Reisen, USA

Ein perfekter Tag

Penobscot Bay

Es kann nicht jeden Tag die Sonne auf zwei Glatzen und ein braunbehaartes Haupt scheinen. Seit letzter Nacht platscht neuenglischer Dauerregen aufs Dach. Also, ein russisches Trommelfeuer ist nichts dagegen! Trotz Ohropax dringt der Lärm in meinen empfindlichen Gehörgang. Aber Amelie hingegen schläft tief und selig, sei es ihr gegönnt!

Und so verbringen wir den Vormittag in der dicken Berta. So haben wir übrigens unser Wohnmobil getauft.

Ich mag das Wetter. Es lädt ein, sich dicke Wollsocken anzuziehen, heiße Schokolade (natürlich neuerdings mit Marshmallows!) zu trinken, sich in einen dicken Schmöker zu vertiefen oder Museen zu besichtigen. Andererseits ist es unser einziger richtiger Tag an der Penobscot Bay, und da wollten wir uns eigentlich einiges anschauen. Statt den deutschen Motzmodus einzuschalten, verfahren wir nach dem optimistisch-amerikanischen Prinzip: Make the best of it.

Und so rumpeln die dicke Berta und wir drei nach Camden, einem kleinen Küstenort mit wunderschönem Hafen, in dem Dutzende Segelschiffe schaukeln. Heute ist nicht viel los. Der Regen hat sich zwar verzogen, aber es ist nassgrau und neblig. Wie ich finde, das absolut passende Wetter für so einen Ort. So wie zu einer Bäckerei der Duft nach frischem Brot und zu einem Schwimmbad das Kreischen kleiner Kinder gehört.

Ich gehe meiner Leidenschaft nach und fotografiere, was das Zeug hält. Nervig ist nur das Filmeinlegen und Objektivwechseln. Boote, Hauseingänge, Amelie, Autos – alles wird Opfer meiner Linse. Wir stöbern noch ein wenig in einem Buchladen. Amelie entdeckt dort einen kleinen Spielbrunnen, in den sie sich setzt und partout nicht mehr heraus will. Kein Wunder, denn unter dem Plexiglasboden rauscht ein Fluss entlang. Sie kreischt vor Vergnügen, Armin hält sie im halben Schwitzkasten (und kommt dabei selbst gehörig ins Schwitzen) und ich stapele geistesabwesend Bücher aufeinander.

Camden
Camden

Snickerdoodles! Wenn ein Cookie so heißt, muss er gekauft und gegessen werden. Nur ist Armin total enttäuscht, dass dieser Keks nicht mit Snickers gefüllt ist, sondern sich als öder Butterkeks entpuppt. Ich lache noch, als wir bereits auf dem Weg nach Rockland sind.

Hatte ich mich gestern beschwert, dass ich zu wenig richtige Reise- und Kulturerlebnisse habe? Irgendjemand versucht mich heute versöhnlich zu stimmen, denn ich bekomme die volle Packung ab. In Rockland stellen wir uns an den verlassenen Hafen und während Armin Amelie hütet, gehe ich ins Farnsworth Art Museum und fühle mich unheimlich Avantgarde, als ich die Bilder amerikanischer Künstler wie z.B. Edward Hopper und Rockwell Kent betrachte. Es sind Bilder aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die fast allesamt an der Küste und auf den Inseln Neuenglands gemalt wurden. Sie spiegeln das einzigartige Licht und die Rauheit der Natur wider. Die Besonderheit des Museums aber ist ein Bibliotheksraum, der hunderte von Kunstbänden enthält. Er ist im alten Stil eingerichtet, mit Kamin und dicken abgewetzten Ledersesseln davor. Ich sinke genau dorthinein und könnte auf der Stelle einschlafen. Museumsbesuche machen mich immer ungeheuer müde, denn mein Hirn muss nun erstmal alles Gesehene ordnen und am richtigen Ort abspeichern.

Irgendwann, wenn ich mal groß bin, dann will ein Haus im neuenglischen Stil (hatte ich das schon erwähnt??) und mit genauSO einer Bibliothek! Und um mir das leisten zu können, mache ich vorher ein Büchercafe auf (Sina, bist du noch mit dabei??). Prompt begegnet mir auf dem Rückweg genauso ein Cafe, in das ich dann mit kindischer Begeisterung Armin und Amelie schleife. Gibt es so was eigentlich in Deutschland? Also, ein Cafe, wo es nicht nur Kaffee gibt, sondern auch sauleckeres Gebäck, gemütliche Sitzecken und Regale voller gebrauchter Bücher, in denen man dann bei Cappuccino und Blaubeerscones stundenlang blättern kann. Niemand ermahnt einen, dass diese Bücher dann auch gekauft werden müssen. Man darf sie ohne schlechtes Gewissen wieder ins Regal stellen und seiner Wege gehen. Wehe, jemand klaut mir diese Geschäftsidee – ich finde, das ist eine echte Kultur- und Marktlücke in Deutschland!

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Ach, was für ein perfekter Tag – alles, was mich begeistert, durfte ich heute erleben (ok, abgesehen von einem U2-Konzert…) Und die Sahnehaube des Tages: wir erhalten für unseren abgefackelten Subaru von der Versicherung mehr Geld, als erwartet und in Deutschland regiert Schwarz-Gelb (You rock, Angie!)

Ein Gedanke zu „Ein perfekter Tag“

  1. Liebste Vroni,
    ich will dich ja nun nicht enttäuschen, aber in Regensburg gibt’s so eine Art Büchercafé, auch wenn es unheimlich klein ist und sich nicht so toll anhört, wie deine Vision. (Darf ich mein Studentenleben als Bedienung in jenem Café dann aufbessern, bitte, ja?) Es heißt: Letterario. Finde einen besseren Namen, einen besseren Ort und backe dieses tolle Gebäck, von dem du berichtet hast. Ich werde dein erster Fan!

    Steffi, die jetzt ganz schnell weiter nachlesen muss…

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