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Schönes und Hässliches

Was mich gerade so richtig freut:

  • Herbstwetter
  • Amelie hat sich problemlos abstillen lassen!
  • …und ihr Jetlag hatte zur Folge, dass sie durchschläft und nachts nicht mehr trinken will. Ein Hoch auf die transatlantische Zeitverschiebung!
  • Meine Eltern kommen zu Besuch und wollen den Garten auf Vordermann bringen.
  • Es sind nur noch2 Monate bis Weihnachten!!
  • Dass meine Ben&Jerrys Eisdiät wahre Wunder vollbracht hat: Die USA-Reise hat bei mir zu einem Gewichtsverlust von 2 Kilo geführt.
  • Dass ich heute Lebkuchenteig ansetzen werde
  • Ich war heute schon superkreativ und habe den Input für den Jugendnachmittag am kommenden Samstag geschrieben (hoffe, es ist nicht kompletter Nonsense)
  • Ha, ich brauche keinen Mann, um herauszufinden, warum meine Waschmaschine nicht mehr abpumpt!
  • Dass ich gestern mit einem Brunch verwöhnt wurde.
  • Und dass unser neues Auto endlich da und angemeldet ist. Ein Problem weniger.
  • Am Freitag geh ich zum Friseur und werde mir eine Mireille-Matthieu-Frisur schnibbeln lassen. Jawoll!

Was mich gerade total ärgert:

  • Boah, diese Waschmaschine! Jetzt steht der halbe Keller unter Wasser. Das kommt davon, wenn man ein stinkiges Kopfkissen wäscht.
  • Amelie, meine schönste Leibesfrucht, wehrt sich gegen das Einschlafen.  Muss jedesmal eine halbe Stunde dabeisitzen. Das schlaucht.
  • Amelie, der Grund für 7 Stunden Wehen, quengelt den ganzen Tag. Alleine spielen ist doof. Mama soll 24/7 das Zappelmännerlied singen und Türme bauen.
  • Zuviele Pläne, zuwenig Zeit.
  • Dass ich mir schon wieder zuviele Sorgen mache. Meine Gedanken rotieren.
  • Das Überspielen der USA-Bilder auf unseren Rechner funzt nicht.
  • Ich bin gerade so emotional. Ich vermisse die USA…
Familie

???

Es ist so ein Tag, den ich einfach schnell rumkriegen möchte…

Amelie spielt mit unserem Telefon. Braucht natürlich nicht lange, dann liegt es am Boden. Batterien kullern unter das Sofa. Ha, ich habe den Zollstock direkt zur Hand, fische damit solange unter dem Sofa, bis ich ein paar verstaubte Zettel, eine Batterie, ein Kuscheltier und einen toten, vertrockneten Sperling zutage fördere.

Wie kommt das Tier unters Sofa. Also der Vogel, nicht das Kuscheltier. Und die spannendere Frage: Warum haben wir nichts davon gemerkt? Ist unser Geruchssinn dank der unzählig gewechselten Windeln schon völlig abgestumpft? Ist der Sperling hier drin verendet? Oder war er schon tot, als ihn der Täter (wahrscheinlich Muffin) hier hereinschleppte? Fragen über Fragen, die nur CSI Waldbach auf die Spur kommen wird…

Familie

4 1/2 Tage, neues Auto, verbeultes Baby

Solange sind wir also wieder daheim, im Sportplatzweg, in unserem grünen hässlichen Haus. Und die Zeit steht nicht still, die Ereignisse auch nicht. Da wäre z.B. Amelies Jetlag, der sich durch längere Wachphasen in der Nacht auszeichnet. Klingt anstrengender als es ist, denn der Clou: Ab ca. 12 Uhr schläft sie durch bis zu einer angenehmen Morgenzeit (das ist bei mir alles nach halb acht). Und das, ohne nach Mamas Trost- und Snackbusen zu quaken. Beste Voraussetzung fürs Abstillen, das ich nach Jetlagüberwindung angehen werde. Herrliche Zeiten werden anbrechen! Ich werde mich jeden Tag gegen meine Schoko- und Pastagier geißeln und 15 Schwangerschaftspfunde abschütteln. Ich werde wieder in die 2/3 meines Klamottenvorrats passen, der seit 1 1/2 Jahren verwaist im Kleiderschrank hängt!!! Na, hoffentlich nehme ich jetzt nicht den Mund zu voll…..

Unser abgefackelter Subaru musste auch dringend ersetzt werden. Und so ist Armin seit Dienstag auf hektischer Autosuche gewesen, denn bis Donnerstagabend musste ein neues Gefährt her (da endete seine Elternzeit).  Ein Gebrauchter vom Händler sollte es sein. Kombi. Kein Schnickschnack. Feuerfest. Und da Gott halt manchmal ein Last-Minute-Gott ist, hat Armin gestern abend noch in aller Schnelle, kurz vor Ladenschluss, einen Mercedes erstanden. Deutsche Wertarbeit vs. japanische Pyromania.

Heute stelle ich schmerzlich fest, wie KACKE es ist, mit Kind und ohne Auto auf dem Dorf festzusitzen. Das Worst-Case-Scenario. Ich hatte Amelie zum Mittagsschlaf in unser Bett gelegt. Um sie herum habe ich eine Burg aus Polstern und Decken errichtet, die sie unmöglich überwinden hätte können. HÄTTE! Tat sie aber doch. Und landete mit Knall und großem Geschrei auf dem Boden. Neben Schreck und schlechtem Gewissen (ich Rabenmutter, ich FURCHTBARE Rabenmutter!!!!), meldete sich auch die Unsicherheit, ob sie sich irgendwas getan hat  (innere Verletzungen und so). Ich mache also ratzfatz einen Eiltermin beim Kinderarzt aus und stelle hinterher fest: Kein Auto da. Höchstens ein Fahrrad. Oder eine Schubkarre. Beides ungeignet. Gott sei Dank kann Armin heute früher von Arbeit heim und so wird Amelie heute noch auf Herz und Nieren überprüft, ob sie den Sturz (dank ihrer Rabenmutter) heile überstanden hat.

So, ich freu mich aufs Wochenende. Ich freu mich auf unser neues Auto. Ich freu mich, wenn alles mit Amelie in Ordnung ist.

Wie lange dauert es, bis sich das schlechte Gewissen wieder verabschiedet?

Familie, Reisen, USA

So, dahoam is daoam

Unser Fazit des letzten Reisetages: Lufthansa-Mitarbeiter in Boston sind kompetenter als Lufthansa-Mitarbeiter in Frankfurt. So chaotisch die Abwicklung unseres Hinflugs war, so unkompliziert läuft es auf dem Rückflug. „Können wir einen Bassinett-Platz haben? (Mit Babybettchen)“ „Of course, no problem“. Keine weiteren Hindernisse, falsche Versprechungen, unwilliges LH-Personal.

Neuengland verabschiedet sich mit Dauerregen und Sturm. „Just another beautiful New England day!“ ruft uns ein Ami zu, als mein Regenschirm von den Sturmböen wie ein Segel hin- und hergerissen wird. In letzter Minute müssen wir noch einen neuen Koffer kaufen, leisten uns ein Ungetüm von Samsonite. Ich bin wehmütig. Wie lange haben wir auf diese Reise gewartet, ihr entgegengefiebert und uns auch ein bisschen davor gefürchtet. Und ratz-fatz ist sie rum.

Der Flug verläuft ruhig und angenehm. Dank starken Rückenwindes braucht unser Pilot nur 6 Stunden. Reicht gerade für 2 Filme und einen Stern-Artikel. (Bitte, bitte niemals „Selbst ist die Braut ansehen“ – was für ein furchtbar, vorhersehbarer Streifen mit furchtbaren Schauspielern.)

Nun sind wir wieder in Waldbach, es ist alles ein klein wenig fremd – aber unser Zuhause ist wie eine Decke, in die wir uns einkuscheln, und die uns wärmt. Ach, und eigentlich ist Deutschland gar nicht sooo schlecht. Die Straßen zum Beispiel! Ordentlich geteert. Keine kratertiefen Schlaglöcher. Nachvollziehbare Hinweisschilder. 180 km/h fahren können, ohne Verwarnung des Sheriffs. Vollkornbrot. Vierlagiges Toilettenpapier. Meine Waschmaschine! Mein Bett!!

Amelie versucht gerade ihren Jetlag zu verarbeiten, indem sie Armins Mini-Xylophon malträtiert und ihren Schnuller im Dauereinsatz hat. Und ich packe aus. Wie kann es sein, dass doppelt verpackter Ahornsirup trotzdem seinen Weg durch die Plastikverschlüsse gefunden hat? Ich stelle fest: Armins Elektronikartikel duften nun schön. Nur das Klebrige stört. Alles klebt!! Mittlerweile auch Türgriffe und Kaffeetassen. Und Murphy’s Law hat dafür gesorgt, dass es natürlich unseren nagelneuen Samsonite getroffen hat.  Aber ich bin dankbar, dass noch genug Sirup für ein paar Pfannkuchen übrig geblieben ist. Ha!

Uns werden neben Ahornsirupspuren im Koffer auch viele Erinnerungen an die Reise bleiben. Und ich bin froh, dass ich viele davon in diesem Blog „konserviert“ habe und mit euch teilen durfte. Danke fürs Mitlesen, „Miterleben“ und fürs Kommentieren! Ich habe soviel Lust am Schreiben entwickelt, dass ich vielleicht diesen Blog weiterführen werde. Mal sehen, vielleicht unter dem Thema „Alltagsbewältigung einer unterentwickelten Mathematikerin“ oder „Wie gelingen Blaubeermuffins?“

Reisen, USA

Geschichte einatmen

Es stürmt immer noch draußen und der Regen fällt waagrecht vom Himmel (Mist, sogar der untergestellte Buggy ist nass geworden). Küstenwetter halt. Und in der Nacht rächt sich Amelie wohl dafür, dass ich sie einen Tag lang alleine gelassen habe. Von 1:45 bis fast 4 Uhr ist sie wach, döst manchmal wieder weg, fängt dann aber jedes Mal wieder zu weinen an. Wir Msind genervt und gerädert. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich momentan rasant entwickelt? Gestern nämlich hat sie ihre ersten ernstzunehmenden Krabbelversuche gestartet (O-Ton der hyperbegeisterten Eltern: „Ja, Amelie, TOOOOOOLLLLL! Du bist so ein Suuuuuuperbaby!!! Schnell, dieses Megaereignis MÜSSEN wir filmen!“). Und heute beginnt sie, sich an den Stühlen hochzuziehen.

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Trotz Müdigkeit und Regen wollen wir unbedingt noch eine Sehenswürdigkeit abhaken: Die Plimoth Plantation. Das ist ein nachgebautes Dorf der ersten Siedler, die hier 1620 landeten. Das war eine kleine Gruppe von strenggläubigen Puritanern, denen ihre Heimat zu liberal war und in der Neuen Welt ganz ungestört ihre Lebensart pflegen wollte. In Plymouth schlug also die Geburtsstunde des amerikanischen Volkes. Und hier erleben wir heute eine Geschichtsstunde der unvergesslichen Art.

Manchmal stelle ich mir folgende Frage: Wenn ich für einen Tag eine Zeitreise machen könnte, welches Zeitalter würde ich mir aussuchen? Und dann stelle ich mir vor, wie ich als Burgfräulein im Mittelalter meinen edlen Ritter anschmachte, in der Urzeit gegen Dinosaurier kämpfe und in den „Goldenen Zwanzigern“ mit Bubifrisur den Charleston tanze.

Aber dass ich tatsächlich einmal eine Zeitreise ins 17. Jahrhundert antreten würde, das habe ich mir nicht träumen lassen. Wir nähern uns dem Dorf, der Sturm peitscht uns vom Meer entgegen und als erstes taucht aus der Ferne ein Palisadenzaun auf (ähnlich wie der aus Asterix und Obelix). Ein paar herumstreundende Hühner begrüßen uns. Die Dorfstraße besteht aus mühselig errichteten, reetgedeckten Holzhäuschen, flankiert von Gemüsegärten und Ziegen- und Gänsegehegen.

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Der Clou an diesem Dorf: Schauspieler verkörpern die historischen Personen. Sie tragen die 1620er Mode, gehen den alltäglichen Arbeiten nach (Zäune reparieren, flicken, kochen, Kühe hüten usw.) und stehen den Besuchern Rede und Antwort. Dabei spielen sie ihre Rolle zu 100 % und spiegeln die damalige Denk- und Lebensart wider. Ein Dorfbewohner begrüßt uns mit einem „Good day“ und lädt uns in seine Hütte ein. Er trägt einen dichten Vollbart und ich beneide ihn an diesem Tag um seine dicken Wollstrümpfe, die er bis zu den Knien hochgezogen hat. Rauschebart beschwert sich im herrlichsten britischen Akzent über den Mangel an Bier: „Wir haben kein Vieh, um Felder zu bewirtschaften, keine Möglichkeit Bier zu brauen. Alles,was wir hier haben ist Wasser. Und jeder weiß doch, dass Wasser nicht nahrhaft ist.“ Dann belehrt er mich, dass ich meinem Baby doch bald Bier zu trinken geben sollte. Das mache stark. In ihrer alten Heimat hätten das alle Mütter gemacht. Als ich ihm erkläre, dass sie Kuhmilch bekommt, schüttelt er angewidert und erstaunt den Kopf: „Komische Sitten. Kuhmilch ist für die Kälber da. Dein Baby trinkt das??“ Und dann referiert er weiter über die Weiber, die sich ihren Männer nicht unterordnen wollen. Dabei steht es doch klipp und klar in der Bibel, dass sich das Weib dem Mann unterzuordnen habe. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass es heißt, dass sich beide einander unterordnen sollen…..Er schüttelt resigniert mit dem Kopf, als jemand der Besucher ihn fragt, ob das junge Mädchen neben ihm seine Frau sei. „Ich wünschte, meine Frau wäre so still wie sie.“

In einer anderen Hütte dagegen erklärt gerade eine ältere Frau in holländischer Tracht einigen Kindern, wie wichtig es sei, dass auch die Mädchen Lesen und Schreiben lernten. Auch wenn einige Männer das nicht gerne sähen. Wir kommen mit ihr ins Gespräch. Sie sitzt vor einem prasselnden Feuer und lädt uns ein, uns dazuzusetzen. In den deutschen Staaten herrsche ja gerade ein erbitterter Religionskrieg, schon seit neun Jahren, so erkundigt sie sich.Wir steigen in dieses „Spiel“ ein und seufzen: „Ja, wir hoffen, er dauert nicht mehr allzu lange“ (Sind dann doch dreißig Jahre geworden…).

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Das Themen Religion und Nahrungsbeschaffung sind vorherrschend. Und mit den Indianern, die hier in der Gegend leben, kommt man gut klar. Man treibt Handel miteinander und lernt voneinander.

Die Dorfbewohner spielen ihre Rolle nicht, sie leben darin. Und sind dadurch so überzeugend, dass man sich manchmal direkt kneifen muss, ob man nicht doch per Zeitreise plötzlich im Jahr 1620 gelandet ist.

Der Weg aus dem Dorf zurück ins Besucherzentrum führt durch ein nachgebautes indianisches Dorf der Wampanoag, die hier früher lebten und hauptsächlich von der Landwirtschaft und vom Fischfang lebten. Eine Tafel begrüßt uns: „Bitte vermeiden Sie Klischees!“ Wir sollen nicht das Wort „Indians“ verwenden. Und die Einwohner nicht mit „How“ begrüßen. Mit solchen und weiteren Ermahnungen werden wir belehrt.

Hier stehen Nachfahren der Wampanoag den Besuchern Rede und Antwort. Alles, was vorher spielerisch und auch ein bisschen amüsant war, wird hier schwer und distanziert. In einem großen Zelt sitzt ein sogenannter „Native“ am Feuer und erzählt uns über die Lebensweise seiner Vorfahren. Ich bin plötzlich ein bisschen scheu. Die Lebensweise der ersten Siedler ist mir vertrauter. Hier fühle ich mich als Weiße, als Eindringling. Trotzdem löchere ich unseren Indianernachfahren mit Fragen. Muss aber ständig aufpassen, eben nicht Indianer zu sagen. Oder Squaw. Oder Chief. Politische Korrektheit ist anstrengend. Aber in diesem Fall auch nachvollziehbar. Wenige Jahre nach Ankunft der Siedler waren die meisten der Einheimischen Seuchen und kriegerischen Auseinandersetzungen zum Opfer gefallen.

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Ich will ihn unbedingt davon überzeugen, dass ich auf „seiner“ Seite stehe. Und bin dabei total unbeholfen: „Als Kinder haben wir immer Cowboy und Indianer gespielt. Und ich wollte immer Indianer sein. Die waren soviel cooler.“ Gott, wie peinlich. Armin verschärft die Situation: „Ich wollte lieber Cowboy sein, die hatten die Knarren.“ Als hätte jemand einen riesigen Fettnapf mitten ins Zelt gestellt und wir springen hinein.

How!

So, nun ist es spät geworden. Ich hau mich aufs Ohr. Morgen ist Packen angesagt. Und Abschied nehmen.

Reisen, USA

„Everybody needs some time on their own“ ….

…“ röhren die Guns `n Roses aus meinem Autoradio. Und ich gröhle mit. Heute habe ich frei. Fast den ganzen Tag!! Das hatte ich seit Amelies Geburt noch nie. Und zuerst ist es auch ungewohnt, nicht wie ein Sherpa beladen mit Wickeltasche, Buggy, Spielzeug und Gläschen durch die Gegend zu stampfen. Ich habe heute nur mich, eine Landkarte und meine Fototasche. Und das unbestimmte Gefühl mit Sicherheit irgendwas vergessen zu haben. Es ist herrlich: ich kann das Autoradio aufdrehen bis zum Anschlag, muss keine einzige Windel zu wechseln, muss nicht den Pausenclown spielen, muss mich um keine Bedürfnisse anderer kümmern – nur um meine eigenen. Schon komisch, dass das in mir ein schlechtes Gewissen auslöst. Aber das schiebe ich schnell beiseite und beschließe, diesen Tag zu genießen. Armin wird mit Amelie schon zurechtkommen! Und ich sage mir: „Vroni, das hast du dir verdient.“ Punkt.

Ich fahre zuerst ein bisschen ziellos durch eine Bilderbuchlandschaft: alte, von den ersten Siedlern gegründete Städtchen, Cranberryfelder, Verkaufsstände mit Kürbissen, verfallene Friedhöfe, Salzmarsche. Und dann bleibe ich in Sandwich hängen, die älteste Stadt auf Cape Cod. Und die gehört auf eine Postkarte. Ich habe erstmal gar keinen Blick für den lokalen Charme, denn meine primären Bedürfnisse melden sich: Hunger und Klo. Mein kurzer Geduldsfaden steht kurz vor dem Reißen, nirgends findet sich eine Toilette. Und weit laufen kann ich nicht mehr. Sich ins Gebüsch schlagen wäre hier keine gute Idee, die Amis sind da sehr empfindlich und man macht sich damit sogar strafbar.

In meiner Not schleiche ich mich in ein Nobelhotel. Und tue so, als wäre ich furchtbar an der Andenkenboutique interessiert. Ich stöbere mit geheucheltem Enthusiasmus durch Topflappen, Aschenbecher und Glasfiguren. Schließlich erkaufe ich mir mit einer Postkarte den Zutritt zu den Toiletten.

In einem Deli stärke ich mich mit einem Veggie-Wrap (Spinat, Möhren, Apfel, Sellerie, Cranberries, Erdnüsse, Käse und Paprika-Hummus), lese ein wenig in meinem Krimi und begebe mich dann auf Entdeckungsreise. Mir wird empfohlen, dass ich unbedingt das örtliche Glasmuseum besichtigen soll. Und schon meldet sich das touristische Pflichtbewusstsein: „Ja, wenn ich schon mal da bin, dann müsste ich da auch hin.“ Uff. Ich habe darauf keine Lust. Und heute ist ja MEIN Tag, der Tag, an dem ich nur das mache, auf was ich WIRKLICH Lust habe. Selbst wenn das heißen würde, dass ich die ganze Zeit in einem Cafe mit Buch vertrödelte. Und diese wunderbaren Sehenswürdigkeiten wie z.B. geschliffene Glaskaraffen tatsächlich verpassen sollte.

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Ich hänge mir meine Kamera um, laufe die Straßen rauf und runter, fotografiere, stöbere in Antiquitätenläden und Galerien. Dann fängt es das Regnen an, erst ganz leicht, später wird es stürmisch und es gießt in Strömen. Ich setze mich in ein Cafe und lese den Rest des Nachmittags. Und belausche ein wenig meine Tischnachbarinnen, die gerade beim Kaffeeklatsch (es gibt im Englischen tatsächlich den Begriff Coffeeklatsch!) ihre Scheidung durchkauen.

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„Take, take me home!“ Phil Collins` schnarrende Stimme begleitet mich auf der Rückfahrt. Ich fühle mich ein wenig sonderbar und rabenmütterlich, denn wenn ich ehrlich bin, so habe ich den ganzen Tag kaum an Amelie und Armin gedacht. So sehr habe ich jede einzelne Minute genossen. Mal wieder ganz ich selbst sein – ich brauche das öfters, um meine Batterien aufzuladen. Aber als ich dann unsere Ferienwohnung betrete, strahlen mich zwei aufgerissene blaue Augen mit soviel Freude an, dass ich ganz schnell wieder in meine Mutterrolle schlüpfe und das tue, was ich jeden Abend tue: Ausgiebig mit Amelie toben und schmusen und mit ihr den Tag ausklingen lassen.

Und als Krönung hat mir Armin als Entschädigung für meinen entgangenen Geburtstag einen Pannacotta-Pie und Prosecco besorgt. So sieht ein perfekter Tag aus!

Reisen, USA

We ♥ Whales

Heute war Armin Wale gucken. Ich bin daheim geblieben – so gerne ich Wale habe, so sehr hasse ich den Seegang. Ich hätte weniger Wale geguckt, sondern sie intensiv gefüttert……

Ihm sind 5 Buckelwale vor die Linse gekommen. Einer davon Mutter mit Kalb.

Argh! Ich schaffs leider nicht, das Video hochzuladen. Deshalb hier ein Bild, auf dem man sich den Wal halt vorstellen muss.

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Listen, Reisen, USA

Listen!

Was könnte ich über die letzten zwei Tage berichten? Ist nicht viel los. Wir gehen noch die letzten Einkäufe erledigen (Dollarkurs nutzen!) und ich trainiere mir die angefressenen Donut-Burger-Fried-Seafood-Cookie-Kalorien beim Walken ab. Was gibt es Schöneres, als am Morgen an einem sonnenbeschienen, menschenleeren Strand entlangzustapfen und Salzluft und Wind einzuatmen? Und ich bin total stolz auf mich, dass ich mich endlich aufraffen kann, Sport zu treiben. Ich wünsche mir, dass ich auch daheim die Zeit dazu finde.

Mein neuestes Hobby ist übrigens Listen schreiben. JAAA! Ich habe bei Barnes and Nobles (der hiesige Buchhändler) das Buch „Listography – My life in lists“ entdeckt. Listen geben mir ein Gefühl der Kontrolle, sie verschaffen mir Übersicht und lassen mich nachts ruhig schlafen (andererseits können sie mich manchmal tierisch unter Druck setzen). Dieses Notizbuch enthält Listen, die  -wenn sie mal ausgefüllt sind- wie eine Art Biographie sind. Da gibt es Listen für: Dinge, die ich an mir ändern möchte / Die schönsten Geschenke, die ich je erhalten habe / Dinge, die ich tun will, bevor ich sterbe / Die unvergesslichsten Freunde, die ich je hatte / Meine betrunkensten Momente (jahaaaa, die werde ich hier gerade veröffentlichen!!!) / Die Topattraktionen meiner Stadt (haha, der Waldbacher Sportplatz oder was??) / Was ich aus meinem brennenden Haus retten würde usw.

Nun sieht man mich meistens (wenn ich nicht gerade den Dennisporter Strand rauf- und runterstapfe) mit meinem Listenbuch, eifrig schreibend und einer Tasse Kaffee auf dem Sofa hockend.

Ein kleiner Auszug aus dem Buch, und zwar die Berufe, die ich gerne noch ausprobieren würde:

  • Fotografin
  • Bio-Bäuerin
  • Literaturwissenschaftlerin
  • Ozeanologin
  • Buchhändlerin
  • Ranger in einem Nationalpark
  • Cafebesitzerin
  • Eiscremetesterin
  • Journalistin
  • Kriegsberichterstatterin
  • Tauchlehrerin
  • Modelscout
  • Inneneinrichterin
  • Malerin
  • Autorin
  • Aerobic-Instructor
  • Kinderpsychologin
  • Archäologin
  • Tierpflegerin

Und in Rente gehe ich dann mit 99…….

Zu Listography gibts auch ne Homepage. Hier der Link für die, die es interessiert!: http://www.listography.com

Bonbonverkäuferin wäre auch eine Option
Bonbonverkäuferin wäre auch eine Option
Reisen, USA

I wear my sunglasses in P-Town

Heute sind wir in Provincetown – kurz P-Town. Die Schwulenmetropole Cape Cods. Auf der Suche nach Sonnenbrillen stoße ich auf diese Exemplare:

Die kommt in meine Elton-John-Gedenk-Sammlung
Die kommt in meine Elton-John-Gedenk-Sammlung
Katy-Perry-Style!
Katy-Perry-Style!

Letztendlich entscheide ich mich für diese beiden:

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Provincetown ist der Ort, an dem die ersten Siedler landeten, aber sie entschieden, dass das Klima zu rau war und segelten noch ein Stückchen weiter, zum Festland rüber. Wir haben mehr Glück als die Pilgerväter, die Sonne lacht uns entgegen. Und als wir in P-Town an einem kleinen Baumarkt vorbeifahren, fragt Armin: „Was bedeutet lumber?“ Ich: „Na, denk mal an lumberjack!“ Armin: „Könnte gut sein, dass die HIER auch verkauft werden.“ (lumberjack bedeutet Holzfäller, lumber ist das Bauholz).

Tatsächlich fällt uns dann aber auf, dass es hier mehr weibliche Pärchen gibt, als männliche. Das ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch das rauere Klima im Umgang miteinander, wir werden unfreundlicher als sonst „empfangen“. Das ärgert mich zunächst, aber dann denke ich nach: Viele Touristen kommen nach P-Town, einfach weil es ein sehr schöner Flecken ist. Und nebenbei kann man dann noch die Schwulen und Lesben „angaffen“. Da würd ich mich an ihrer Stelle fühlen wie ein seltenes Tier im Zoo. Sie können ihren Lebensstil hier frei leben, sind aber trotzdem nicht frei.

Naja, ein bisserl gaffen tu ich auch. Aber nur ganz heimlich. Und ganz  unauffällig durch meine neue Sonnenbrille.

Woran ich mich dann aber störe sind nicht die Menschen, ihr Lebensstil, ihre sexuelle Ausrichtung, sondern die Gestaltung des Marc-Jacobs-Schaufensters (Designer). Ist ja bald Halloween. Und da wird dekoriert,was das Zeug hält: Kürbisse, Totenköpfe, Spinnenweben usw. Ist alles Kindergeburtstag im Vergleich zu diesem Schaufenster. Dort hängt kopfüber ein echt aussehender, halbierter menschlicher Körper, aus dessen Bauch Plastikgedärme quellen. Und der Eingang wird von zwei kleinen furchteinflößenden Dämonen flankiert. Mir ist ganz schlecht. Und ich weiß mal wieder, warum ich diesem Feiertag so überhaupt nichts abgewinnen kann. Überhaupt, warum sollte ich etwas feiern, das einen okkulten Ursprung hat?

Klassische Deko bevorzugt!
Klassische Deko bevorzugt!

Ein paar Schritte weiter entspanne ich mich in einer Fotogalerie, in der ich mir Anregungen hole und dann mit meiner Kamera in P-Town auf Motivjagd gehe (um Plastikleichen mach ich aber einen Riesenbogen, *würg*).

Wann ist eigentlich der Zeitpunkt erreicht, wenn die erste Reisebegeisterung abklingt? Wenn das Gefühl der ersten Verliebtheit in ein Land umschlägt in eine realistischere Sichtweise? Es ist fast wie der Werdegang einer Beziehung: zunächst steht man in Flammen, begeistert sich über jede Kleinigkeit, über alles was neu, fremd und dadurch besonders anziehend wirkt. Jeder Tag ist ein Abenteuer, an dem man neues entdeckt. Man ist gerne blind den negativen Seiten gegenüber, man nimmt sie zwar wahr, leugnet sie aber. Zum späteren Zeitpunkt der Beziehung, wenn die erste Verliebtheit verflogen ist, bleibt eine Liebe zurück, die tiefer geht und ehrlicher ist. Die aber beim zwanzigsten Wasserfall (den man UNBEDINGT gesehen haben muss), gelangweilt gähnt und kostenlosen Kaffee-Refill als selbstverständlich hinnimmt.

Ich befinde mich gerade in einem Zwischenstadium. Ich merke, dass die erste Verliebtheit abflaut. Aber ich weiß auch, dass ich die USA sehr vermissen werde. Dass ich zurückkommen möchte. Wir sind gute Freunde geworden.

Ernährung, Reisen, USA

Parad-isiesch

Sonntag – Zeit für die New York Times und dazu literweise Kaffee. Mich fesselt ein Artikel über Jamie Oliver, der nun einen Kreuzzug für gesundes Essen in der ungesündesten Stadt Amerikas antritt. Dort ist jeder zweite übergewichtig. Er will beweisen, dass man mit wenigen und preiswerten Lebensmitteln ein gesundes Essen auf den Tisch zaubern kann, auch ohne den Einsatz von Fertigprodukten. Denn gerade Familien mit geringem Einkommen ernähren sich hauptsächlich von Fastfood, da die landläufige Meinung herrscht, das sei am billigsten (ist natürlich verlockend, wenn KFC damit wirbt, für 5 Dollar eine ganze Familie satt zu bekommen). Er stellt sogar fest, dass Babyfläschchen oftmals mit Kool-Aid (pappsüßes Getränk) und Cola gefüllt sind. Ich wünsche ihm ganz viel Erfolg und dass er zu einem Umdenken beiträgt.

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Bin ich einfach nur europäisch oder ist es mein seit Kindheitsbeinen anerzogenes Umweltbewusstsein, wenn ich meine Wäsche bei schönem Wetter draußen aufhänge? Hier ist das nämlich laut der Times ein Zeichen für Armut (man kann sich keinen Trockner leisten…) und eine Wäscheleine mindert den Preis eines Grundstücks oder einer Immobilie. Hier gibt es tatsächlich Gesetze, die das Aufhängen von Wäsche im Freien verbietet. Mich regt das auf. Echt! Sosehr ich die USA mag, in Sachen Umweltbewusstsein sind sie auf dem Stand von vor 40 Jahren. Blöd nur, dass sie nicht noch weitere 40 Jahre auf diese Weise weitermachen können, denn dann steht wahrscheinlich Long Island schon unter Wasser….

Langsam, ganz langsam denken die Amis um: Auf riesigen Werbetafeln wird dazu aufgefordert, das Licht in Räumen zu löschen, in denen man sich nicht aufhält.

In Yarmouth findet eine Parade zum Columbus Day statt und die lassen wir uns nicht entgehen. Mit einem deutschen Karnevalszug kann sie nicht mithalten, aber kurios finden wir sie trotzdem: Dudelsackspieler, Highschool-Bands, Cheerleader, Soldaten, Army-Witwen, Smoky, der Feueraufklärbär, Aufsitzrasenmäher, jonglierende Einradfahrer, Rad schlagende Vierrjährige, aufgebockte Fords und lustlose Pfadfinder.

Auch Rasenmäher dürfen angeben
Auch Rasenmäher dürfen angeben
Parade-Girlie!
Parade-Girlie!

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Den Nachmittag verbringen wir am Strand, ich sammle Muscheln (wofür eigentlich? Daheim bin ich dann immer ratlos, was ich mit ihnen anstelle und lege sie zu den 100.000 anderen Muscheln, die im Bad als Deko Staub fangen), Amelie spielt im Sand und Armin hat Mühe, die im Wind flatternde New York Times zu bändigen.

Auf Reisen ist immer wieder Improvisation gefragt. Besonders wenn es um Amelies wöchentliches Bad geht. Diesmal muss der Putzeimer herhalten. Und sie findet es einfach nur klasse. Erinnert sie wohl an Mamas Gebärmutter (obwohl darin sicher mehr Platz war als in diesem winzigen Eimer).

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Das amerikansiche Fernsehprogramm ist genauso schlecht wie bei uns daheim. Auch hier tänzelt die unerträgliche Heidi Klum durch Magermodeldesignercastingshows. Und beim Diet-Tribe geht es um 5 dicke (also im wahrsten Sinne des Wortes) Freundinnen, die einen Pakt schließen, gemeinsam abzunehmen, aber *Hand-empört-vor-den-Mund-schlag* heimlich bescheißen. Ich bin am Boden vor Enttäuschung zerstört: Stromberg ist eine eins-zu-eins-kopierte Sendung aus den USA. Hier heißt sie „Office“ und hat genau die gleiche Kameraführung, Mimik und Charaktere wie Stromberg. Und ich dachte, da war ein deutscher Drehbuchautor mal ganz originell. Wir sind doch amerikanisierter, als wir denken…..