Familie

Schlafentzug ist ne Bitch.

Wie bekomme ich meine drei Wochen alte Tochter dazu, endlich mal nachts länger als nur zwei Stunden zwischen dem Stillen zu schlafen?? Hab ich sie nämlich gestillt, dann schaukel ich sie erstmal ne halbe Stunde wieder in den Schlaf. Anschließend, wenn diese Aufgabe mit einem riesigen Aufatmen bestanden ist, versuche ich selbst wieder in den Schlaf zu finden. Was schwierig ist, wenn a) Ehemann neben mir den Regenwald in aller Seelenruhe abholzt, b) mir der Schauspieler aus Rainman nicht mehr einfällt und ich darüber Ewigkeiten nachgrüble, c) ich gedanklich die To-Do-Liste für den nächsten Tag erstelle. Dann bleibt eine Restschlafzeit von ca. 45 Minuten. Bin ich dann endlich in einen komatösen Tiefschlaf verfallen, krallt sich nach gefühlten fünf Minuten hungriges Babyweinen in mein Hirn. Mit äußerster Willensanstrengung und entgegen eines Aufschreiens meines vom systematischen Schlafentzug gefolterten Körpers hieve ich mein Baby an meine Brust, nicht ohne mich in diesem Moment auf eine ferne, einsame Tropeninsel zu wünschen. Und dann geht alles wieder von vorne los. Manchmal auch mit folgenden interessanten Varianten: Josefine bekommt Bauchschmerzen und schreit nach dem Stillen für eine unerträglich lange Zeit, in der ich innerlich Aggressionen aufbaue, die dann ganz schnell von Schuldgefühlen abgelöst werden. Oder sie beschließt, dass sie jetzt genug geschlafen hat und beendet für sich die Nacht. Auch wenn es erst 2 Uhr morgens ist.

Mich zermürbt der Schlafentzug. Mein Traum: endlich mal wieder 3 Stunden am Stück schlafen. Jaja, man wird sehr anspruchslos mit Säugling. Der Gipfel des Genusses besteht für mich dieser Tage aus einer Tasse Kaffee (selbstverständlich koffeinfrei und mit Sojamilch, bäh!) und einer Dusche. Und wenn ich es schaffe, mir sogar die Haare zu waschen und zu föhnen, dann grenzt dieses Erlebnis schon fast an mutterhafte Dekadenz. Was natürlich sofort wieder die unvermeidlichen Schuldgefühle hervorruft.

Familie

1 Mann und 3 Frauen

So verteilt sich nun die Geschlechterstärke in unserem Smoorschen Haushalt! Dank unserer Josefine, die noch schnell am 27. November und NICHT am 28. zur Welt kommen wollte.

Donnerstagnacht, 25. November: wehen, Wehen, WEhen, WEHen, WEHEn, WEHEN!!! Aber ich habe keine Lust aufzustehen und panisch ins Krankenhaus zu fahren. Ich beschließe, die Schmerzen zu ignorieren und weiterzuschlafen. Fühlen  sich an wie eine Magendarmgrippe.

Freitag, 26. November: Ich bin mir instinktiv sicher, dass das Baby am Wochenende zur Welt kommt. Immer wieder Wehen. Aber die sind alle Fehlalarm. Nun denn, wenn das so ist, dann bleibt ja noch Zeit, Staub zu wischen. Selbst an den Stellen, die sonst nie mit dem Staublappen in Berührung kommen. Wie hieß es im Schwangershaftsratgeber? „Wenn Sie plötzlich in sinnlosen Aktionismus verfallen, steht die Geburt kurz bevor.“ Ich fühle mich bestätigt.

Samstag, 27. November: Ich bin eine nervöse Tigerin, die fauchend durchs Haus tapst und jeden und alles angreift, der ihr zu nahe kommt. Das ist mal in erster Linie Armin, der sich lieber in seine Werkstatt verzieht. „Wir gehen heute aber auf jeden Fall noch auf den Öhringer Weihnachtsmarkt. Die Kliniktasche nehmen wir mit – wäre ja praktisch, wenns dort los geht, das Krankenhaus ist ja direkt um die Ecke“, beschließe ich und hoffe aber heimlich, dass mir ein peinlicher Blasensprung in der Öffentlichkeit erspart bleibt. Bei herrlichstem Winterwetter trinken wir Punsch, fahren mit der Dampfeisenbahn und bummeln mit Freunden über den Markt. „Die letzten Minuten in Freiheit“, schießt es mir durch den Kopf.

Wieder daheim auf dem gemütlichen Sofa. Ich schaue mir eine Michael-Jackson-Doku an. Aber ich bin nur mit halber Aufmerksamkeit dabei. Denn seit halb neun meldet sich wieder meine Gebärmutter. Nun kommen die Wehen in regelmäßigen Abständen. Aber ich ignoriere sie in der Annahme, dass es eh wieder ein Hormonfake ist. Aber um 10 Uhr abends lege ich mich in die Wanne, um den ultimativen Wehentest durchzuführen. Verschwinden die Wehen, dann ist es Fehlalarm. Ich horche gespannt in mich hinein. Nichts. Wehen wie weggeblasen. Ich knurre: „Na prima, dann hau ich mich jetzt aufs Ohr. MAAAANN, wie lange soll das noch so gehen??“ Just in dem Moment kommt eine Wehe, die mir fast die Luft nimmt. „Aaaarmin, wir müssen sofort los!!“ Wir rufen unsere hilfsbereiten Nachbarn an, die in dieser Nacht bei Amelie Babysitterdienst schieben. Kaum sind sie da, „flitzwatschele“ ich zum Auto. Die Zeit, um mir meine Stiefel anzuziehen, nehme ich mir nicht mehr…. Das ist auch gut so, denn auf dem Weg ins Krankenhaus kommen Wehen, die ich schon veratmen muss. Und als ich auf der Entbindungsstation ans CTG angeschlossen werde, platzt die Fruchtblase. Es geht jetzt Schlag auf Schlag. Oder Wehe auf Wehe. „Kann ich noch einen Einlauf bekommen?“, hechle  ich der herbeieilenden Hebamme entgegen. „Wenn Sie ihr Baby auf der Toilette bekommen wollen“, entgegnet sie mir trocken. Sie führt mich in den Kreissaal und kaum dass ich mich auf dem Bett niederlasse stelle ich laut fest: „Ich muss pressen!“ „Na dann, nur zu“, meint die Hebamme ungerührt. Sie hat heute schon 8 Babies zur Geburt verholfen. Da kann einen nichts mehr schocken. Keine drei Presswehen später wird mir unsere Tochter Josefine in die Arme gelegt. Ich bin überrascht, geschockt, erleichtert und über alle Maßen glücklich. Ich fühle mich topfit. Könnte glatt aufstehen, gleich wieder nach Hause fahren, mit meinen Nachbarn anstoßen und anschließend noch tanzen gehen. Ja, tanzen könnte ich tatsächlich vor Glück: unsere Tochter ist kerngesund, die Geburt war ein Spaziergang und ich habe keinerlei Geburtsverletzung.

„Herzlich willkommen auf dieser verrückten Welt, mein Schatz“. Mit diesen Worten begrüße ich unsere Josefine, die mich völlig zerknautscht und verdattert über diesen rasanten Start ins Leben mustert.

Jetzt ist sie schon zwei Wochen alt…Und wir haben natürlich alles bereits durchgemacht, angefangen von grundloser Heulerei (aus Rührung weil mein Mann mir so liebevoll einen Kaffee gemacht hat), über unkontrollierten Milcheinschuss (Dolly Buster mach Platz, hier kommt das neue Busenwunder!), durchwachte Nächte und mit infernalischem Geschrei begleitete Darmkoliken. Puh, Mama sein ist ein harter Job. Aber er bietet immer wieder Stoff zum Schreiben….