhaften Puzzlestücke meines Lebens zu einem erkennbaren Bild zusammengesetzt. Da gibt es zwar noch einige Lücken, aber wie würde Amelie sagen?:

„Nicht so schlimm, Mama. Man sieht trotzdem, was es ist.“

Was sonst noch los war? Der Herbst halt…

Glaube, Rezepte

Das Vermächtnis meiner Großmutter: Arabercreme

Der Tag begann mit einer Kaffeestunde im Bett. Ich war hundemüde, Amelie träumt nachts schlecht und ich muss sie dann meistens in unser Bett holen. Eigentlich wollten wir gerne in den Gottesdienst – aber ich kam einfach nicht in die Gänge. Das gibt fette Minuspunkte im Himmel. Selbiger lässt heute Regen auf uns fallen. Also blieben wir fast den ganzen Vormittag im Bett und holten uns die Kirche nach Hause. Per Video-Podcast schauten wir uns eine Predigt von der ICF München zum Thema „Friede, Freude“ an. Armin und ich sind in punkto Predigten oberkritisch, aber was wir bisher von der ICF München gehört haben, war jedes Mal ein großes Aha-Erlebnis, unterhaltsam, ehrlich. Und es geht genau in die Richtung, wie wir beide Gott erleben und sehen. Ich liebe die Predigtreihe zum Psalm 23 und Andersartig. Wer das jetzt liest und denkt: Uaah, Kirche, Predigt…alles überholt und langweilig! – der sollte sich unbedingt mal genau diese Predigten ansehen und sich eines Besseren belehren lassen.

Dann ging es auf die Mittagszeit zu. Kochen? Pff, heute ist Sonntag. Ich wärmte nur einen Auflauf auf. Aber für unseren süßen Zahn bemühte ich mich dann doch in die Küche und probierte endlich ein Rezept meiner Großmutter aus: die in unserer Familie heiß geliebte Arabercreme. Wie ich darauf stieß? Vor Jahren schlich sich ein antikes Kochbuch aus dem Jahr 1938 in meinen Fundus. Jahrelang diente es mit seinem schwülstigen Dritten-Reich-Vokabular der allgemeinen Belustigung. Aber dann stieß ich auf handgeschriebene Rezepte im Einband. Die hatte dort meine Großmutter verewigt. Darunter auch die Arabercreme. Gleich neben der Pökel-Lake. Ich kenne meine Großmutter nicht. Das einzige was mir von ihr bleibt ist also das Rezept für die Arabercreme, das ich mit Euch teilen möchte.

Zutaten

1 Päckchen Schokoladenpuddingpulver (für 1/2 l Milch zum Kochen)
50 g Zucker
500 ml Milch
2 TL löslichen Kaffee (ich habe koffeinfreien genommen)
2 Blatt weiße Gelatine
1/8 Ltr. Sahne, steif geschlagen
1 Päckchen Vanillezucker

Zubereitung

Puddingpulver (nach Anleitung) mit 50 g Zucker mischen. Nach und nach mit mindestens 6 EL Milch von 1/2 l kalter Milch glattrühren. Die übrige Milch aufkochen, von der Kochstelle nehmen und das angerührte Pulver einrühren.Pudding unter Rühren mindestens 1 Minuten kochen. Anschließend zunächst das Kaffeepulver  einrühren, die aufgeweichte Gelatine  dazugeben und nochmals kräftig durchrühren. Den Pudding kalt stellen. Während den Erkaltens ab und zu umrühren, damit sich keine Haut bildet.

Die mit Vanillezucker steif geschlagene Sahne (etwas zur Deko zurück behalten) unterrühren, die Creme in eine Glasschale oder Gläser füllen und für ein paar Stunden in den Kühlschrank stellen.

Familie

Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz

Sind dieser Tage Erschöpfung und Stress ein Ehrenabzeichen? Wenn ich auf die Frage nach meinem Ergehen nicht mit einem Augenrollen antworten, dass ich so schrecklich im Stress bin – werde ich dann als nachlässig und unterbeschäftigt abgestempelt? Sind Augenringe en vogue?

Mir scheint es fast so. Schon öfters habe ich Bemerkungen gehört wie: „Na, du musst es ja gut haben!“ (Nachdem ich gestand, dass ich jeden Mittag ein Schläfchen halte oder mich in ein Buch vergrabe).
Ja, ich habe es gut. Das gebe ich zu. Aber ich tendiere dazu, mich in tausend Aufgaben zu verzetteln. Fühle mich dann innerlich angetrieben. Bin genervt, wenn meine Kinder nicht auf die Minute pünktlich aus dem Haus sind. Sehe nur noch unerledigte Aufgabenberge und unbeantwortete Emails vor mir, die meinen Blutdruck nach oben treiben.

Und dann steht ein kleines Mädchen vor mir. Mit großen Augen. Einem Bilderbuch unter den Arm geklemmt. Fragt mich: „Mama, liest du mir das vor?“ Meine erste Reaktion: Ich spule innerlich meine To-Do-Liste ab und stelle panisch fest, dass eine Vorlesestunde gerade ÜBERHAUPT nicht in mein Konzept passt. Das würde meine Tagesplanung durcheinander bringen. Erst die traurigen Augen und mein schlechtes Gewissen überzeugen mich davon, der Bitte meines Kindes nachzugeben.

Gestern habe ich einen Tag erlebt, der mir sehr deutlich gezeigt hat, wo meine Prioritäten liegen. Amelie war den ganzen Tag außer Haus (Kindergarten, Spieldate). Mit Josefine wollte ich eigentlich in die Krabbelgruppe. Aber dann entschied ich mich dagegen. Ich wollte mit meinem Kind einen ganz gemütlichen, stressfreien Tag daheim verbringen. Also spielten wir. Ich sang dutzende Kinderlieder vor. Wir backten Apfelkuchen. Innerlich kam ich zur Ruhe. Und so auch meine sonst so willensstarke, laute, quirlige Tochter. Uns tat das so gut! Wie viele dieser Vormittag werde ich noch haben?

Als Amelie noch klein war, kamen mir die Tage endlos vor. Schon wieder zu den Hühnern spazieren? Das gleiche Buch zum dritten Mal vorlesen? Bauklötze spielen müssen? Damals war mir noch nicht bewusst, wie schnell die Kleinkinderzeit an einem vorbei rast.

Die Tage sind lang, aber die Jahre sind kurz. 

Ich habe beschlossen, noch ganz viele solcher unspektakulären Tage mit meinen Kindern zu verbringen. Denn gestern wurde mir der Wert von gemeinsam verbrachter Zeit ohne Hektik und Termindruck neu bewusst.

 

Bücher, Bilder, Familie, Fotografie, Reisen

Von bierseligen Kleinkindern und einem Marmeladenglas voll Piniennadeln

Unser Hausflur riecht nach Regen, reifen Äpfeln und frisch gewaschener Wäsche. Ja, Deutschland hat uns wieder. Mit seinem herrlichen Herbstwetter, der Apfelernte und viel dreckiger Wäsche. Unser Mallorca roch anders gut. Nach Salzwasser, Seegras, Sonnencreme und nach Piniennadeln, Pommes, Pina Colada.

Eine Woche habe ich diese Düfte regelrecht inhaliert. Sie weckten in mir schmerzhaft-süße Erinnerungen an andere Zeiten im Süden: heiße Disconächte, verzweifeltes Verliebtsein, intensive Gespräche, Heimweh, Fernweh, Abenteuer. Diesmal fügte ich den sentimentalen Erinnerungen eine Woche intensive Familienzeit hinzu. Wir wohnten auf Mallorca in einer kleinen Hotelanlage in einer kleinen Bucht mit einem kleinen Strand und einem kleinen Pool. Genau wie wir es mögen.

Amelie und Josefine erlebten vieles (wie) zum ersten Mal. Den eigenen Reisepass halten und vorzeigen dürfen. Spanisch hören („Mama, warum sprechen die Englisch?“). Wellen am Strand. Den größten Sandkasten der Welt. Ein Bällebad (oder wie Armin es ausdrückt: die Weichmacher-Hölle). Eine gigantische hollywoodmäßige Tropfstein-Höhle, die Amelies Furcht vor Dunkelheit und Monstern nährte. Eine dekadente Kutschfahrt durch die Altstadt Palmas (hey, mit zwei kleinen Kindern wären wir ansonsten nicht über den Spielplatz am Parkhaus hinaus gekommen!!). Nur das Fliegen ließ unsere Mädchen eigenartig unberührt. Sie fanden Busfahren spannender.

Yep, Reisen mit Kindern ist anstrengend. Schon mal sich mit einem Kleinkind die Flugzeugtoilette geteilt? Und dabei lautstark kommentiert werden mit Sprüchen wie  diesen?: Mama, machst du jetzt Kacka? Mama, du hast eine Scheide und Papa hat einen Penis, stimmts? Ich, mit hochrotem Kopf versuche mein Kind mit einem panischen SSSSSCCHHHH!!!!! zum Schweigen zu bringen…..
Aber Reisen mit Kindern ist lustig (in rotweingeschwängerten Momenten konnte ich auch eben erzählter Episode eine komische Seite abgewinnen). Und es zwingt einen zur Langsamkeit und zum genauen Hinschauen. Dabei ist mir die Fotografie ein nützliches Hilfsmittel. Durch die Linse sehe ich meine Kinder. Und sehe dann, was sie gerade fasziniert oder in ihnen Fragen aufwirft.

Josefine hat selbstverständlich pünktlich zum Abreisetag mit dem Zahnen begonnen. Die Nächte waren ruhig. Aber in ihrem ganzen Wesen zeichnete sich ein Umbruch ab, begleitet von willensstarken Gefühlsausbrüchen und unbeugsamen Selbständigkeitsversuchen. Ein Beispiel?: Im Urlaub durften unsere Mädchen zum ersten Mal Gift  Fanta trinken. Josefine nannte es aus uns unbekannten Gründen Bier. Nächster Morgen: wir stürmen zusammen mit anderen gierigen All-Inclusive-Urlaubern das prall gefüllte Büffet. Für unsere Kiddies gibts warme Milch zum Trinken und „Müsli“ ( Kellog’s Smacks…oh Hilfe, meine eisernen Prinzipien gingen im Urlaub komplett flöten). Fine schiebt die Milch entschlossen weg und ruft lauthals: „Bier!“ Ich versuche sie mal wieder mit einem panischen SSSSSSSCCCCCHHHH! zum Schweigen zu bringen. Aber Fine lässt sich null beeindrucken: „Fine Bier haben!!!“ Ich, streng: „Fine, nein, du kriegst jetzt kein Bier. Deine Milch ist doch auch superlecker.“ Josefine bricht in lautes Geheul aus: „FINE BIER HABEN!“ Die Leute am Nebentisch schmunzeln. Ich zucke entschuldigend mit den Schultern: „Ach, sie sagt zu Limonade Bier und hätte jetzt gerne ihre Fanta“. Die Leute am Nebentisch schmunzeln noch mehr: „Ja, das würde ich jetzt an Ihrer Stelle als Mutter auch sagen!“ Josefine quakt tränenüberströmt dazwischen: „Bi-i-i-e-r!!!“

Trotzdem habe ich mich herrlich erholt. Was vor allem heißt, ich konnte viel lesen und meinem Körper und Geist viel Leerlauf gönnen. Aufforderungen von Animateuren zur Bauch-Beine-Po-Gymnastik lehnte ich ab: „Nein Danke, hab ich schon, brauch ich nicht mehr!“. Meine Bücherauswahl handelte von Islam und Terrorismus, Glückssuche im eigenen Zuhause, Erziehung nach dem Vorbild von Jesus, Wolfserzählungen und einem Süßwarenladen in Schottland. Mann, ich muss irre sein.

Vorgestern haben wir unsere kleine Bucht verlassen. Ich war sentimental. Und ich wollte mir wenigstens ein kleines Stück davon mit nach Hause in den verregneten Herbst nehmen. Also füllte ich ein Marmeladenglas mit Piniennadeln. Vorhin, nachdem wir unsere Mädchen mit zuviel Schimpfen und erhöhtem Blutdruck ins Bett gebracht hatten, schnupperte ich an dem Glas. Einen kurzen glücklichen Schockmoment war ich wieder in unserer kleinen Bucht. Der Blutdruck sank und ich musste lächeln.