Reisen, USA

Haarige Tatsachen

Ich habe meine Haare satt. Also nicht die Haare an sich, sondern die Tatsache, dass ich keine Frisur habe (wenn man die Verlegenheitsfrisur „Pferdeschwanz“ oder die „Muttipalme“ nicht miteinberechnet). Hätt ich mein Glätteisen dabei, dann wäre das eine feine Sache. Aber wann hätt ich bloß Zeit dafür? Vielleicht ist es doch Zeit für einen praktischen Kurzhaarschnitt? Schnipp-schnapp…und schon befände ich mich optisch gesehen am Scheidepunkt zwischen „Ich-war-mal-sexy-und-jung“ und „Bin-jetzt-Mutti-mir-egal-wie-ich-aussehe-waschen-muss-reichen“.

Aber genug der eitlen Betrachtungen! Auch, wenn ich für den Rest der Welt nur noch ein graues Mauerblümchen (aufgepimpt mit Gap-Klamotten!) bin, so bin ich für meine Tochter eine verehrungswürdige Heldin und mein Mann findet mich auch ganz hübsch. Na also, geht doch.

Heute wird die dicke Berta geschont, unsere Kilometerleistung bleibt unter der 20er-Marke. Denn ganz in der Nähe befindet sich Woodstock (klingeling, jeder denkt an DAS legendäre Woodstock! Gibt aber noch ungefähr 150 weitere Woodstocks in den USA. Ist halt so verbreitet wie bei uns Neustadt). Und dieses Woodstock ist sehenswert mit seinen prächtigen Häusern, der überdachten Brücke, vielen kleinen süßen Läden, in denen es so ziemlich alles vom selbstgemachten Ahornsirup bis hin zu deutschem Holzspielzeug gibt.

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Im Buchladen (dort zieht es mich einfach immer magisch hin) frage ich spontan nach Büchern für gestresste Muttis. Ich bekomme zwei burgerdicke Schinken in die Hand gedrückt, wie man auf buddhistische Weise Stress in den Griff bekommt. Hmmm, ich entscheide mich dann doch lieber für das Buch „Hast du schon mal einen Tiger gekitzelt?“ Ist für Amelie. Sie soll schließlich schon vor dem Kindergarten ihre ersten englischen Wörter können. Sie muss ja mithalten, wenn es um die sprachliche Früherziehung geht. Reicht heute nicht mehr, wenn man erst mit 11 die ersten Sätze wie z.B. „This is Peter. Peter is a boy“ stammelt. Mit 11 ist der Zug abgefahren. Da muss Amelie schon ihren ersten Essay über Charles Dicken abliefern!

Wir haben Hunger. Ganz untypisch für ein amerikanisches Städtchen, weit und breit ist keine Fressbude zu finden. Nur ein sogenannter General Store. Das ist eine Art Krämerladen für kleinere Orte (also GsD noch nicht von Walmart und Co. verdrängt). Dort gibt es nicht nur Lebensmittel, sondern auch Tupperware, Steckdosenleisten, riesige Gläser voller bunter Bonbons und Pralinen, Geschirrhandtücher, Strickwolle, Seife und den Dorftratsch. Hab Bock auf eine Wagner-Pizza, so eine aus dem Pseudo-Steinofen. Stattdessen gibts Gurken-Käse-Sandwiches.

Noch ein paar interessante Betrachtungen und Fakten über Vermont zum Abschluss des Tages:

– Per Gesetz muss jeder Einwohner am Samstag baden.

– Es ist verboten, unter Wasser zu pfeifen

Der Menschenschlag hier ist so zugänglich wie die Drogenmafia. Auf den ersten Blick undurchdringlich, aber hat man sie mal zum Freund, dann bleiben sie Freund.

Ich zitiere Carl Zuckmayer:

Daher eignet diesen Leuten ein Zug von Starrsinn und Hartnäckigkeit, auch von Verkauztheit, der Europäern leichter verständlich ist als vielen Amerikanern. Ein sonderlich abgeschlossenes Volk mit einem schrulligen, oft etwas maliziösen Humor, nonkonformistisch bis in die Knochen, eigenwillig bis zur Eigenbrötelei, doch niemals ohne die natürliche Bindung in der Gemeinde, die selbstverständliche, phrasenlose Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe.“ (Carl ZuckmayerAls wär’s ein Stück von mir, 1966)

2 Gedanken zu „Haarige Tatsachen“

  1. hey ihr lieben,

    mensch es ist einfach sooo schön von euch zu lesen! ich freue mich jedes mal noch mehr, soviel neues und auch ein paar bilder sehen zu können. amelie sieht einfach so frühlich aus, die ist groß geworden, mhh? ihr gesicht hat sich so verändert. mensch mir vermissen euch sehr!
    passt gut auf euch auf, knutschi an die kleine
    grüßle anne

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    1. Hi Anne du meine treue Mit-Leserin!
      Ja, Mensch, ich vermiss dich und Loana auch. Amelie bräuchte auch mal wieder Kontakt mit anderen Babies. Die ewig gleichen GEsichter von Mama und Papa müssten ihr ja langsam auf den Keks gehen. ABer sie genießt es anscheinend, dass wir soviel Zeit miteinander verbringen können. Sie ist echt meistens gut drauf und wickelt alle Amis um den Finger.
      Bald sehen wir uns ja wieder! Bis dahin machts gut
      Liebe Grüße
      Veronika

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