Ortsbeschreibung

Die schlimmste Übung im Deutschunterricht war für mich immer eine Gegenstands- oder Ortsbeschreibung. Der Kommentar in Rot unter meinen Ausführungen in Schönschrift („Mein Stiftehalter“, „Mein Klassenzimmer“) lautete stets gleich: „Zu ungenau, du gehst zu sehr auf unwichtige Details ein. Kürzer wäre besser.“

Vielen Dank auch. Jahrelang nach diesen grausamen Aufsätzen und deren niederschmetternden Bewertungen habe ich mich nicht mehr getraut irgendetwas zu schreiben.

Negative Erfahrungen muss man durch positive ersetzen. Hab ich mal gehört. Also, werde ich heute mal ganz wagemutig meinen Wohnort beschreiben. Vorgestern, auf meinem täglichen Rundgang, just als ich das örtliche Bestattungsinstitut passierte, erfasste mich die Sehnsucht nach einer europäischen Großstadt, nach kulturgeschwängerter Atmosphäre, nach knatternden Vespageräuschen, Barhopping bis drei Uhr früh, Galeriebesuchen, Straßencafes, Neid auf stylische Großstadtnymphen, ein 10-Euro-Bier im Quartier Latin.

Trotzig verteidigte ich sofort meinen Wohnort. Nun gut, es ist kein Paris, kein Berlin, kein Braunschweig und noch nicht mal ein Idar-Oberstein. Aber es hat eine Kirche. Die ist sogar richtig schön….alt. Und sie erfüllt ihren Zweck, denn beim Eintritt fühlt man sich sofort sehr ehrfürchtig. Die zweite Attraktion Waldbachs ist die Videothek. Nun, man mag mir entgegenhalten: „Wie kann das sein!?“ Aber unsere Videostüble ist eines der letzten sieben Etablissments im deutschen Raum, das Rauchen ausdrücklich gestattet und den Film „Kevin allein Zuhaus“ auf VHS führt.

Keine 500 Meter weiter findet sich der Dreh- und Angelpunkt des Ortes: die Bäckerei. Auch  hier mag der Leser sich fragen, was es für eine Besonderheit mit einer Bäckerei auf sich hat. Ich verrate es gerne: Gar keine. Aber wenn mich mal wieder die Langeweile plagt, dann pack ich Amelie in den Kinderwagen, laufe die 20 Meter zur Bäckerei und lese neugierig die ausgehängte Bild-Schlagzeile („Mann hustet – Epidemie auf dem Vormarsch?“).

Tja, das wäre auch schon fast alles. Aber das Hühnergehege sollte noch Erwähnung finden. Das liegt nämlich schräg hinter unserem Garten, beherbergt eine bunte Federviehsammlung, welches sich in fleißiger Produktion unserer politisch-ökologisch-korrekten Eier ergeht und sich flügelschlagend auf unsere Essensreste stürzt.Christo-eske Habichtabwehrleinen, geschmückt mit Aldi- und Lidltüten, bilden ein ungewollt avantgardistisches I-Tüpfelchen auf dem Gelände.

Und das absolute Highlight wurde vorgestern von der Feuerwehr geschaffen: Schlittenfahren bei Nacht. Feuerkörbe, Traktoren und Flutscheinwerfer tauchten den Berg hinter der Turnhalle in geisterhaftes Licht. Eine gewaltige Schneebar war errichtet worden, um angetrunkenen Waldbachern Halt zu bieten und aus den Lautsprechern dröhnten Apres-Ski-Hits, die wirklich nur im Vollsuff einigermaßen erträglich sind. Seltsamerweise waren die Liedtexte an der Bar nicht verständlich, hatte man aber den Hang keuchend erklommen, schallten einem die Volksweisheiten klar und deutlich entgegen: „Du hast mich angemacht so kurz vor Offenbach. Wir haben Sekt bestellt – gleich hinter Bielefeld. Komm lass uns Liebe machen – Im ICE nach Aachen.“ Sagenhaft. Da blieb mir nichts anderes übrig, als mich todesmutig auf meinen Schlitten den Berg hinabzustürzen und 10 unaufmerksame Kinder zu überfahren.

Und wie würde nun der Kommentar meines Deutschlehrers zu dieser Ortsbeschreibung ausfallen?

„Veronika, bitte streng dich das nächste Mal an, bei der Sache zu bleiben. Dein angestrengter Humor ist hier überflüssig. Du solltest dich auf klare, nüchterne Fakten beschränken. Und überdenke deine Handschrift.“

Kommentar verfassen