Familie

Ich WILL mein Kind lieben

Heute will ich mal mit einem Mythos aufräumen. Und zwar mit dem Mythos, dass sich jede Mutter in ihr Baby verliebt, sobald es auf der Welt ist und man seinen ersten Schrei hört. Ich beobachte, dass sich werdende Mütter furchtbar unter Druck setzen, ihr Baby sofort und auf Knopfdruck lieben zu müssen. Das ist, denke ich, Folge der absoluten Planungssucht in unserem Leben….“erst mache ich mein Studium zu Ende, dann wird geheiratet, das erste Kind (Junge, bitteschön!) mit 32, das zweite mit 35, Hausbau, Vermögensaufbau, Absicherung…“ In der Schwangerschaft versuchen wir das werdende Leben möglichst positiv zu beeinflussen, schlucken Fischöl-Kapseln (zur Förderung der Intelligenz – am besten ich melde das Kleine schon heute an der Hochbegabten-Schule an), meiden Rohmilchkäse wie die Pest und lassen unser Fruchtwasser untersuchen, um ja Trisomie 21 ausschließen zu können. Und dann der Höhepunkt im Kreissaal, wenn uns das Baby in den Arm gelegt wird…ja, jetzt explodiert ein Feuerwerk, Händels Wassermusik ertönt schallend und ich werde von einer Welle einer nie dagewesenen Verliebtheit überschwemmt.

Bullshit.

Liebe werdende Mamas da draußen: Macht euch keinen Stress. Und kein schlechtes Gewissen. Erst durch Internet-Recherche fand ich heraus, dass sehr viele Mütter erstmal keine Verliebtheitsgefühle für ihr Neugeborenes empfinden. Und – ich gebe es zögernd zu – mir ging es bei unserer zweiten Tochter Josefine genauso. Die Geburt ging so rasant, dass ich gar nicht vorbereitet war auf unser Baby. Die ersten Tage habe ich sehr mit mir selbst gehadert: „Was bin ich nur für eine Mutter? Werde ich mein Kind je lieben können? Ich will nicht das eine Kind dem anderen vorziehen! Was stimmt nicht mit mir???“ Dazu kam erschwerend, dass Josefine ein Schreikind war.

Heute, dreineinhalb Monate später: ich liebe meine Josefine heiß und innig – genauso wie Amelie. Liebe braucht oft Zeit zum Wachsen, sie kann nicht erzwungen werden. Ich habe mich in der kurzen Zeit, die Josefine auf der WElt ist, intensiv um sie gekümmert und habe auf den großen Gefühls-Bang gewartet! Der kam langsam und schleichend zur Hintertür herein. Das erste Lächeln, das erste Gurren, das Anschmiegen an meine Schulter, Josefines Duft nach Erdbeersahnebonbons, ihr grenzenloses Vertrauen in mich. Alles das hat mir geholfen, mein Kind lieben zu lernen.

Durch meine Schwangerschaften und mein Mamadasein habe ich gelernt, dass eben NICHTS wirklich im Leben planbar ist. Es ist gut, Ziele und Pläne zu verfolgen, aber wir sollten uns ihnen nicht zum Sklaven machen. Vieles kommt doch oft anders….aber nicht unbedingt schlechter.

Familie

Mama-Marathon

„Ich laufe nächstes Jahr den New York Marathon!“

So tönte ich vor 5 Jahren, als ich nach einem besonderen exzessiven Weihnachtsfest beim Joggen die Pfunde schmelzen lassen wollte. Die dabei freigewordenen Endorphine bewirkten bei mir einen regelrechten Motivationsrausch. Neeeein, mit einem schnöden Trollinger-Marathon wollte ich mich nicht zufrieden geben. Reach for the stars!! Mein erster Schritt auf meiner Reise zum New York Marathon führte mich zu Runners Point, wo ich mir ein Paar teure Laufschuhe kaufte. Dann begann das eigentliche Lauftraining. Nun ist es aber so bei mir, dass ich der Typ Mensch bin, der schnell in Begeisterung verfällt, aber bei der harten Umsetzung dann ganz schnell die Puste verliert. Und tatsächlich, beim dritten Training bemerkte ich einen ziehenden Schmerz im rechten Knie. Und überhaupt ist Laufen langweilig (es sei denn man federt durch den Central Park…)  und anstrengend. Also schob ich ein verschlissenes Knie vor und hörte mit dem Training wieder auf. Leider werde ich damit bis heute aufgezogen. Was meinen Freunden und meiner FAmilie aber mittlerweile klar sein sollte: Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann ziehe ich es auch fast immer durch. Auch wenn es Jahre dauert. Gut, meine London-Style-Fashion-Boutique habe ich bis heute nicht eröffnet. Und auch mein Fahrrad wartet seit Urzeiten darauf, dass ich mich endlich in den Sattel schwinge und die USA durchquere. Ach ja, und das Hostel, das ich eröffnen wollte schwebt auch noch irgendwo im Hinterkopf rum.

Heute wurde mir klar, dass ich tatsächlich einen Marathon laufe. Keinen Marathon im klassischen Sinn, sondern den weitaus anstrengenderen Mama-Marathon. Das Ziel liegt noch in weiter Ferne: meine Kinder zu verantwortungsbewussten, fröhlichen und glücklichen Menschen zu erziehen. Es macht nicht immer Spaß. Es ist anstrengend. Es kostet eine Menge Nerven, Geduld, Ausdauer und Kraft. Und ich muss mir diese Kräfte sehr gut einteilen. Denn auch bei einem echten Marathon kann ich nicht einfach wie besessen los sprinten. Ich würde nach ca. 2.3 km einfach umfallen und müsste wiederbelebt werden. Ich nehme Schritt um Schritt. Mache Pausen, wenn ich merke, die Kraft wird dünn. Ich verliere das Ziel nicht aus den Augen. Und vergesse nicht, dass selbst die kleinsten, mühsamen Schritte (z.B. das zehnte Nein, das Amelie einfach überhört) uns dem Ziel näher bringen.

Und der New York Marathon? Wartet nur!! Den werde ich auch noch laufen.