Fotografie

I ♥ Fotografie

Vor 12 Jahren, als die No Angels und die Y2K-Hysterie angesagt waren, kaufte ich mir meine erste Canon. Das Geld hatte ich mir mühsam von meinem mageren Stewardessen-Gehalt abgezwackt. Und ich bereute es nicht. Durch die Linse begann ich die Welt und das Leben ganz anders wahrzunehmen. Es wurde klarer, ich achtete plötzlich auf lauter kleine Details, die ich vorher nie gesehen hatte. Dinge, an denen ich früher unachtsam vorbeilief, gewannen plötzlich für mich an Bedeutung und wurden zu etwas Schönem. Ich verschoss Film um Film. Belegte einen VHS-Kurs, um das Blenden- und Verschlusszeit-Rätsel zu lösen. Lief durch meine Heimatstadt Bamberg und entdeckte plötzlich all diese schönen Winkel und Fassaden und Menschen und Marktstände und Pflastersteine und Skulpturen und Häuserfronten und Gärten und abgeblätterten Putz. Meine Kamera wurden für mich zu einer Offenbarung. Und zu einem Instrument, dass mich Geduld und Achtsamkeit und Respekt lehrte.

Ich wollte mehr. Und so reiste ich nach Prag. Ich sog den Novembernebel auf der Karlsbrücke ein, als wäre er ein kostbares Lebenselixier und beschloss dort, dass ich irgendwann Fotografin sein werde. Und gleichzeitig fasste ich den mutigen Entschluss, für ein Jahr aus meinem Leben in Deutschland auszusteigen. Ein halbes Jahr später stand ich am Münchener Flughafen. Mit einem Round-The-Word-Ticket, einem Working-Travel-Visum für Australien, einem leeren Tagebuch und meiner Fotoausrüstung im Gepäck.

Ich wollte alle meine Leidenschaften unter einen Hut bringen: Reisen, Fotografieren, Schreiben. Ich hatte mir ein bisschen Geld zusammengespart und ich hoffte, dass es zusammen mit ein paar kleineren Jobs unterwegs reichen sollte. Ich wollte das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren, fotografieren, aufschreiben, schmecken und fühlen. Das tat ich. Texas, New Mexico, Kalifornien, Australien, Thailand, Kambodscha. Nicht alle Stationen waren Highlights. Zum Beispiel hatte ich hohe Erwartungen an Melbourne. Als ich aber dort in eine WG einzog, wurde ich für drei Monate depressiv. Und dieser dunkle Schleier lüftete sich erst, als ich für einen Monat nach Tasmanien flüchtete. Aber ich machte verdammt tolle Bilder in Melbourne (jaja, Melancholie hat die Kunst schon immer beflügelt). Kambodscha war ein traumhafter Alptraum-Trip. Einerseits happy-clappy Beachlife in Sihanoukville und Mopedtouren durchs atemberaubende Angkor Wat. Andererseits die Totenschädel von den Killing Fields. Bettelnde Menschen mit fehlenden Gliedmaßen, die ihnen von Landminen abgerissen worden waren. Kinder, die mich um mein Essen anbettelten. Diese Bilder haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben und meinen Blick auf die Welt verändert. Ich fotografierte die Totenschädel. Ich fotografierte den Mann mit den abgerissenen Beinen. Ich fotografierte die Kinder, die mich einen halben Kilometer verfolgten um einen Dollar für Essen von mir zu bekommen.

Nach meiner Rückkehr brauchte es eine Weile, bis ich mich wieder in mein normales deutsches Leben eingefügt hatte. Aber dann folgte die Sessshaftwerdung Schlag auf Schlag. Ich fand einen Job, ich verlobte mich und heiratete. Drei Jahre später kam unsere erste Tochter zur Welt, zwei Jahre später folgte unsere zweite Tochter. Ich dokumentierte weiterhin jedes Ereignis, jeden Menschen und jede absurde Situation mit meiner Kamera. Mittlerweile hatte ich mir eine kleine Dunkelkammer eingerichtet und es gab nichts Schöneres für mich als den Duft der Entwicklerchemikalien und dem Moment, wenn auf dem Fotopapier das Motiv erschien… wie von Geisterhand gezeichnet.

Irgendwann nach der Geburt unsere zweiten Tochter zeichnete sich die Idee ab, dass ich mich als Fotografin selbständig mache. Zunächst erschien mir diese Idee völlig lächerlich…aber trotzdem irgendwie verlockend. Eine innere Stimme raunte mir hämisch zu: „Das schaffst du doch nie. Das ist nur wieder so eine spinnerte Idee von dir. Andere sind viel besser als du. Was willst du überhaupt, du Stümper?“ Früher hätte diese Stimme alle meine Pläne und Ziele zu einem Häufchen Asche verbrannt. Aber mit 36 Jahren lässt man sich nicht mehr so leicht die Butter oder den Käse oder den vegetarischen Aufstrich vom Brot nehmen. Ich reckte trotzig mein Kinn und schwor mir: „Ich tu’s“.

Und gestern habe ich es getan. HAHAHAHA (das hämische Lachen gilt der hämischen inneren Stimme….)

Ich habe meine Homepage an den Start gebracht. Klar: eine Homepage alleine ist noch keine Karriere. Aber sie ist ein Startpunkt. Ein Statement. Eine Aussage, dass ich zu dem stehe, was ich tue und was ich kann. Auch wenn es andere tausend mal besser können.

Es macht mir irre Angst.

Es beflügelt mich.

Mein eigenes Foto-Business.

4 Gedanken zu „I ♥ Fotografie“

  1. Du hast es gewagt, meine Segenswünsche an dich Veronika: viele Kunden, gutes Licht beim Foto schießen, den richtigen Abdrückermoment und was man als Selbstständige sonst noch so alles gebrauchen kann. Vielleicht werde ich dir auch bald mal einen Auftrag zukommen lassen 🙂
    Schönes WE euch!

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