Listen, Reisen, USA

15 Dinge, die ich an dir hasse

Glen (White Mountains)

Was ich an den USA weniger schätze:

  1. Hershey’s Schokolade (ganz ehrlich, die schmeckt nach frisch Erbrochenem!)
  2. Amerikanische Betttücher (was ist so schwer daran, Spannbetttücher herzustellen?)
  3. Das zum Teil noch mangelnde Umweltbewusstsein (muss jeder Pups und Kaugummi in eine Extra-Plastiktüte verpackt werden?)
  4. Die Schilderwälder, die mehr verwirren, als informieren (auf 500 m Highway kommen ca. 10 Werbetafeln. Angeblich sollen die in Vermont verboten sein, um die Landschaft nicht zu verschandeln. Ich bin gespannt!)
  5. Die teilweise grottenschlechten Straßen
  6. Die Konsumgeilheit (ok, da hinken wir Deutschen nicht weit hinterher….)
  7. Dass alles und jedes sofort und auf Pump gekauft werden muss (siehe auch Punkt 6). Schulden machen als Volkssport.
  8. Es gibt tatsächlich in der Drogerie VISA-Kreditkarten mit Guthaben. Weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll.
  9. Den Schaden, den die Bush-Regierung in der Welt verursacht hat.
  10. Waschmaschinen, die nicht gründlich waschen (bin halt Miele-verwöhnt)
  11. Dass Amis über unsere europäischen Kleinwagen lachen.
  12. Dass wir Deutschen nie aus Deutschland kommen, sondern immer gleich aus „Bavaria“. Und dort natürlich aus „Munich“, wo das „Beerfest“ stattfindet.
  13. Ok, Punkt 12 ist nicht ganz richtig. Wenn ich Stuttgart erwähne, dann ist natürlich auch vielen „Daimler-Chrysler“ ein Begriff.
  14. Die Jerry-Springer-Show
  15. Das amerikanische Gesundheitssystem (und ich drücke Obama die Daumen, dass er die gewaltige Aufgabe einer Reform hinbekommt).
Familie, Reisen, USA

In Bear Country

Penobscot Bay – Glen (New Hampshire)

Alter Schwede, ist der Sprit billig in den USA (diese Aussage würde bei 99% der Amis zu einem Aufschrei der Entrüstung führen)!!! Aber so ist es, eine Tankfüllung der dicken Berta kostet uns umgerechnet ca. 80 Euro. Ha, soviel hat es zu besten Zeiten gekostet meinen prächtigen Ex-Honda zu befüllen.

Heute haben wir die größte Wegstrecke zu bewältigen und sind schon früh auf den Beinen. Aber bevor Armin die dicke Berta anschmeißt, gehe ich mit Amelie noch zum Meer hinunter. Der abschüssige Weg wird rechts von einem kleinen Wasserfall gesäumt, der dann rauschend ins Meer stürzt. Es ist so traumhaft schön hier, besonders heute Morgen, denn die hervorbrechende Sonne taucht den noch nassen Wald in glanzvolles Licht.

In den letzten Tagen haben sich Armin und ich immer wieder angenervt – es erfordert ein hohes Maß an Toleranz und Geduld, wenn man auf engstem Raum zusammenwohnt und gemeinsam alles organisieren muss. So kann die Suchaktion nach der verlegten Sonnenbrille schnell zum Zündstoff werden („Boah, ist ja klar, dass dir das bei deiner Unordnung passiert!!“) Oder die Anfrage, wer als nächstes Amelies Stinkewindel entsorgen darf. Oder die Frage, ob es nach Gray rechts oder links abgeht (Armin: „Wir müssen rechts.“ Ich – sehr bestimmt: „Quatsch nicht, das sieht doch ein Blinder mit Krückstock! Es geht nach links. Mach die Glotzer auf und guck auf das Schild vor uns!“ Amelie: „Da-da-da-da-da!“ Armin: „Ähm, Vroni, auf dem Schild steht, es geht nach rechts.“ Ich: „Nein, tut es nicht!“ Armin: „Hä? Tut es freilich!“ Ich: „Jetzt bieg endlich links ab!!“ Und hinter uns stauen sich die geduldigen amerikanischen Autofahrer, die wohl angesichts der dicken Berta und ihrer verwirrten Crew Nachsicht walten lassen. Um das Rätsel aufzulösen: Es ging natürlich rechts ab. Punkt an Armin). Es ist Eheleben und manchmal auch Eheleiden. Aber wir kommen mit jedem Tag besser klar und heute ist so ein Tag, an dem wir in bester Laune und ehelicher Einvernehmlichkeit gen Westen fahren.

Mittags machen wir bei Subway Halt und holen uns ein Sandwich. Wie war das eigentlich bei meinem jungferlichen ersten Subwaybesuch vor einigen Jahren in Australien? Ich glaube, ich stand mit knallrotem Kopf vor dem Tresen und war sichtlich überfordert, mit der Auswahl an Brotsorten, Belägen, Gemüse, Käseoptionen und Soßen, die in Sekundenschnelle auf mich abgefeuert wurde und eine ebenso schnelle Reaktion erforderte. Irgendwie schien jeder in der Reihe vor mir routiniert zu wissen, wie dieser geheimnisvolle und höchst komplizierte Bestellprozess vor sich zu gehen hatte – nur mir fehlte dieses Wissen und so stotterte ich hilflos herum, bis ich mein Thunfisch-Sub in den Händen hielt. Jahrelang bestellte ich immer dasselbe, aus Angst, dass meine hart eingeübte Souveränität durch die geringste Abweichung von dem Gewohnten ins Wanken geraten könnte. Armin kommt mit einem buntgefülltem Sandwich zurück, von dem er selbst nicht weiß was da jetzt eigentlich drauf gelandet ist (nur die Verkäuferin hatte bei seiner hilflosen Bestellung etwas irritiert geschaut).

Der Genuss meines Subs hält nicht lange an, denn ein Notfall erfordert mein schnelles Eingreifen. Nein, diesmal handelt es sich nicht um eine Amelie-hat-den-Brei-der-letzten-drei-Tage-verdaut-Attacke, sondern um etwas olfaktorisch weit aus Schlimmeres: das Ammoniak-Putzmittel ist unter der Spüle ausgelaufen und verbreitet seinen bestialisch-beißenden Gestank. Dagegen sind Amelies Hinterlassenschaften wahre Rosenbeete! Ich putze die Sauerei hektisch auf, das Ammoniak beißt sich in Nase und Lunge fest. Auf der Weiterfahrt fühle ich mich benommen, regelrecht high. Und gleichzeitig ist mir übel. Ich habe eine Überdosis Ammoniak abbekommen und sehne mich nach meinem guten deutschen Essigreiniger.

Unser Endziel sind heute die White Mountains in New Hampshire. Das erste, was uns auf unserem Campingplatz ins Auge springt, sind Warnplakate vor Bären. Na prima. Als ich mich dann nach Sonnenuntergang noch alleine ins Freie setze, ist mir dabei unheimlich zumute. Ständig drehe ich mich nervös um, könnte ja sein, dass ein unwirscher Braunbär oder ein irrer Massenmörder mir seinen todbringenden Atem ins Genick haucht. Das einzige, das mich aber attackiert, sind wie immer die lästigen Stechmücken. Trotzdem fühle ich mich heute Abend sicherer in der dicken Berta. Hoffe, heute Nacht klopft kein hungriger Bär an mein Fenster – irgendwie ist mir schon mulmig zumute, denn uns würde nur eine dünne Metallwand trennen, die für kräftige Bärentatzen sicherlich kein zu großes Hindernis darstellen würde. Grusel.

Reisen, USA

Ein perfekter Tag

Penobscot Bay

Es kann nicht jeden Tag die Sonne auf zwei Glatzen und ein braunbehaartes Haupt scheinen. Seit letzter Nacht platscht neuenglischer Dauerregen aufs Dach. Also, ein russisches Trommelfeuer ist nichts dagegen! Trotz Ohropax dringt der Lärm in meinen empfindlichen Gehörgang. Aber Amelie hingegen schläft tief und selig, sei es ihr gegönnt!

Und so verbringen wir den Vormittag in der dicken Berta. So haben wir übrigens unser Wohnmobil getauft.

Ich mag das Wetter. Es lädt ein, sich dicke Wollsocken anzuziehen, heiße Schokolade (natürlich neuerdings mit Marshmallows!) zu trinken, sich in einen dicken Schmöker zu vertiefen oder Museen zu besichtigen. Andererseits ist es unser einziger richtiger Tag an der Penobscot Bay, und da wollten wir uns eigentlich einiges anschauen. Statt den deutschen Motzmodus einzuschalten, verfahren wir nach dem optimistisch-amerikanischen Prinzip: Make the best of it.

Und so rumpeln die dicke Berta und wir drei nach Camden, einem kleinen Küstenort mit wunderschönem Hafen, in dem Dutzende Segelschiffe schaukeln. Heute ist nicht viel los. Der Regen hat sich zwar verzogen, aber es ist nassgrau und neblig. Wie ich finde, das absolut passende Wetter für so einen Ort. So wie zu einer Bäckerei der Duft nach frischem Brot und zu einem Schwimmbad das Kreischen kleiner Kinder gehört.

Ich gehe meiner Leidenschaft nach und fotografiere, was das Zeug hält. Nervig ist nur das Filmeinlegen und Objektivwechseln. Boote, Hauseingänge, Amelie, Autos – alles wird Opfer meiner Linse. Wir stöbern noch ein wenig in einem Buchladen. Amelie entdeckt dort einen kleinen Spielbrunnen, in den sie sich setzt und partout nicht mehr heraus will. Kein Wunder, denn unter dem Plexiglasboden rauscht ein Fluss entlang. Sie kreischt vor Vergnügen, Armin hält sie im halben Schwitzkasten (und kommt dabei selbst gehörig ins Schwitzen) und ich stapele geistesabwesend Bücher aufeinander.

Camden
Camden

Snickerdoodles! Wenn ein Cookie so heißt, muss er gekauft und gegessen werden. Nur ist Armin total enttäuscht, dass dieser Keks nicht mit Snickers gefüllt ist, sondern sich als öder Butterkeks entpuppt. Ich lache noch, als wir bereits auf dem Weg nach Rockland sind.

Hatte ich mich gestern beschwert, dass ich zu wenig richtige Reise- und Kulturerlebnisse habe? Irgendjemand versucht mich heute versöhnlich zu stimmen, denn ich bekomme die volle Packung ab. In Rockland stellen wir uns an den verlassenen Hafen und während Armin Amelie hütet, gehe ich ins Farnsworth Art Museum und fühle mich unheimlich Avantgarde, als ich die Bilder amerikanischer Künstler wie z.B. Edward Hopper und Rockwell Kent betrachte. Es sind Bilder aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die fast allesamt an der Küste und auf den Inseln Neuenglands gemalt wurden. Sie spiegeln das einzigartige Licht und die Rauheit der Natur wider. Die Besonderheit des Museums aber ist ein Bibliotheksraum, der hunderte von Kunstbänden enthält. Er ist im alten Stil eingerichtet, mit Kamin und dicken abgewetzten Ledersesseln davor. Ich sinke genau dorthinein und könnte auf der Stelle einschlafen. Museumsbesuche machen mich immer ungeheuer müde, denn mein Hirn muss nun erstmal alles Gesehene ordnen und am richtigen Ort abspeichern.

Irgendwann, wenn ich mal groß bin, dann will ein Haus im neuenglischen Stil (hatte ich das schon erwähnt??) und mit genauSO einer Bibliothek! Und um mir das leisten zu können, mache ich vorher ein Büchercafe auf (Sina, bist du noch mit dabei??). Prompt begegnet mir auf dem Rückweg genauso ein Cafe, in das ich dann mit kindischer Begeisterung Armin und Amelie schleife. Gibt es so was eigentlich in Deutschland? Also, ein Cafe, wo es nicht nur Kaffee gibt, sondern auch sauleckeres Gebäck, gemütliche Sitzecken und Regale voller gebrauchter Bücher, in denen man dann bei Cappuccino und Blaubeerscones stundenlang blättern kann. Niemand ermahnt einen, dass diese Bücher dann auch gekauft werden müssen. Man darf sie ohne schlechtes Gewissen wieder ins Regal stellen und seiner Wege gehen. Wehe, jemand klaut mir diese Geschäftsidee – ich finde, das ist eine echte Kultur- und Marktlücke in Deutschland!

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Ach, was für ein perfekter Tag – alles, was mich begeistert, durfte ich heute erleben (ok, abgesehen von einem U2-Konzert…) Und die Sahnehaube des Tages: wir erhalten für unseren abgefackelten Subaru von der Versicherung mehr Geld, als erwartet und in Deutschland regiert Schwarz-Gelb (You rock, Angie!)

Reisen, USA

Liebeserklärung auf Amerikanisch

Wells Beach – Penobscot Bay

Die Kälte kriecht nachts durch alle Fensterritzen und brennt in Nase und Lunge. Trotz mehrerer Kleidungsschichten bin ich durchgefroren bis auf die Knochen (auf die Idee, die Heizung anzumachen, komme ich nicht. Ist zu umständlich und überhaupt viel zu kalt, um aus dem Bett zu kriechen). Nur Amelie findet in dieser Nacht ungestörten Schlaf, ich habe sie dick eingepackt und so liegt sie neben mir wie ein zu klein geratenes Michelinmännchen. Andererseits freue ich mich über die Kälte, denn sie ist notwendig, damit die Blätter sich bunt färben.

Wir haben mittlerweile unsere Routine gefunden. Vor jeder Abfahrt sind viele Handgriffe zu tun, damit alles ordentlich verstaut ist und uns während der Fahrt kein vergessener Kaffeebecher, Wasserkanister oder meine Vanilleduftkerze (man wills ja auch a bisserl gemütlich haben, gell?) um die Ohren fliegt. Und „abhooken“ müssen wir auch (also Wasserschlauch und Elektrokabel aus den dafür vorgesehenen Buchsen zu entfernen, die es an jedem Campingplatz gibt). Was wäre das für ein Anblick, wenn mir mit einem Rattenschwanz an Kabeln, Schläuchen und der campingplatzeigenen Hook-up-Buchse durch die Gegend klapperten! Das erinnert mich übrigens an die Geschichte, als unser Nachbar mal vergaß, den Tankschlauch aus dem Tankstutzen zu nehmen und die halbe Tankstelle mitschleifte.

Next Stop: Kennebunkport. Dort interessiert mich das 1826 erbaute Wedding Cake House, denn das hat eine kuriose Geschichte: Der gute alte George Bourne wurde kurz vor seiner Hochzeit unerwartet zur Marine berufen. Die Trauung wurde also im Eiltempo vollzogen – sozusagen eine Drive-Thru-Hochzeit a la Vegas. Sorry, meine liebe Braut – keine Zeit für eine Hochzeitstorte! Aber um meine Schnitte gnädig zu stimmen, lass ich’s ordentlich krachen. Ich backe ihre keine Torte, nein ich BAUE ihr eine – in Form eines Hauses. Auf Denglisch würde ich das so kommentieren: How horny is that then?!

Das Tortenhaus
Das Tortenhaus

Wir haben an diesem Tag noch eine ordentliche Wegstrecke zu bewältigen und so lotse ich uns zurück auf die Interstate 95. Auf dem Weg dorthin kommen wir noch einige Male am Wedding Cake House vorbei. Und wissen jedes Mal: Mist, verfahren!

Pause in Kennebunk
Pause in Kennebunk

Bisher hatte ich von Maine nur das Stephen-King-Klischee im Kopf. Düsteres, von Vampiren und Psychos bewohntes Land. Aber was wir sehen, lässt mich das alles vergessen und ich habe das Gefühl durch wilde und unberührte Natur zu reisen. Schweden ist dagegen ein Dreck (sorry an alle Schwedenfans).

Ich  bin ein bisschen frustriert – ganz ehrlich. Denn bisher war ich es gewohnt, auf meinen Reisen in das Land richtig einzutauchen, mir Zeit zu nehmen Leute kennenzulernen, Landschaft zu erwandern und zu fotografieren, neue Gerichte zu erschmecken, Denkart und Kultur zu betrachten. Mit Kind zu reisen bedeutet aber, all diese Dinge nur zu streifen. Und das ist für mich unbefriedigend und erfordert ein Umdenken und Anpassen meiner ursprünglichen Pläne: Tempo rausnehmen, großzügig auslassen und das genießen, was möglich ist. Dabei hilft mir meine Lieblingsstelle aus der Bibel, die mich schon so oft getröstet hat: „Alles hat seine Zeit (..) Für alles auf der Welt hat Gott schon vorher die rechte Zeit bestimmt (…) So kam ich zu dem Schluss, dass es für den Menschen nichts Besseres gibt, als sich zu freuen und das Leben zu genießen.“ (Prediger 3, 1 – 12) Und so ist halt gerade Familien- und Ameliezeit.

Armin und ich beschließen abends am Lagerfeuer, dass wir später, wenn wir wieder unabhängiger sind, ein Stück auf dem Appalachian Trail wandern wollen. Der startet in Georgia und erstreckt sich 3500 km bis ins nördliche Maine. Ca. 400 Mutige wandern jährlich die komplette Strecke. Zwei Bücher haben mich inspiriert: eines davon von einem Blinden, der den ganzen Trail abwanderte und das andere heißt „Frühstück mit Bären“ von Bill Bryson, das brüllend komisch ist.

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Heute bleiben wir daheim

Ich hab den optimalen Durchblick
Ich hab den optimalen Durchblick

Warum ich Amerika mag:

  1. Der Himmel, der so ganz anders ist als bei uns. Er ist weiter, majestätischer und verspricht Freiheit und Grenzenlosigkeit.
  2. Ben and Jerry’s Icecream
  3. Freundlicher Service
  4. Hummer  (ach, die armen Gesellen tun mir so leid)
  5. Shoppen (das ist für mich in Deutschland immer ein Graus – siehe Vortag)
  6. Starbucks Drive-In
  7. Ben and Jerry’s Icecream
  8. Die höhere Eigenverantwortung und Selbstbestimmung des Einzelnen (im Gegensatz zu uns Deutschen, wo wir bei jedem Pups nach Vater Staat rufen).
  9. Holzhäuser
  10. Chipmunks (Streifenhörnchen….also die kleinen putzigen Tierchen, mal ausnahmsweise nix zum Essen)
  11. Heiße Schokolade mit Marshmallows
  12. Obama
  13. Ne Menge amerikanischer Schriftsteller (angefangen bei Bill Bryson – jeder sollte ihn lesen! – bis hin zu Henry David Thoureau, dessen Buch Walden ich gerade lese. Schwere Kost.)
  14. Ben and Jerry’s Icecream
  15. New York
  16. Jaaaaa, ich geb’s zu, ich steh heimlich auf Country!
  17. Hier wird man nicht schräg angeguckt, wenn man sagt, dass man Christ ist (man erntet stattdessen zustimmendes Nicken und ein „God bless you“
  18. Breite Parkplätze
  19. Kostenloser Kaffee-Refill
  20. Muss niemanden mit Sie anreden
  21. Serien wie „Gilmore Girls“ oder „Friends“
  22. Audrey Hepburn (ach Mist, die ist ja Britin…aber ich liiiiebe sie als Holly Golightly!)
  23. Ben and Jerry’s Icecream
Reisen, USA

Von Muscheln und The Gap

Cape Ann (Massachusetts) – Wells Beach (Maine)

“Lust auf frittierte Muscheln?” So lautet meine Anfrage an Armin und meinen verwöhnten Gaumen. Aber da ist kaum noch Platz zwischen Nachos mit Salsa und den Chocolate Chip Cookies, die gerade in unseren Mägen gären.

Wir sind gerade unterwegs auf dem Highway 1 die Küste entlang. Eines der hartnäckigsten Klischees über die USA ist, dass sich die Amis nur von Fast Food ernähren und man kaum eine andere, gesündere Alternative findet. Das trifft auch zu, reist man auf der Interstate, wo sich ein Burgerschuppen an den nächsten reiht. Wir aber fahren auf dieser kleinen Landstraße, wo man an jeder Ecke frischen Hummer, frittierte Muscheln, Fischsuppe, Jakobsmuscheln und Farmgemüse direkt vom Bauernstand erhält. Das Meeresgetier – ist klar – hat noch vor ein paar Stunden fröhlich an Algen geknabbert und nichts von seinem Fritteusenschicksal geahnt. So frisch sind hier unsere Freunde aus dem Meer.

Aber Amelie schläft in ihrem Kindersitz, halten wir an, wacht sie auf. Das wollen wir nicht riskieren und lassen stattdessen ein uramerikanisches Panorama an uns vorüberziehen: Kleine idyllische Städtchen, in denen ich überall gerne Halt gemacht, in den Antiquitätenläden gestöbert und in einem altmodischen Candystore Fudge gekauft hätte. „Wenn wir irgendwann man in die USA ziehen sollten, dann will ich in Neuengland wohnen! Oder wir bauen uns so ein Holzhaus mit Veranda in Deutschland!!“

Nirgendwo an der Straße sehe ich hässliche, nur dem Zweck dienliche Häuser. Wir meinen, das liegt wohl daran, dass weder Krieg noch Abrisswahn der 60er und 70er Jahre hier gewütet haben. Stattdessen ist man sich hier sehr bewusst, dass sich die Architektur der Landschaft anpassen muss. Und so pflegt man das Erbe mit allergrößter Hingabe und das Ergebnis sind Orte, an denen man verweilen will….nein, wo man sofort hinziehen möchte!

In Kittery, Maine verweilen wir nicht, weil es dort besonders schön wäre. Sondern weil dort das Shangri-La der Shoppingsüchtigen liegt. Armin hat Mühe, mit mir Schritt zu halten, als ich im preußischen Schnellstechschritt das Gap-Outlet ansteuere. Irgendetwas passiert mit mir, wenn ich die Tür dieses Ladens durchschreite. Als säße dahinter ein Hypnotiseur, der mir suggeriert: „Dein Kleiderschrank ist leer, wir erfüllen dir jeden Wunsch hier, nimm einen Tragekorb und geh nicht eher, bis deine Kreditkarte glüht.“ Mit glasigen Augen greife ich nach dem Korb, in den der Grand Canyon passen würde und vergesse, dass ich Armin und Amelie im Schlepptau habe. Erst in der Umkleide, bei Kleidungsstück Nr. 19 höre ich ein mir bekanntes Quaken. Amelie! Meine Tochter! Ich rase hinaus, mir völlig egal, dass ich barfuß und nur halbbekleidet bin! Da kämpft Armin gerade mit unserer müden Tochter, die heult und im Gegensatz zu ihrer Mama null Gefallen am Shoppen findet. Egal, ich stopfe ihr hektisch eine Dinkelstange in den Mund und weiter geht’s. Vor dem Spiegel habe ich Tränen des Glücks in den Augen. Noch so eine Sache, die ich an Amerika LIEBE: alle Sachen passen. Sogar die drei Jeans. Und nicht nur passen, sie sitzen richtig gut, nichts zwickt oder quillt unansehnlich raus. (Und der Blick aufs Preisschild lässt mich fast ins Glücksdelirium fallen). WARUM gibt es das nicht auch in Deutschland?? Mode, die für jede Art von Frau gemacht ist?? Sitzen dort an den Schneide- und Designtischen Menschen, die Lust daran haben, Frauen mit Hosengrößen über 40 dahingehend zu manipulieren, dass sie glauben, sie seien fette Quallen?

Ein Stück südlich von Kennebunkport (wo der Sommersitz des Bush-Clans liegt) machen wir auf einem Campingplatz am Meer Halt. Die letzten Tage wurden wir vom Wetter richtig verwöhnt, da waren noch die letzten Nachwehen des Sommers mit Hitze und Schwüle zu spüren. Hier oben in Maine scheint zwar auch die Sonne vom stahlblauen Himmel, aber nachts wird es empfindlich kalt. Aber die Kälte bekämpfen wir mit Lagerfeuer und Ben and Jerry’s Icecream (wo gibt es sooo geile Eissorten, wo das Eis mit Waffelstückchen und Caramelcreme durchsetzt ist??).

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Familie, Reisen, USA

Fuck the Klischee

Cape Ann – Gloucester – Rockport

Um 3:15 Uhr bin ich wach. Wälze mich hin und her. Alle Versuche, mich zum Einschlafen zu bringen sind fruchtlos und so warte ich ab, bis das erste graue Morgenlicht zwischen den Bäumen erscheint. Ich brauche Kaffee und bin enttäuscht von der dünnen Suppe, die ich gebraut habe. Bäh. Missmutig sitze ich an unserem Campingtisch. Als dann aber die ersten Morgenstrahlen durch die Bäume brechen und alles in goldenes Licht tauchen, komme ich in Reisestimmung. Die Art von Stimmung, die mich an fremden Orten manchmal überfällt und mich mit Neugier und unbändiger Lebensfreude erfüllt. Die Freude wird aber immer wieder von den alltäglichen Pflichten und Aufgaben gedämpft, die mir auch im Urlaub nicht erspart bleiben. Kind stillen, wickeln, kochen, abwaschen, aufräumen, putzen. Armin ist zuständig für die technischen Seiten unseres Campinglebens: Abwasser entsorgen, Feuerholz besorgen, den Wasserstand kritisch begutachten und darüber hinaus fungiert er als Spaßmacher für Amelie.

Nach diesen profanen Tätigkeiten können wir am Vormittag endlich aufbrechen und mit unserem klobigen Wohnmobil über enge Straßen und durch malerische Städtchen poltern. Nicht weit von unserem Campingplatz liegt ein menschenleerer Strand. Das Wetter meint es gut mit uns und so darf Amelie zum ersten Mal in ihrem kurzen Leben Sand und Salzwasser ertasten und erschmecken…..und hat eine Riesenfreude daran.

Vom Meer begeistert!
Vom Meer begeistert!

Vor der Reise hatte ich Bedenken, wie Amelie all die neuen Eindrücke, die sie geballt überfallen werden, verkraften wird. Wir stellen fest: Amelie steht total aufs Reisen! Sie begegnet allem und jedem mit einem eisbergschmelzendem Strahlen und Freudenjuchzern: Möwen, Wellen, Booten, dicken alten Opas, dem Wind, bunten Häusern.

Wir holpern geschirrklappernd nach Gloucester, dem wichtigsten Fischereihafen der USA. Hier spielt auch der Film „Der Sturm“ ( mit George Clooney). Als erstes begrüßt uns ein Fischerdenkmal, das zu Ehren aller zu Tode gekommenen Fischer steht. Mich berührt das. Denn hier sind in einer 6 Meter langen Tafel 5300 Namen von Fischern aus Gloucester verzeichnet, die auf dem Meer den Tod fanden. Zum Beispiel gingen in einer Sturmnacht 1879 20 Fischkutter unter. 150 Männer fanden den Tod. Ich stelle mir vor, was das für die Frauen und Kinder bedeutete. Mich fröstelt. Auf den Dächern der älteren Häuser an der Küste ist manchmal ein so genannter Witwensteg zu sehen. Hier kletterten früher die Ehefrauen hinauf, um sorgenvoll Ausschau nach dem Kutter ihrer Männer zu halten. Gloucester ist eine Stadt, die sich zwar bemüht für Touristen herauszuputzen, aber den Geruch nach harter Arbeit, Fisch und Melancholie nicht verstecken kann.

Mittags essen wir stilecht Hummer. Meine Premiere. Ich bin unbeholfen und lasse mir von der Bedienung die fachgerechte Zerteilung des Meerestieres zeigen. Mein Vegetarierherz blutet…und trotzdem sind alle Zweifel schnell vergessen, als ich das weiße Fleisch in geschmolzene Butter tauche und genieße! Unser nächstes Ziel Rockport steht im totalen Kontrast zu Gloucester. Prachtvolle, edle Villen thronen über dem ruhigen blauen Meer (in Gloucester erschien es grau und aufgepeitscht), herrliche Gartenanlagen und weißgetünchte Cottages wie aus der Zeitschrift „Country and Living“ säumen den Weg. In der Innenstadt reihen sich kleine, buntgestrichene Holzhäuschen aneinander. Sie beherbergen entweder Galerien, in die ich sofort entschwinde, wenn sie Fotografien ausstellen, Eiscremeläden, Lobsterbuden und Touristenramsch (My Granny went to Rockport and all I got is this lousy T-Shirt). Wenn man allerdings von dem Touripfad abweicht, steht man plötzlich vor windschiefen Hütten der Hummerfänger, vor denen sich bunte Hummerbojen und Fangkörbe stapeln.

Auf dem Rückweg zum Camper lockt mich das Meer. Und so genieße ich den Vorteil des Campers, ziehe mir schnell den Badeanzug an und springe ins kühle Nass. Kühl ist untertrieben! Deswegen ist der Strand fast menschenleer, das Wasser hat eine gefühlte Temperatur nahe dem Gefrierpunkt. Da aber einige Leute am Strand Sonnenbaden, will ich mir keine Blöße geben und spiele die Tapfere, tauche ein paar Mal fast sterbend unter und entschwinde dann ebenso würdevoll langsam schreitend ins Wohnmobil und unter die heiße Dusche.

Happy Amelie in Rockport
Happy Amelie in Rockport

Abends dann sitzen Armin und ich bei einem Lagerfeuer und unterhalten uns über Klischees, die wir Deutsche gerne über die Amerikaner pflegen und diese nur ungern auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Richtig ist zwar, dass fast jedes Klischee einen winzigen Kern Wahrheit in sich trägt, aber sie errichten auch Barrieren. Ich habe mein Gegenüber bereits in eine Schublade gepackt und bin nicht offen dafür, die Person tatsächlich kennenzulernen. Daher empfinde ich Klischees als lieblos und beziehungsfeindlich, sie würden mich dazu verleiten, ständig nach Bestätigung zu suchen. Ich möchte Amerika bereisen ohne den Ami bereits als oberflächlich, großmäulig und materialistisch abgestempelt zu haben. Wahrscheinlich rührt meine Empfindlichkeit Klischees gegenüber aus meinen vielen Reisen, auf denen ich selbst immer wieder mit deutschen Klischees konfrontiert wurde. Das reichte von „You Germans have no sense of humour“ (Hallo?? Ihr müsstet mal Helge Schneider erleben!!) bis hin zu “You fucking Nazi”. So, jetzt schmiert gleich der Akku ab, also Schluss für Heute!

Reisen, USA

Zum Leaflooker geadelt

Unser geschirrklapperndes Monster
Unser geschirrklapperndes Monster

Boston – Cape Ann

Wir haben wertvollen Schlaf nachgeholt! Und so starten wir gestärkt in den Tag, an dem wir Wohnmobil übernehmen und Vorräte einkaufen müssen.

Die Übernahme klappt reibungslos. Nun erfahren wir auch, dass wir Touris leicht verächtlich Leaf-Lookers genannt werden, also „Blättergucker“. Ja, dazu stehen wir! Ich bin ganz scharf auf den Indian Summer, ist doch der Herbst meine absolute Lieblingsjahreszeit. Hier in New England geht das Jahr quasi mit einem Mordspaukenschlag aus verschwenderischen Farben zu Ende. Linda, die uns einweist, hat sofort einen Narren an Amelie gefressen. Apropos Amelie. Sie ist ein echter Türöffner, mit jedem und allen kommen wir sofort ins Gespräch. Die Kinderfreundlichkeit der Amerikaner kann man wortwörtlich nehmen – überall werden wir sehr zuvorkommend behandelt, Amelie wird bestaunt und junge sowie alte Frauen kreischen vor Entzücken auf, sobald sie einen neugierigen Blick in den Buggy geworfen haben. So eben auch Linda, die Amelie mit Kinderspielzeug und Schmusattacken überhäuft. Unsere Süße fremdelt kein bisschen und fast habe ich den Eindruck, sie nutzt diese Zuneigungsbeweise weidlich aus.

So, nun sitzen wir endlich im Camper, unser Zuhause für die nächsten drei Wochen. Wir haben uns beim Fahren für die klassische Rollenverteilung entschieden: Armin fährt und ich navigiere (und nörgle). Amelie sitzt hinter uns und betrachtet mit großen Augen die amerikanische Landschaft, die am Panoramafenster vorbeizieht. Nächster Halt: Supermarkt. Mit einer Mischung aus Entzücken und Grauen betreten wir den amerikanischen Konsumtempel. Kilometerlange Kühltruhen erstrecken sich vor mir, gefüllt mit 50 Pizzasorten, die mir zuzurufen scheinen: „Kauf mich, kauf mich, schau meine verführerischen Käsefäden an!“ Der Einkauf erstreckt sich über Stunden, denn es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, wenn man „nur“ ganz normale Lebensmittel möchte. Vor dem Reisregal kapituliere ich vor dem Überangebot und möchte mich am liebsten heulend auf den Boden werfen. Ich will einfach nur stinknormalen Basmatireis. BASMATIREIS!! Ich finde nur: Reis nach Cajunart, Asian Fried Rice, Italian Supergorgonzola Rice, Rice and Beans usw. Leider gilt dieses Überangebot nicht für Babygläschen. Hier herrscht eine dünne Auswahl an 50 Gramm-Gläschen (alle Mamis werden jetzt entsetzt mit dem Kopf schütteln, denn das entspricht ungefähr einem Viertel von dem, was Babies pro Mahlzeit essen). So, dann kaufe ich eben einen Kürbis und koche selbst Brei. Pah! Ich schiebe den bis an den Rand gefüllten Wagen an die Kasse. „How are you today?“ ertönt es, die Standardbegrüßung, auf die der Amerikaner auf keinen Fall eine umfassende Berichterstattung der eigenen Befindlichkeit erwartet. Höchstens ein „Good thanks“ – auch wenn einem gerade die Mutter gestorben sein sollte.

Abends rumpeln wir dann auf den Campingplatz auf der Halbinsel Cape Ann. Wir sind müde, genervt. Denn einige Um- und Irrwege liegen hinter uns. Was als Highway ausgeschrieben war (vor meinem geistigen Auge sah ich eine wohlgeteerte deutsche Autobahn), entpuppte sich als schlechtere Landstraße, die von roten Ampeln gesäumt war. Die Straßenqualität machte einer DDR-Autobahn alle Ehre. Unser Geschirr und Besteck tanzte in den Schränken Boogie-Woogie, so dass uns noch später am Abend die Ohren klingelten. Unser Campingplatz liegt in einem offenen Mischwald, in dem offensichtlich die Eichhörnchen die Oberherrschaft an sich gerissen haben. Abends sitzen wir beim monotonen Gesang der Grillen unter den dunklen Bäumen und wehren uns erfolglos gegen die Müdigkeit, die uns früh ins Bett zwingt. Armin schläft über dem Führerhaus, Amelie und ich beziehen das Bett im hinteren Teil unseres Campers.

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Nörgelei, Lufthansa und Fettweggürtel – erste Reiseerlebnisse

Unser Abenteuer hat begonnen – 1 Monat New England mit unserer 9 Monate alten Amelie. Nun sitze ich gerade im Bostoner Sheraton und lasse die letzten 48 Stunden, einige davon recht bizarr, Revue passieren.

Rückblende: Fahrt zum Frankfurter Flughafen. Obwohl der Verkehrsfunk freie Fahrt angekündigt hatte, stehen wir kurz vor Hockenheim im Stau. Da ich eine Person bin, die leicht aus der Ruhe zu bringen ist, erst recht seitdem mein Nervenkostüm durch babybedingte kurze Nächte dünn ist, explodiert mein Ärger im Auto. „Alles unfähige Autofahrer! Die sind schuld, wenn wir zu spät zum Flughafen kommen!!“ (Tatsächlich waren wir aber pünktlich 3 Stunden vor Abflug beim Check-In). „Lasst unsere Vroni nörgeln“, so ertönt es trocken vom Beifahrersitz. Wenn uns auf Fahrten langweilig ist, dann bilden Armin und ich aus den Buchstaben auf Nummernschildern Sätze. Vor uns prangt LU-VN….

Endlich am Check-In in Frankfurt. Hier beginnt eine Odysee, die erst kurz vor Start ihr – glückliches- Ende findet. Wir hätten gerne zwei Sitze vor der Trennwand, die für Eltern mit Babies geblockt ist, da an der Wand Babybettchen für Langstreckenflüge eingehängt werden können.  So war zumindest die Info der Lufthansa-Infohotline. Allerdings sind diese schon vergeben, bis auf einen Platz. Macht nix, Hauptsache Amelie hat ihr Bettchen und muss nicht acht Stunden auf unserem Schoß sitzen. Dafür nehmen wir gerne in Kauf, getrennt zu sitzen. Am Gate lassen wir uns von einem Mitarbeiter bestätigen, dass ich diesen restlichen Platz bekomme. Ich juble. Das Jubeln vergeht mir, als wir boarden und ich feststellen muss, dass entgegen aller vorherigen Behauptungen und Versprechen alle Plätze vor der Trennwand vergeben sind: an amerikanische Passagiere, ohne Babies.

Jetzt platzt mir der Kragen…auf der Lufthansa-Homepage, bei der Hotline, beim Check-In: überall wurde behauptet, diese Reihe sei nur für Eltern mit Babies. Selbst ein weiteres, konsterniertes Paar mit 4 Monate altem Baby, das zwei Plätze schon vor Monaten an der Trennwand gebucht hatten, geht leer aus. Da stehe ich nun, mit meiner geduldigen Amelie auf dem Arm und koche vor Wut über soviel Inkompetenz. Die einzigen kompetenten Mitarbeiter der LH sind die unterbezahlten Flugbegleiter, die die Situation entschärfen (man spricht hier auch von Deeskalation, das wusste ich noch von meiner Saftschubsenausbildung….*klugscheißermodusaus*), indem sie die Trennwandpassagiere mit Charme und Diplomatie dazu bewegen, mit uns Plätze zu tauschen. Wir sind schon auf dem Rollfeld, als wir mit Kind und Krempel (Gott, wieviel Kram man braucht, wenn man mit Baby verreist!!) und viel Getöse umziehen. Kaum lasse ich mich in meinen Sitz mit einem Aufseufzer der Erleichterung plumpsen, weht mir ein Duft aus Richtung Windel entgegen. Unsere allen Situationen gewappnete und routinierte Flugbegleiterin gibt mir grünes Licht zum Turbowindelwechseln, denn wir sind in Richtung Startbahn unterwegs. Rasantes Windelwechseln auf minimalstem Raum ist eine Kunst, von der ich feststelle, dass ich sie beherrsche. Kaum sitzen wir wieder (ich schwer atmend nach der ganzen Hektik), erhebt sich der Airbus in die Luft Richtung Boston.

Der hart erkämpfte Babyplatz
Der hart erkämpfte Babyplatz

Im Gegensatz zum turbulenten Auftakt des Fluges, verläuft dieser dann völlig unspektakulär und störungsfrei. Amelie verschläft Start, den größten Teil des Fluges und Landung. Sie scheint meiner Globetrottergene und Armins Gelassenheit geerbt zu haben. Ach ja, die Einreiseformulare für die USA…die muss ich auch für Amelie ausfüllen. „Waren sie vor 1945 am Völkermord der Nazis beteiligt“ oder „Haben Sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen“, so lauten einige der Fragen, die ich für Amelie mit Ja oder Nein anzukreuzen habe. Wer wäre so ehrlich, hier mit Ja zu antworten?? Und was wären die Folgen? Ausweisung, Guantanamo, Todesspritze???

Wie dem auch sei, endlich stehen wir auf amerikanischem Boden und quartieren uns erstmal im Flughafenhotel ein. Eine unruhige und kurze Nacht macht für Armin und mich den Jetlag nicht leichter. Amelie hingegen schläft den Schlaf des weltreisenden Babies. Solange sie die Reise gut verkraftet, bin ich bereit jedes Opfer zu bringen. Gegen drei Uhr nachts ist es dann aber erstmal vorbei mit Nachtruhe. Völlig erschöpft knipst Armin das Licht an: „Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz“. Ja, es ist mein Geburtstag, den ich gerade sehr müde in einem nichtssagenden Hotel, in einem nichtssagendem Industrieviertel verbringe. Das ist gerade ziemlich deprimierend. Um mich abzulenken, gingen wir ein bisschen Shoppen. Auf der Toilette des Ladens ereilte mich ein kurioser Marketingversuch: ich hatte gerade Amelie gewickelt, als sich eine Klotür öffnete und eine füllige schwarze Frau meines Alters ihren großen Auftritt hatte: „Hey, Mommies, look at me (jetzt sinngemäß auf Deutsch weiter) Schaut euch meinen tollen Körper an! Ein Körper wie eine Eieruhr. Und wollt ihr das Geheimnis wissen?“ Sie ließ mich und eine weitere Frau nicht lange im Dunkeln tappen, machte ihre Hose auf, lupfte ihr Shirt und zum Vorschein kam ein Fettweggürtel, den sie prompt öffnete. Ein cellulitöser, von mehreren Schwangerschaften gezeichneter Bauch fiel mir entgegen. „Wenn ihr Interesse am Fettweggürtel habt, hier meine Visitenkarte“. Damit drückte sie jeder von uns ihre Karte in die Hand und wackelte mit ihrer Eieruhrfigur davon. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Lachen, weil das die kreativste Werbestrategie war, die mir seit langem begegnet ist und Weinen, weil sie MIR einen Fettweggürtel angeboten hatte!!!! Der Fall liegt klar: nach dem Abstillen geh ich auf Diät. Pfeif auf den Fettweggürtel!!! Mogelei ist nicht, spätestens abends beim Ausziehen zeigen sich die nackten Fakten ohne Retuschierung und Schönmalerei.

Armin und ich pflegen nun noch ein bisschen unseren Jetlag, werden nachher meinen GEburtstag bei Sushi und Budweiser feiern und früh zu Bett gehen (Bombengeburtstag).

Morgen früh mieten wir dann unser Wohnmobil an. Sind schon tierisch gespannt!!!