Liebeserklärung auf Amerikanisch

Wells Beach – Penobscot Bay

Die Kälte kriecht nachts durch alle Fensterritzen und brennt in Nase und Lunge. Trotz mehrerer Kleidungsschichten bin ich durchgefroren bis auf die Knochen (auf die Idee, die Heizung anzumachen, komme ich nicht. Ist zu umständlich und überhaupt viel zu kalt, um aus dem Bett zu kriechen). Nur Amelie findet in dieser Nacht ungestörten Schlaf, ich habe sie dick eingepackt und so liegt sie neben mir wie ein zu klein geratenes Michelinmännchen. Andererseits freue ich mich über die Kälte, denn sie ist notwendig, damit die Blätter sich bunt färben.

Wir haben mittlerweile unsere Routine gefunden. Vor jeder Abfahrt sind viele Handgriffe zu tun, damit alles ordentlich verstaut ist und uns während der Fahrt kein vergessener Kaffeebecher, Wasserkanister oder meine Vanilleduftkerze (man wills ja auch a bisserl gemütlich haben, gell?) um die Ohren fliegt. Und „abhooken“ müssen wir auch (also Wasserschlauch und Elektrokabel aus den dafür vorgesehenen Buchsen zu entfernen, die es an jedem Campingplatz gibt). Was wäre das für ein Anblick, wenn mir mit einem Rattenschwanz an Kabeln, Schläuchen und der campingplatzeigenen Hook-up-Buchse durch die Gegend klapperten! Das erinnert mich übrigens an die Geschichte, als unser Nachbar mal vergaß, den Tankschlauch aus dem Tankstutzen zu nehmen und die halbe Tankstelle mitschleifte.

Next Stop: Kennebunkport. Dort interessiert mich das 1826 erbaute Wedding Cake House, denn das hat eine kuriose Geschichte: Der gute alte George Bourne wurde kurz vor seiner Hochzeit unerwartet zur Marine berufen. Die Trauung wurde also im Eiltempo vollzogen – sozusagen eine Drive-Thru-Hochzeit a la Vegas. Sorry, meine liebe Braut – keine Zeit für eine Hochzeitstorte! Aber um meine Schnitte gnädig zu stimmen, lass ich’s ordentlich krachen. Ich backe ihre keine Torte, nein ich BAUE ihr eine – in Form eines Hauses. Auf Denglisch würde ich das so kommentieren: How horny is that then?!

Das Tortenhaus
Das Tortenhaus

Wir haben an diesem Tag noch eine ordentliche Wegstrecke zu bewältigen und so lotse ich uns zurück auf die Interstate 95. Auf dem Weg dorthin kommen wir noch einige Male am Wedding Cake House vorbei. Und wissen jedes Mal: Mist, verfahren!

Pause in Kennebunk
Pause in Kennebunk

Bisher hatte ich von Maine nur das Stephen-King-Klischee im Kopf. Düsteres, von Vampiren und Psychos bewohntes Land. Aber was wir sehen, lässt mich das alles vergessen und ich habe das Gefühl durch wilde und unberührte Natur zu reisen. Schweden ist dagegen ein Dreck (sorry an alle Schwedenfans).

Ich  bin ein bisschen frustriert – ganz ehrlich. Denn bisher war ich es gewohnt, auf meinen Reisen in das Land richtig einzutauchen, mir Zeit zu nehmen Leute kennenzulernen, Landschaft zu erwandern und zu fotografieren, neue Gerichte zu erschmecken, Denkart und Kultur zu betrachten. Mit Kind zu reisen bedeutet aber, all diese Dinge nur zu streifen. Und das ist für mich unbefriedigend und erfordert ein Umdenken und Anpassen meiner ursprünglichen Pläne: Tempo rausnehmen, großzügig auslassen und das genießen, was möglich ist. Dabei hilft mir meine Lieblingsstelle aus der Bibel, die mich schon so oft getröstet hat: „Alles hat seine Zeit (..) Für alles auf der Welt hat Gott schon vorher die rechte Zeit bestimmt (…) So kam ich zu dem Schluss, dass es für den Menschen nichts Besseres gibt, als sich zu freuen und das Leben zu genießen.“ (Prediger 3, 1 – 12) Und so ist halt gerade Familien- und Ameliezeit.

Armin und ich beschließen abends am Lagerfeuer, dass wir später, wenn wir wieder unabhängiger sind, ein Stück auf dem Appalachian Trail wandern wollen. Der startet in Georgia und erstreckt sich 3500 km bis ins nördliche Maine. Ca. 400 Mutige wandern jährlich die komplette Strecke. Zwei Bücher haben mich inspiriert: eines davon von einem Blinden, der den ganzen Trail abwanderte und das andere heißt „Frühstück mit Bären“ von Bill Bryson, das brüllend komisch ist.

3 Kommentare zu „Liebeserklärung auf Amerikanisch

  1. So wir nochmals. Richt Amelie viele Grüße von Loana aus, sie hat mit gelesen und sich tierisch gefreut dass es Amelie so gut gefällt und sie auch schon im Meer war :-)!
    Dicke Umarmung!!!

  2. Hi Veronika,
    danke für deine mail.
    Euer Blog ist toll, da hab ich jetzt doch glatt meine Arbeit liegen lassen um gleich alles zu lesen…
    Pflanzen leben noch alle und Muffin wird gehütet wie der Augapfel eines Einäugigen….
    Genießt Eure Zeit als Familie so lang zusammen sein zu können.
    Liebe Grüße auch vom Rest der Familie
    Stefanie

  3. Hallo Vroni!
    Herzlichen Glückwunsch nachträglich zu deinem Geburstag!
    Ihr seid mit eurer Amerikareise zu beneiden. Wir lieben ja auch das Land und würden gerne mal wieder hin. Aber erst wenn wir alle groß sind. 🙂

    Herzliche Grüße aus dem Ruhrgebiet
    Olga

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