Was macht ein Haus zu einem Zuhause?

Unsere Haus am Sportplatzweg war mal ein staubig-trauriges Konglomerat aus fleckigem Linoleum, rustikalen Lampen, holzvertäfelten Hässlichkeiten und gehäkelten Tischdeckchen. Bei unserer ersten Hausbesichtigung präsentierte sich uns unser zukünftiges Zuhause als letzte Wohnstätte einer Oma, die eben ins Heim abgewandert war. Ich weiß noch wie ich tief einatmete (so tief es halt ging mit schwangerem Bauch!), diesen eine Weile bei dem trostlosen Anblick anhielt und ihn langsam wieder in die miefige Wohnzimmeratmosphäre entließ. Armin und ich blickten uns unsicher an. In der Tasche hatten wir schon einen Maklervertrag über ein solides Reihenhaus mit kleinem Garten nahe der Autobahn. Wir mussten nur noch unterschreiben.

Bis dieser Anruf kam. Von unserer Hauskreisleiterin. 24 Stunden vor der Makler-Deadline.  „In Waldbach soll ein Haus vermietet werden. Wir wissen zwar nicht, ob es für euch was ist, aber schaut es euch mal an.“

Wer mich kennt, weiß, wie schwer ich mich mit Entscheidungen tue. Ich hatte mich nach langem Ringen fürs Reihenhaus entschieden. Zumindest fast. Tief in mir aber nagte der Zweifel. Und deshalb stand ich jetzt hier in diesem Haus, in Waldbach. Denn wer weiß, vielleicht könnte dieses Haus unseren Vorstellungen noch näher kommen? Der Mietpreis tat es ja schon. Ich schloss meine Augen und versuchte mir die Räume nach einer Verschönerungsaktion vorzustellen. Die Holzvertäfelung verstecken wir hinter Rigips-Wänden. Die 7oer-Jahre-Vorhänge, – lampen, -tapeten werden entfernt bzw. übermalt. Und über das hässliche Linoleum legen wir Laminat. Ich sah eine helle, freundlich-einladende Wohnlandschaft in creme und weinrot vor mir. Ich nickte Armin zu, was soviel heißen sollte: Da steckt viel Arbeit drin, aber ich bin sicher, dass wir uns hier ein schönes Zuhause schaffen können!

Dann betraten wir den Garten. Ein weiterer Ort des tristen Grauens. Abgehalfterte Koniferen standen im Hässlichkeitswettbewerb mit einem halbfertig, vor sich hingammelnden Carportgerüst, eingerahmt von türkisgrünen Waschbetontrögen und angesammeltem Metallschrott. Ich musste schlucken. Hier musste ein Container, eine Kettensäge und viele viele Blumen her, um aus dieser Wüste eine Oase zu zaubern.

Wir waren uns schnell sicher: Wir wollten dieses Haus. Auch wenn uns noch nicht bewusst war, wieviel Arbeit damit auf uns zukommen würde. Das führte ringsum zur Verwunderung: „Das ist doch bloß ein Mietobjekt. Steckt da nicht soviel Geld rein. Das lohnt sich nicht!“ Ich war trotzig und entschlossen: Hier schaffen wir uns ein Zuhause für unsere Familie!

Was wir dann auch in die Tat umgesetzt haben. Ich fand eine seltsame Befriedigung darin, dieses vernachlässigte, traurige Haus in einen fröhlichen und gemütlichen Ort zu verwandeln. Einen Ort, an dem ich gern meine Kinder großziehe, der viele Gäste beherbergt, der Zeuge von Festen und Ereignissen ist, der Zuflucht und Trost ist. Ich glaube, es ist uns gelungen. Mir kommt dieses Haus heute vor wie eine alte Kuscheldecke, in die man sich einhüllt, um eine Zeitlang das Gefühl von Frieden und Geborgenheit zu erleben. Sie ist an einigen Ecken ausgefranst, alles andere als makellos und modern, aber sie passt zu uns, zu unserer Lebensart. Wir brauchen nicht den modernsten Komfort (ok, eine Jacuzzi und ein Holzofen fehlen uns tatsächlich von Zeit zu Zeit), sondern gute Nachbarn (die haben wir), viel Platz für die Kinder (den haben wir zumindest im Garten), Platz zum Träumen und zum Aufstellen unseres Möbel-Mixes aus Billy-Regal und Bauerntruhe.

Die Geschichte dieses Hauses war lange Zeit eine traurige gewesen. Es war an der Zeit, diesem Ort neues Leben einzuhauchen: mit Kinderlachen, mit dem Backen von Hunderten von Cookies, mit dem Anpflanzen von Gemüse, mit dem Beherbergen von Gästen und den spätabendlichen Kuschelstunden auf unserer Couch.

 Dieses verwinkelt-schiefes Haus, für das ich eine zärtliche Liebe empfinde, hat mich zwei Dinge gelehrt:

1. Hinter dem offensichtlich Hässlichem ist so mancher Schatz verborgen. Den man aber nur heben kann, wenn man Geduld und den richtigen Blick für die Dinge hat.

2. So ähnlich sieht auch die Beziehung von Gott zu mir aus. Ich bin alles andere als ein strahlender Neubau ohne Makel. Da ist im Laufe der Zeit viel zu Bruch gegangen. Aber trotz aller Fehler hegt er ebenfalls eine zärtliche Liebe für mich, er heilt, was zerbrochen ist und bringt in die Ecken Licht, wo es vorher staubig und dunkel war.

Esszimmer damals
Esszimmer heute
Eingang damals

  Eingang heute

Wohnzimmer damals
Wohnzimmer heute
Schlafzimmer damals (schauder!)
Kinderzimmer heute
Flur damals (inklusive Schwiegermama, die zufällig ins Bild huschte)
Flur heute
Terasse damals
Terasse heute

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